Genf. Europa droht eine verlorene Generation, warnt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO). Mit zunehmender Verzweiflung seien Millionen junger Menschen auf der Suche nach Arbeitsplätzen - der Misserfolg erzeuge ein Gefühl von "sozialer Ausgrenzung, Nutzlosigkeit und Nichtstun". Eine aktive Beschäftigungspolitik für Jugendliche müsse deshalb für Regierungen höchste Priorität haben, fordern die Experten der UN-Tochterorganisation in ihrem jüngsten globalen Bericht.
Jugendliche ohne Perspektive sind längst kein Alleinstellungsmerkmal von armen afrikanischen Staaten mehr: In der EU und den anderen hoch entwickelten Industrieländern nahm die Arbeitslosenquote bei 15- bis 24-Jährigen zwischen 2008 und 2011 besonders stark zu - um mehr als ein Viertel. 2011 betrug die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen 18,1 Prozent - ein Plus von 4,7 Prozentpunkten gegenüber 2008. 2012 wird sie mit 18 Prozent nur unwesentlich sinken.
Am stärksten stieg die Jugendarbeitslosigkeit krisenbedingt zwischen 2008 und 2009. Danach habe es aber trotz aller Bemühungen keinen nennenswerten Rückgang gegeben. Zum Teil reflektiere das die schwache Erholung westlicher Volkswirtschaften. Mittelfristig werde zwar ein leichter Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit erwartet, "jedoch wird das Vorkrisenniveau kaum vor 2016 erreicht werden". Ohne Gegenmaßnahmen von Politik und Wirtschaft werde sich nichts ändern, warnen die ILO-Experten.
Regional ist die Arbeitslosigkeit unter jungen Leuten stark unterschiedlich ausgeprägt. So betrug sie 2008 in Südasien vergleichsweise geringe 8,6 Prozent, im Nahen Osten hingegen 25,7 Prozent. Weltweit hätten fast 75 Millionen junge Menschen keinen Job, vier Millionen mehr als 2007.
EU-Projekt für nicht einmal ein Promille der Betroffenen
Österreich, Deutschland, die Schweiz und Dänemark gelten als Vorbilder im Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit, sagte José Manuel Salazar-Xirinachs, Chef der ILO-Arbeitsmarkt-Abteilung, vor wenigen Tagen in Schanghai: "Wer erfolgreich sein will, muss die theoretische Ausbildung im Klassenzimmer und die praktische am Arbeitsplatz kombinieren." Nötig sei die enge Kooperation von Regierungen, Arbeitgebern, Gewerkschaften und Bildungsstätten. Österreichs System mit garantierten Ausbildungsplätzen für Lehrlinge sowie überbetrieblichen Lehrwerkstätten gilt als mustergültig.
Die EU-Kommission startet ein Pilotprojekt: Arbeitsmarkt-Vermittlungen sollen Jugendlichen helfen, in einem anderen EU-Land Arbeit zu finden. Neben Information und Bewerbungshilfen soll es auch finanzielle Unterstützung geben. Der Haken: Gedacht ist das für 5000 Personen. Laut Kommission sind aber 5,5 Millionen junge Europäer auf Jobsuche . . .