• vom 01.10.2015, 18:17 Uhr

Gesellschaft

Update: 02.10.2015, 09:17 Uhr

Flüchtlinge

"Sie rettet mich, nicht ich sie"




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"Das rettet mich vor dem ganzen Elend", sagt Hadler, der sich nicht in der Rolle des Retters sieht: Bei Behördenwegen würden Alima eher ihre syrischen Freunde unterstützen, das Zusammenleben gestalte sich gemeinschaftlich und unterscheide sich kaum von einer gewöhnlichen Wohngemeinschaft. Einmal kocht Alima, dann kochen die Hadlers. Und während in den ersten Wochen noch mit Händen, Füßen und dem Wörterbuch kommuniziert wurde, spricht Alima inzwischen etwas Deutsch, Hadler einige Worte Arabisch.

Doch wie gestaltet sich der Alltag mit traumatisierten Menschen? "Wir haben ein falsches Bild über den Umgang mit Leid", sagt Hadler. Kein einziger der Flüchtlinge, mit denen er gesprochen hat, sei vor ihm in Tränen ausgebrochen.

Aber auch er hatte Zweifel, wie sich das Zusammenleben gestalten wird, so Hadler. Wird er sich in seiner eigenen Wohnung nicht mehr so frei bewegen können? Die Vorbehalten hätten sich in Luft ausgelöst; Hadler beschreibt Alima als aufgeweckte, moderne Frau. Wäre sie gefragt worden, hätte sie auch einem Interview zugestimmt, glaubt Hadler, doch er wollte sie nicht in die Situation bringen, sich verpflichtet zu fühlen ihre Lebensgeschichte zu erzählen - sie habe schon genug durchgemacht.

Das Innenministerium rechnet damit, dass bis Ende des Jahres 30.000 Betten zusätzlich gebraucht werden, und man hofft auf private Unterstützung. Diese Zahl bezieht sich aber nur auf jene Menschen, die in der Grundversorgung sind. Rechnet man jene hinzu, die einen positiven Asylbescheid haben oder bekommen, benötigen viel mehr Menschen eine dauerhafte Bleibe.

Am freien Wohnungsmarkt etwas zu finden, scheitert oft an bürokratischen Hürden: Vermieter verlangen einen Gehaltsnachweis, Arbeitgeber wiederum setzten einen festen Wohnsitz voraus. Viele Menschen wollen ihren Wohnraum anbieten, haben aber Vorbehalte: Bin ich dann für sie verantwortlich? Wie gestaltet sich das Zusammenleben? Darf man von Flüchtlingen Miete verlangen? "Das ist Ausmachungssache, wie in jeder WG", sagt Hadler. Menschen, deren Asylantrag noch läuft, haben 320 Euro pro Monat zur Verfügung, 120 Euro davon für Wohnzwecke. Nun haben der Verein "Vielmehr für Alle", die Österreichischen Hochschülerschaft und Respekt.net eine österreichweite Kampagne gestartet.

Wohnungsvermittler
Das Ziel: Mindestens 1000 Flüchtlinge privat in Wohngemeinschaften, bei Einzelpersonen, Paaren oder bei Familien unterzubringen. Durch den Verein gibt es die Möglichkeit, die fehlende Summe, die es von 120 Euro bis zur Gesamtmiete braucht, via Crowdfunding zu finanzieren. Während des Zusammenwohnens bleibt der Verein Ansprechpartner, begleitet bei Behördenwegen und übernimmt die Mediatorrolle. Die Kampagne soll die Bevölkerung animieren, Wohnraum zur Verfügung zu stellen - aber auch an die Bürgermeister geht ein Brief.

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Dokument erstellt am 2015-10-01 18:20:06
Letzte ─nderung am 2015-10-02 09:17:06



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