Athen/Berlin.Die konservative Nea Dimokratia (ND) befindet sich auf Kuschelkurs und nimmt sogar die kleine bürgerliche Partei "Demokratische Allianz" wieder in ihre Reihen auf, dessen Parteichefin Dora Bakoyannis von ND-Parteichef Antonis Samaras persönlich vertrieben worden war. Man bilde eine "große patriotische Front", sagte Samaras am Montag in Athen.Für ihn zählt jetzt jede Stimme. Die ND ist derzeit gleich auf mit dem Bündnis der Radikalen Linken (Syriza) und es geht um nicht weniger als den Verbleib Griechenlands in der Eurozone.
Denn seit der impliziten Abwahl des Sparkurses und einer gescheiterten Regierungsbildung in Griechenland wird - bis zur neuen Wahl am 17.Juni - immer offener über einen Austritt Athens aus der Währungsunion diskutiert. Am Wochenende haben sich die Vertreter der acht größten Industrienationen (G8) für einen Verbleib Griechenlands in der Eurozone ausgesprochen.
Doch zu welchem Preis? Der Chef des Syriza-Bündnis, Alexis Tsipras, befindet sich derzeit auf einer Tour durch Paris und Berlin, um mit Gleichgesinnten über einen neuen Reformkurs für Griechenland zu debattieren. "Die Umsetzung der Sparpolitik ist offensichtlich gescheitert", erklärt der 37-jährige Tsipras, dessen Partei bei der erneuten Wahl im Juni gute Chancen hat, zur stärksten Kraft zu werden.In seiner Heimat spiele sich seit zwei Jahren eine Art verordneter Selbstmord ab, meinte Tsipras in Gegenwart des Chefs der französischen Linksfront, Jean-Luc Mélenchon, auf einer Pressekonferenz. Es sei nicht einfach ein Sparprogramm, was in Griechenland umgesetzt wird, "sondern das Experiment einer neoliberalen Schocklösung." Diese Zukunft drohe auch anderen EU-Staaten, warnte Tsipras. Am Dienstag wird sich Tsipras mit den führenden Politikern der deutschen Linkspartei, Klaus Ernst und Gregor Gysi treffen.
Neues Paris pocht auf alte Reform-Zusagen von Athen
Der neue französische Staatschef Francois Hollande hat übrigens ein Treffen mit Tsipras abgelehnt, obwohl Hollande mit seinen Forderungen nach einer stärkeren Wachstumsinitiative zum Hoffnungsträger der Spar-Kritiker geworden ist. Der neue französische Finanzminister, Pierre Moscovici, war am Montagabend auf einer Linie bei dem Treffen mit einem deutschen Kollegen Wolfgang Schäuble: Man wolle, dass Griechenland im Euroverbund bleibt, aber die Zusagen zu den Reformen müssen eingehalten werden.
Die gewollte Lockerung der Sparauflagen würde einen Präzedenzfall schaffen, der die gesamte Hilfen-Strategie im Währungsraum gefährden würde, warnte der Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther. Eurobonds lehnte das IW erneut ab, da ihre Einführung zu finanzpolitischem "Schlendrian" führen würde. Für den Rest der Eurozone wäre ein Austritt Griechenlands möglicherweise ein "Befreiungsschlag". In Griechenland würde aber im Falle eines Austritts das Chaos ausbrechen, so Hüther.
Das wissen auch die Griechen. Der Kurs der Drachme dürfte sich unter dem Druck einer heftigen Reaktion der Finanzmärkte zunächst im freien Fall befinden. Mehrere Studien sagen einen Wertverlust für die Ersparnisse der Griechen von 50 Prozent voraus. Viele Griechen befürchten das längst, allein am Montag vergangener Woche wurden 700 Mill ionen Euro von griechischen Banken abgehoben. Seit 2009 sollen bereits 16 Milliarden Euro im Ausland in Sicherheit gebracht worden sein.
Laut zwei griechischen Umfragen vom Wochenende könnte der Sparkurs daher bei der nächsten Wahl wieder auf eine Mehrheit kommen: Die ND und die sozialistische Pasok kommen auf 150 bis 160 der 300 Parlamentssitze.
Am Mittwoch findet ein EU-Sondergipfel für Wachstum in Europa statt. Der italienische Regierungschef Mario Monti forderte Impulse einschließlich einer "Entwicklung in Richtung Euro-Bonds". Am Dienstag wird Kanzler Werner Faymann vor dem EU-Hauptausschuss des Nationalrats über die Vorbereitungen des Sondergipfels informieren.