• vom 26.08.2016, 11:09 Uhr

Ausbildung & Arbeitswelt

Update: 26.08.2016, 15:55 Uhr

Integration

Unreflektierte Normen als Bildungshemmnis bei Flüchtlingen




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Von WZ Online, APA

  • Reflektierte Lehrer und klare Regeln an den Schulen als Voraussetzung für erfolgreiche Bildungswege.

Alpbach/Wien. "Unreflektierte Normen, Werte und Einstellungen" sind laut der Kommunikationspädagogin Renate Csellich-Ruso die größten Hemmnisse auf dem Bildungsweg junger Flüchtlinge. Zu deren Förderung brauche es sensible Lehrer und klare Regeln an den Schulen, sagt sie im Vorfeld eines Arbeitskreises beim Europäischen Forum Alpbach. Moderne Technologien könnten dabei maximal unterstützend wirken.

Man könne nicht per se davon ausgehen, dass Bildung allen jugendlichen Flüchtlingen wichtig ist, betont Csellich-Ruso, eine der Vortragenden beim heute, Freitag, stattfindenden Arbeitskreis "Technologierezeption bei SchülerInnen aus dem Migrationsmilieu: Ein Plädoyer für transkulturelle Kompetenz als neue Aufklärung" bei den Technologiegesprächen in Alpbach. Die Motivation der Jugendlichen hänge ebenso wie ihre Technologieaffinität von vielen Faktoren ab (Schicht, Bildung der Eltern, Religion, Umfeld in Österreich). Auch die unterschiedlichen Vorstellungen von Schule sind entscheidend - etwa dafür, ob regelmäßig der Unterricht besucht wird. "Flüchtlinge - Kinder, Jugendliche und auch ihre Eltern - gehen so an Schule heran, wie sie es gelernt haben. Diese Vorstellungen werden auch über Grenzen und Generationen hinweg mitgenommen."

Moderne Technologien sind für eine kulturelle Annäherung aus Csellich-Rusos Sicht nur bedingt geeignet. Eine solche könne nur in Gang kommen, wenn Menschen interagieren: "Wenn Lehrer reflektiert sind und überlegt haben, wie sie Schüler in ein Fach locken und es ihnen näherbringen können, dann gelingt fast alles", sagt Csellich-Ruso. Als Rüstzeug im Umgang mit kulturellen Unterschieden bräuchten Lehrer jedoch Hintergrundwissen, um bei Missverständnissen oder Konflikten adäquat reagieren zu können. Dazu gehöre Wissen etwa über Unterschiede in der Kommunikation, über Bildungs- und Lernerwartungen, Gesellschaftsstrukturen, Religion, unterschiedliche Strömungen im Islam und den Begriff der "Ehre" in anderen Kulturen.

Dabei geht es für die Kommunikationspädagogin darum, das Handeln seines Gegenübers nachzuvollziehen und zu verstehen. "Das heißt aber nicht, dass ich es akzeptieren muss." Es sei wichtig, dass das gesamte Team an einer Schule - vom Direktor über Lehrer bis zum Schulwart - die klare Haltung einnehme, dass gewisse Regeln einzuhalten sind. "Ich muss einem Schüler sagen können: Ja, du kannst beten - aber nicht während der Schularbeit."

Nicht nur bei der kulturellen Integration, auch beim Einsatz im Unterricht von Flüchtlingen sind modernen Technologien relativ enge Grenzen gesetzt, zeigt ein Erfahrungsbericht des HTL-Lehrers Michael Boltz. Er hat im vergangenen Schuljahr eine sogenannte Übergangsstufe mit 16 Flüchtlingen in Mathematik unterrichtet. In solchen Klassen sollen die Jugendlichen für den Besuch einer berufsbildenden Schule qualifiziert werden.

Die 15- bis 18-Jährigen aus Syrien, Afghanistan, Somalia, dem Iran und Irak hatten dabei ganz unterschiedliche Vorbildung: Jugendliche aus Syrien, die davor zehn Jahre lang die Schule besucht hatten und Integralrechnungen beherrschten, saßen neben einem Burschen aus Ghana, der davor nur zwei Jahre in der Schule war und Probleme mit Rechnungen im Zahlenraum von eins bis zehn hatte. Erschwerend kam dazu, dass laut Boltz von den eigentlich 16 Schülern im Verlauf des Schuljahres schließlich nur weniger als die Hälfte in der Klasse gesessen seien, und das auch noch in wechselnder Besetzung. "Ihre Hauptmotivation war, Deutsch zu lernen. Bei anderen Angeboten wie Englisch oder Mathematik bin ich mir nicht sicher, ob das gut angenommen worden ist."

Sehr groß waren in dieser Gruppe auch die Unterschiede beim Umgang mit Technologie. Klassische Computerprogramme für den Mathematik-Unterricht, die Rechenoperationen lösen können, seien wegen der unterschiedlichen Niveaus kaum einsetzbar gewesen. Mit dem Schul-Laptop hätten sich die Schüler außerdem kaum zu arbeiten getraut, weil er nicht ihr Eigentum war.

Alternative war dann der Umstieg auf die Mobiltelefone der Schüler. So haben die Jugendlichen etwa selbstständig Gleichungen gelöst und dann per App das Ergebnis und den Lösungsweg kontrolliert. Viel Spaß hatten die Schüler laut Boltz auch beim Lösen von Aufgaben ihres jeweiligen Niveaus auf speziellen Internetseiten, vor allem, wenn sie bei einer richtigen Lösung belohnt wurden - und sei es nur durch ein tanzendes Smiley. "Uns ging es aber nicht vorrangig darum, Technologie zu verwenden, sondern dass die Schüler ihren Kopf verwenden und ihr Gedächtnis schulen."





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Dokument erstellt am 2016-08-26 11:10:23
Letzte nderung am 2016-08-26 15:55:11



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