
Athen. (red) In knapp drei Wochen, am 6. Mai, finden in Griechenland vorgezogene Neuwahlen statt - und die Stimmung im Land könnte schlechter nicht sein. Erstmals sind mehr als eine Million Menschen arbeitslos, die Quote liegt jetzt exakt bei 21,8 Prozent. Vor einem Jahr waren es noch 14,8 Prozent. Nur Spanien ist noch stärker von Arbeitslosigkeit betroffen.
Arbeitslosengeld gibt es in Griechenland nur ein Jahr lang, dann werden die Betroffenen ausgesteuert. Besonders schlimm trifft die Wirtschaftskrise die Jugendlichen - das griechische Statistikamt Elstat hat am Donnerstag mit Horror-Zahlen herausgerückt: Demnach haben 50,8 Prozent der Griechen zwischen 15 und 24 Jahren keine reguläre Arbeit, das sind bereits doppelt so viele wie vor drei Jahren.
Auch die Arbeitnehmer ab 60 Jahren werden nicht verschont. Der Apotheker Dimitris Christoulas, der sich vorige Woche mit einem Kopfschuss vor dem Athener Parlament das Leben genommen hat, ist auf dem besten Weg, zu einem nationalen Symbol zu werden: In seinem Abschiedsbrief hatte der verschuldete 77-Jährige geschrieben, dass er nicht den Müll nach Nahrungsmitteln durchwühlen und zur Belastung seiner Kinder werden wolle. Viele, denen die monatlichen Überweisungen zuletzt drastisch gekürzt wurden, identifizieren sich jetzt mit dem toten Apotheker. Das Mitgefühl gilt den Angehörigen Christoulas’, vor dem Parlament auf dem Syntagma-Platz werden immer wieder Blumen und Kerzen niedergelegt.
Schlechte Aussichten für die bevorstehenden Neuwahlen
Gleichzeitig wächst die Wut auf die etablierten Parteien. Ob die sozialistische Pasok und die konservative Nea Dimokratia (ND) gemeinsam am 6. Mai eine Mehrheit zustande bringen, steht in den Sternen. Die Pasok ist von 43 auf 16 Prozent abgestürzt, die ND liegt bei 20 Prozent der Stimmen. Diese beiden Parteien sind die einzigen, die mehr oder weniger hinter dem drastischen Sparprogramm stehen, das die internationalen Kreditgeber Griechenland zuletzt auferlegt haben. Erschwerend kommt die kompromisslose Haltung des ND-Vorsitzenden Antonis Samaras hinzu: Er will ungeachtet der Umfragewerte unbedingt alleine regieren.
Deutschland - wo Arbeitskräfte fehlen - will jetzt gezielt qualifizierte Spanier und Griechen ins Land holen. "Alleine in Deutschland sind mehr als eine Million offene Stellen gemeldet, und der Bedarf an Fachkräften wird schon wegen der schrumpfenden Bevölkerung weiter ansteigen", erklärte die Arbeitsministerin Ursula von der Leyen am Donnerstag. Sie will deshalb Initiativen fördern, "die talentierte junge Menschen aus EU-Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit nach Deutschland lotsen".
Ob die talentierten jungen Griechen nun tatsächlich nach Deutschland strömen werden, ist ungewiss. Einer neue Studie zufolge zieht es die Jungen, die in den Metropolen keine Arbeit finden, eher aufs Land. Das griechische Landwirtschaftsministerium schätzt die Zahl der Abwanderungswilligen auf mindestens eine Million. Mehr als die Hälfte davon wäre trotz geringerem Einkommen bereit, in der Landwirtschaft zu arbeiten.