• vom 28.07.2017, 17:12 Uhr

Ausbildung & Arbeitswelt

Update: 28.07.2017, 19:21 Uhr

Berufsmesse

Viele Flüchtlinge haben das Potenzial, gesuchte Fachkräfte zu werden




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Von Martina Madner

  • Rund 3500 Arbeitssuchende besuchten Österreichs erste Jobmesse für Flüchtlinge. Ein Jahr später zeigt sich: Die Personalisten waren begeistern, viele Flüchtlinge auch — die Arbeitssuche wäre mit rascherer Förderung aber einfacher.

Die Bäckerlehrlinge Razeq, Ali und Ocelan fanden Ausbildner Rudolf Brauchard auf der Messe. - © Ströck

Die Bäckerlehrlinge Razeq, Ali und Ocelan fanden Ausbildner Rudolf Brauchard auf der Messe. © Ströck



Die Personalisten am Messestand der Wiener Vier- und Fünf-Sterne-Hotels informierten über die Einstiegschancen in die Branche.

Die Personalisten am Messestand der Wiener Vier- und Fünf-Sterne-Hotels informierten über die Einstiegschancen in die Branche.© Stani Jenis Die Personalisten am Messestand der Wiener Vier- und Fünf-Sterne-Hotels informierten über die Einstiegschancen in die Branche.© Stani Jenis

Wien. Bereits eine Stunde vor dem Beginn der Chancen:Reich, Österreichs erster Berufsmesse für geflüchtete Menschen, hatten sich am 29. Juni 2016 rund 300 Wartende vor der Halle E und den Hofstallungen im Museumsquartier geduldig in eine zunehmend länger werdende Schlange eingereiht. Und es wurden laufend mehr, die Sonne sorgte schon morgens für sommerliche Hitze.

Auch der heute 35-jährige Hasan Al Kassier aus dem Irak reihte sich in die Wartenden ein. Er kam mit seinem "Buddy" Franz Steiner, den er über die Flüchtlingshilfe Schwechat kennengelernt hatte. Die beiden nutzten die Zeit zum Plaudern, bis sich die Pforten der Messe um 9.30 Uhr öffneten.

Hürden, die Flüchtlinge am Arbeiten hindern

Al Kassier hatte im Irak ein Wirtschafts- und Marketing-Studium absolviert. Franz Steiner hatte "in den Medien von der Messe erfahren". Er unterstützt wie andere Freiwillige in Schwechat Flüchtlinge beim Ankommen in Österreich. "Wir waren vor kurzem bei der ÖH, um zu schauen, wie die Nostrifizierung funktioniert. Dann kommt noch die Wohnungs- und die Arbeitssuche auf uns zu", sagte Steiner. Die beiden lernen zusätzlich zum Intensivkurs auch Deutsch miteinander, "eine wirklich sehr schwierige Sprache", sagte Al Kassier zwar mit Akzent, aber einwandfrei verständlich. Die beiden verband auch eine künstlerische Leidenschaft, sie wirkten beide an den Nestroy-Spielen in Schwechat mit. An Kompetenzen brachte der junge Mann darüber hinaus Arabisch, Russisch und etwas Englisch mit.

Fotograf Louai Abdul Fattah will mit einer Lehre starten.

Fotograf Louai Abdul Fattah will mit einer Lehre starten.© Stani Jenis Fotograf Louai Abdul Fattah will mit einer Lehre starten.© Stani Jenis

Auf der Messe ging es beiden er mal darum, "zu sehen, was es für Arbeit gibt und Kontakte zu knüpfen". Denn arbeiten durfte er damals noch nicht: Nach acht Monaten in Österreich musste Al Kassier damals noch auf den Ausgang des Asylverfahrens warten.

Rund 40 Unternehmen auf Personalsuche

Und endlich öffneten sich die Türen, die ersten 500 von letztendlich 5000 Interessierten, davon 3500 aus der eigentlichen Zielgruppe der Flüchtlinge, strömen zu den Messeständen der 80 Aussteller. Neben Flüchtlings-, Arbeitsmarktberatungs- und Bildungseinrichtungen wie beispielsweise der Diakonie, dem AMS Wien oder Refugees-Work waren auch rund 40 Unternehmen mit dabei: Rund um die Personalisten an den größeren Ständen von Ströck, Spar, Rewe, Siemens, Ikea oder Dussmann, aber auch jenen der kleineren Unternehmen wie Runtastic und den Wiener Vienna-Leading-Hotels wie dem Ritz-Carlton oder dem Vienna Mariott war der Andrang an Interessierte groß.

Die meisten Flüchtlinge hatten ein Mäppchen mit Lebensläufen mit dabei, um bei den Personalisten der Unternehmen gleich einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, da auf der Messe nur kurze Gespräche möglich waren. Die wiederum wollten sich Mitarbeiter-Potenzial fürs eigene Unternehmen sichern. Ein Jahr danach zeigt sich, dass zwar nach wie vor viele nach dem passenden Job oder Bewerber suchen, aber die erste Chancen:Reich durchaus Unternehmen und Flüchtlinge matchen konnte.

Erfolgreiche Personalsuche
großer Konzerne

Zum Beispiel Eva Planötscher-Stroh, Personalleiterin des 1600 Mitarbeiter großen und in Wien und Umgebung tätigen Bäckereiunternehmens Ströck. Sie erklärte auf der Messe beinahe am laufenden Band ständig neuen Flüchtlingen - in diesem Moment waren es gerade sechs junge Männer auf einmal: "Wir suchen Servicepersonal für unsere Cafés. Es gibt zwei Schichten, eine bis Mittag, eine ab Mittag, 40 Stunden Vollzeit, verteilt auf sieben Tage die Woche, auch am Wochenende." Ein junger Mann drückte ihr seinen Lebenslauf in die Hand, bedankte sich höflich für die Information und ging zu den Lebensmitteleinzelhändlern.

Sind Qualifizierte dabei? "Bei uns im Service ist es nicht so tragisch, wenn man keine Ausbildung hat. Uns geht es darum, was die Leute können, und nicht um den formalen Abschluss", sagte Planötscher-Stroh und hatte wieder zu tun. Sie wollte die nächsten Bewerber nicht warten lassen.

Insgesamt wurden es schließlich 101 Lebensläufe, die die Personalleiterin für Ströck von der Messe mitnehmen konnte, resümiert sie gut ein Jahr später. "Die Leute auf der Messe haben einen sehr, sehr guten Eindruck gemacht. Ich war sehr überrascht, dass die Deutschkenntnisse der meisten wesentlich besser waren als anfänglich befürchtet", erzählt Planötscher-Stroh heute.

Neben Servicepersonal suchte das Unternehmen Mitarbeiter für den Verkauf und die Bäckerei, darüber hinaus Lehrlinge. 58 Bewerbungsgespräche führten Planötscher-Stroh und ihre Human Resources-Kollegen im Anschluss: "28 erhielten eine Jobzusage, 21 haben tatsächlich auch begonnen." Darunter auch die beiden 21-jährigen Flüchtlinge aus Afghanistan, Razeq und Ali, sowie der 18-jährige Ocelan aus Syrien. Sie werden bei Ströck nun von Meister Rudolf Brauchard zu Bäckern ausgebildet und "machen sich gut", sagt die Personalistin.

Ein Recruting-Erfolg sei die Messe "allemal gewesen", auch weil sich die Flüchtlinge beim Anmelden mit Messe und Ausstellern beschäftigt hatten und damit "anders als bei anderen Jobmessen manchmal üblich nicht das Einsammeln von Werbegeschenken, sondern tatsächlich die Jobs im Fokus standen."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-28 17:18:11
Letzte nderung am 2017-07-28 19:21:39



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