
London. (reu/dpa/sf) Die britische Wirtschaft ist nach einem schwachen ersten Quartal überraschend in die zweite Rezession seit der Finanzkrise gefallen. Damit steigt der Druck auf die konservativ-liberale Regierung um Premierminister David Cameron, die trotzdem an ihrem Sparprogramm festhalten will. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) fiel vorläufigen Zahlen zufolge in den ersten drei Monaten des Jahres um 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, teilte die Nationale Statistikbehörde am Mittwoch in London mit. Volkswirte hatten hingegen mit einem leichten Anstieg von 0,1 Prozent gerechnet.
Im vierten Quartal 2011 war das britische BIP um 0,3 Prozent geschrumpft - ab zwei Minus-Quartalen in Folge wird von einer Rezession gesprochen. Grund für den Abfall seien vor allem Probleme im Bausektor, der mit minus drei Prozent den größten Rückgang in drei Jahren verzeichnete. Die Wirtschaft leidet auch unter den schwächelnden Dienstleistern. Der Service-Sektor, der mehr als drei Viertel der gesamten Wirtschaftskraft ausmacht, legte nur um 0,1 Prozent zu. Die mächtige Finanzbranche schrumpfte um 0,1 Prozent zum Vorquartal. Auch bei der Produktion blieb das erwartete Wachstum aus.
Cameron: "Sehr, sehr enttäuschende Zahlen"
Premierminister Cameron sprach von "sehr, sehr enttäuschenden" Zahlen. "Die Regierung wird ihre Hände nicht in den Schoß legen und diese sehr schwierige Situation angehen, die ehrlich gesagt gerade noch schwieriger geworden ist", sagte Cameron im Parlament. Seine Regierung ist dringend auf Wirtschaftswachstum angewiesen, um wie geplant das Staatsdefizit in den nächsten fünf Jahren abzubauen. Das wird schwierig, weil bereits einige Handelspartner in der Rezession stecken.
Finanzminister George Osborne erklärte, man werde am Sparkurs festhalten. "Es dauert länger als erhofft, um sich von der größten Schuldenkrise unserer Zeit zu erholen." Den Schuldenberg nun zu erhöhen, würde die Situation aber nur verschlimmern.
Die politischen Gegner von der Labour-Partei und den Gewerkschaften sehen dies ganz anders und fordern ein Umschwenken. "Die Regierung von Torys und Liberalen haben die Warnungen in den Wind geschlagen, dass das Sparen die britische Wirtschaft völlig unnötig zurück in die Rezession treibt", sagte Generalsekretär Paul Kenny von der Gewerkschaft GMB.
Die Wirtschaft im Vereinigten Königreich hatte 2008 und 2009 mehr als ein Jahr lang in der Rezession gesteckt. Für das Gesamtjahr rechnet der Internationale Währungsfonds mit einem BIP-Wachstum von 0,8 Prozent in der größten Volkswirtschaft außerhalb der Eurozone.
Viele EU-Länder leiden unter schwächelnder Konjunktur
Zu Wochenbeginn meldete Spanien, dass es im ersten Quartal in die Rezession gerutscht ist. Das BIP des hoch verschuldeten Euro-Landes schrumpfte in den ersten drei Monaten im Vergleich zum Vorquartal um 0,4 Prozent, nach minus 0,3 Prozent im vierten Quartal 2011. Auch die niederländische Wirtschaft ist in eine Rezession abgerutscht. Portugal durchlebt die schwerste Rezession seit den 1970er Jahren, auch Italien und Griechenland werden von einem andauernden Rückgang der Wirtschaftsleistung gebeutelt.
Die größte Volkswirtschaft Europas, Deutschland, war Ende 2011 geschrumpft, dürfte nach Ansicht der Bundesregierung aber schon bald wieder Fahrt aufnehmen. Wirtschaftsminister Philipp Rösler erwartet für 2012 einen BIP-Anstieg von 0,7 Prozent. Österreich verzeichnete im vierten Quartal 2011 einen Rückgang des BIP von 0,1 Prozent.