• vom 27.03.2017, 15:14 Uhr

Ausbildung & Arbeitswelt

Update: 27.03.2017, 16:19 Uhr

Schule

Fremdsprachen-Normalität in Wien




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Von Valentine Auer

  • Rund 90 Prozent der Schüler an der Mittelschule Leipziger Platz in der Brigittenau sind zweisprachig.



"Die Kinder lernen so viel voneinander - sowohl kulturell als auch zwischenmenschlich. Daher war die Vielfalt für mich nie eine Herausforderung", meint Schuldirektorin Johanna Kirchmayer.

"Die Kinder lernen so viel voneinander - sowohl kulturell als auch zwischenmenschlich. Daher war die Vielfalt für mich nie eine Herausforderung", meint Schuldirektorin Johanna Kirchmayer.© Benjamin Storck "Die Kinder lernen so viel voneinander - sowohl kulturell als auch zwischenmenschlich. Daher war die Vielfalt für mich nie eine Herausforderung", meint Schuldirektorin Johanna Kirchmayer.© Benjamin Storck

Wien. Im Geografie-Unterricht auf der Wiener Mittelschule (WMS) Leipziger Platz im Bezirk Brigittenau sprechen heute in erster Linie die Jugendlichen. Sie halten Referate. Lucia und Dana sprechen gerade über Indien, über Kinderarbeit in Niedriglohnländern. Auf den Vortrag der beiden folgt eine Feedback-Runde der Klasse. Lucia und Dana haben laut und deutlich gesprochen. Ein Pluspunkt. Die Aussprache könnte besser sein. Ein Kritikpunkt. "Was könnte man machen, um die Aussprache zu verbessern?", fragt die Klassenlehrerin in die Runde. Einige Kinder heben die Hand. Kennt man ein Wort nicht, sollte man die Bedeutung nachschlagen, um es auch zu verstehen, schlägt ein Schüler vor. "Richtig", stimmt die Klassenlehrerin zu.

Fehler in der Aussprache deutscher Begriffe passieren hier immer wieder. Rund 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen der Mittelschule Leipziger Platz sprechen neben Deutsch auch eine nichtdeutsche Erstsprache. Eine Situation, die seit der zunehmenden Flüchtlingsmigration vermehrt für Unbehagen in Teilen der Bevölkerung sorgt. In der WMS Leipziger Platz ist die sprachliche Vielfalt jedoch nicht nur Realität, sondern ganz einfach Normalität.

Hälfte mit nichtdeutscher Muttersprache

Ein Blick auf die offizielle Schulstatistik zeigt, dass der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache an der WMS Leipziger Platz überdurchschnittlich hoch ist. Österreichweit sprechen 23,8 Prozent aller Schüler eine andere Umgangssprache als Deutsch. In Wien beträgt der Anteil bereits 49,7 Prozent. Noch einmal höher ist der Anteil mit 66,2 Prozent in der Brigittenau, wo sich auch die WMS Leipziger Platz befindet.

Für die Direktorin Johanna Kirchmayer ist das weder etwas Neues noch eine besondere Herausforderung: "Vor 43 Jahren war in meiner ersten Klasse ein türkisches Kind. Das hat sich nach und nach erweitert. Mittlerweile ist es für mich und für uns eine selbstverständliche Gegebenheit, dass die Kinder von überall herkommen." Die Statistik bestätigt die Erfahrung von Kirchmayer: Bereits im Schuljahr 2006/07 gaben mehr als die Hälfte der Brigittenauer Schüler nicht Deutsch als ihre Umgangssprache an.

"Mit der Zeit wird es ein selbstverständlicher Umgang, dass man auch mit Gestikulieren und Zeigen in der Klasse kommuniziert", bestätigt Marlies Möderndorfer. Seit Herbst ist sie Lehrerin an der WMS Leipziger Platz. In ihrer Klasse sitzt ein einziger Schüler mit österreichischer Staatsbürgerschaft - und selbst dessen Vater ist Ghanese. Jugendliche der zweiten oder dritten Zuwanderungsgeneration finden sich ebenso in der Klasse wie Jugendliche, die in den vergangenen Jahren nach Österreich flohen.

Unterstützung von "kleinen Managern"

Das Prozedere bei den neu in Wien ankommenden Kinder und Jugendlichen ist dabei immer das gleiche: Im ersten Jahr besuchen diese als außerordentliche Schüler in erster Linie Deutschkurse. Im zweiten Jahr sitzen sie verstärkt im regulären Unterricht - hören und verstehen mit. Meist mit Hilfe und Unterstützung anderer Kinder. So übersetzt Ana für Camelia, die neueste Schülerin in der Klasse. Sie ist Rumänin und hat gerade den Alphabetisierungskurs abgeschlossen.

Nun heißt es Deutsch lernen. Gleichzeitig kann sie mit der Übersetzungshilfe ihrer Mitschülerin Ana bereits ein wenig in das Klassengeschehen involviert werden. Diese "heimlichen Buddies" - wie sie Mörderndorfer nennt - werden so zu "kleinen Managern": "Teilweise übersetzen sie monatelang alles, was in der Schule wichtig ist. Angefangen von Mitteilungseinträgen über das Erklären von Klassenregeln. Sie schulen extrem schnell ihre sozialen Kompetenzen." So profitieren sowohl die Schüler, die Deutsch sprechen, als auch diejenigen, die die Sprache erst erlernen, ist sich die Lehrerin sicher.

Nach zwei Jahren ist Deutsch kein Problem mehr, erklärt Deutschlehrer Gerhard Achter. Im dritten Jahr werden sie auch erstmals beurteilt. Bei manchen Kindern geht es schneller. Bei Einzelnen dauert es ein Jahr länger. Bis dahin wird auch immer wieder auf Englisch zurückgegriffen, so Möderndorfer.

Eine Sprache, die bereits einige der neu ankommenden Schüler beherrschen - und wenn nicht, dann sehr rasch lernen. "Englisch können viele besser. Die Schüler beweisen, dass sie lernen wollen und dass sie mehr als ihre Muttersprache sprechen können und wollen", bestätigt Achter.

Sozioökonomische Probleme wiegen schwerer

Und trotzdem: Obwohl die Mehrsprachigkeit zum Schulalltag gehört, sind sich die Lehrer durchaus bewusst, dass es Probleme gibt: Deutschstunden finden oft auf einem zu niedrigen Niveau statt. Die Lesefaulheit der Jugendlichen zu bekämpfen ist frustrierend. Oder auch das "Community-Building": So liegt für Gerhard Achter das Problem nicht in der Vielsprachigkeit, sondern vor allem in einer geringen Mehrsprachigkeit. Insbesondere für türkische Schüler, die zahlenmäßig am stärksten vertreten sind, ist Deutsch keine Notwendigkeit, um sich zu verständigen. Oft bleiben sie in den Pausen in ihrer eigenen Community, sprechen türkisch miteinander. Probleme, die nicht allein durch die kulturelle und sprachliche Vielfalt erklärbar sind. Viel schwerer wiegen die prekären, die sozioökonomischen Verhältnisse, in denen die Schüler leben, betont Möderndorfer: "Viele werden von den Eltern vernachlässigt, weil diese viel arbeiten müssen. Oft wird in den Familien kein Deutsch gesprochen. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge haben gar keine Eltern in Österreich. Sie sind sozial untergebracht." Dazu kommen Diskriminierungserfahrungen, egal ob es sich um eigene oder um Erfahrungen der Eltern handelt, die bei Kindern zu Frustration führen. Diese wiederum begünstigen laut Möderndorfer die Abschottung - insbesondere bei jenen, die schon in der zweiten oder dritten Generation in Wien leben.

Doch auch diese vielfältigen Erfahrungen sind es, die letztlich positiv genutzt werden können. "Die Kinder haben irrsinnig viel zu erzählen. Daraus lernen alle", so Möderndorfer. Und auch die Direktorin sieht diese Vielfalt als Bereicherung: "Die Kinder lernen so viel voneinander - sowohl von den Kulturen als auch von den Eigenarten der einzelnen Menschen. Daher war die Vielfalt für mich nie eine Herausforderung. Es ist einfach so."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-27 15:18:07
Letzte nderung am 2017-03-27 16:19:37



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