
Peking. (hes/wak) Die bald 1,4Milliarden Chinesen haben es satt, sich von Reis und Hülsenfrüchten zu ernähren: Mit zunehmendem Wohlstand verschiebt sich das Nahrungsspektrum der Bevölkerung: Huhn. Schwein. Rind. 1985 aß ein Chinese im Durchschnitt nur 20 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Das war zwei Jahre, bevor Kentucky Fried Chicken (KFC) als erste US-Fastfood-Kette eine Filiale eröffnete.
Heute gibt es mehr als 3500 KFC-Standorte in der Volksrepublik und der Fleischkonsum beträgt 50 Kilogramm. Zum Vergleich: Die Österreicher essen derzeit pro Kopf und Jahr rund 110 Kilo Fleisch. Doch China holt auf: Schätzungen zufolge werden 2030 in einigen urbanen Regionen Chinas sogar mehr als 120 Kilo pro Jahr konsumiert werden.
Eine Viehwirtschaft im Hinterhof wird dem bevölkerungsreichsten Land der Welt somit nicht reichen. Chinas Führung will aber nicht von Importen abhängig sein, sondern den Bedarf langfristig im Land decken - und greift zu einem bewährten Mittel: Sie macht sich Know-how zu eigen.
"Die Chinesen wollen vermeiden, dass sie allein für die Produktion von Industriegütern zuständig sind, sich aber von Europäern und Amerikanern ernähren lassen müssen", erklärt Wifo-Experte Franz Sinabell. China werde sich zumindest bis 2020 größtenteils selbst versorgen können. Dann könnte es eng werden; darauf deuten die seit 2002 steigenden Preise für Agrargüter hin.
Um den Fleischbedarf zu decken, muss somit die Viehzucht effizienter werden. Wie das geht? Durch westliche Gene. Ein herkömmliches chinesisches Huhn braucht etwa 120 Tage, um ein schlachtreifes Gewicht zu erlangen. Eine US-Züchtung braucht dafür nur 41 Tage.
"Wenn sich eine Ernährungsweise so schnell ändert, wie die chinesische, ist es am effizientesten, die Gene der Tiere zu verändern. Wir haben die Gene, die sie wollen", erklärt Ronald Lemenager, Universitätsprofessor in Indiana. Das schlägt sich auch in den Zahlen nieder: Der Export von US-Zuchtvieh und dessen Erbmaterial hat sich in den letzten zwei Jahren mit einer Zunahme von 82 Prozent fast verdoppelt.
Holstein-Rind stark gefragt
Auch, weil China 2011 das Importverbot von lebenden Schweinen aus den USA aufgehoben hat. Rinder hingegen dürfen bisher nur als tiefgefrorene Samen nach China importiert werden. Vergangenes Jahr hat China 41 Millionen Dollar für Zuchtvieh und genetisches Material ausgegeben. Das größte Stück vom Kuchen schnitten sich dabei die USA ab.
Dass die Amerikaner die Nase vorne haben, ist in der Branche ein offenes Geheimnis. Europa zieht langsam mit, Österreich zählt zu den Schlusslichtern. Seit Ende 2010 sind zwei große österreichische Betriebe zertifiziert, Rindersamen nach China zu exportieren. Das hängt einerseits mit dem Fehlen eines eigenen Vertriebsnetzes vor Ort zusammen. Andererseits damit, dass weltweit vor allem die Rindviecher-Rasse Holstein begehrt ist, welche die Zucht in den Niederlanden, Deutschland und Großbritannien dominiert. In Österreich wird hingegen vor allem Fleckvieh gezüchtet. Diese Rasse sei "resistenter und lebt länger, aber sie gibt weniger Milch", erklärt Peter Kreuzhuber vom Rinderzucht-Verband Genetic Austria. Zu wenig Hochleistung also nach Chinas Geschmack.
Dabei wäre das Potenzial groß: Der Wert der EU-Agrarexporte nach China belief sich 2010 auf 3,3 Milliarden Euro - das war nahezu eine Verdoppelung innerhalb von sechs Jahren. Der Großteil entfällt noch auf Fisch und Milchprodukte, danach folgen Getreide und Schweinefleisch.
Zuchtfortschritt ist limitiert
Laut dem Amsterdamer Centre for World Food Studies stehen sich die EU und China im Weg: Sie betrachten einander als Rivalen im Import von Futtermitteln und Export von Lebensmitteln und verspielen so Geschäftschancen. Die Europäer sollten viel öfter ihr Viehzucht-Wissen in Joint-Ventures einbringen.
In den USA sorgt der Export von Zuchtvieh für ambivalente Gefühle. Einige Experten frohlocken, der Export von Vieh-Genmaterial tue neue Geschäftsfelder auf: Diese Tiere müssten wiederum US-Turbo-Futter fressen - und China komme nicht von der Import-Nadel los. Andere unken, dass China den USA den Rang ablaufen werde - wie schon in der Industrie so auch in der Produktion tierischer Nahrungsmittel.
Wifo-Forscher Sinabell warnt überhaupt davor, die Potenziale überzubewerten. Der Trend knapper Lebensmittel lasse sich so nicht umkehren: "Der Züchtungsfortschritt, den wir jetzt beobachten, reicht nicht aus, um steigende Preise zu verhindern."