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Update: 23.10.2013, 20:45 Uhr

Literarisches Buch

Carrasco, Jesús: Die Flucht




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Von Peter Mohr

  • Juni 2013
  • Facetten der Angst

Cartoon: Pokornig

Cartoon: Pokornig Cartoon: Pokornig

Der internationale Literaturbetrieb schreibt mitunter seine eigenen Märchen: Ein Werbetexter verliert wegen der Wirtschaftskrise seinen Job, geht in sich und schreibt einen Roman, der gleich in zehn Sprachen übersetzt wird. Die Rede ist vom 40-jährigen Spanier Jesús Carrasco und dessen imposanten Erstling "Die Flucht". Der in Sevilla lebende literarische Debütant erzählt eine karge Geschichte, die von nur wenigen Figuren handelt und um das zentrale Motiv der Angst kreist.

Ein namenloser Junge flüchtet aus seinem Dorf "nach Norden". Viel mehr erfährt man zunächst nicht. Seine Beweggründe bleiben so unklar wie seine Verfolger. Hunger, Durst und Angst plagen den verstörten Jungen und werden zur existenziellen Bedrohung. Carrasco erzählt aus dem Blickwinkel des Heranwachsenden, in der dritten Person und in starken, atmosphärisch dichten Bildern. Wenn der Junge sich in der verbrannten Steppe vor der sengenden Hitze in Erdlöchern versteckt, glaubt man, Staub und Trockenheit auf den eigenen Lippen zu spüren.


Irgendwann trifft der Flüchtende auf einen betagten Ziegenhirten - fromm, belesen und absolut bibelfest. Die Einsamkeit scheint besiegt, doch ist dem Alten zu trauen? Als die Verfolger den Jungen aufspüren, beschützt der Hirte ihn - unter Einsatz des eigenen Lebens. Und doziert mit nahezu missionarischem Eifer über die Lichtstrahlen am Himmel: "Einer steht für die Erinnerung, der zweite für die Vernunft und der dritte für den Willen." Erinnerung, Vernunft und Willen benötigt auch der Junge, denn sukzessive erschließt sich der Grund seiner Flucht: ausgerechnet ein Polizist hat ihn missbraucht, sein Vater dabei eine schäbige Rolle gespielt.

Losgelöst von Raum, Zeit und politischem Kontext thematisiert Carrasco die Allgegenwart der Angst samt ihren existenzbedrohenden Facetten. Die Flucht als einzig denkbarer Ausweg, das Ausweichen vor der eigenen Scham und die tiefen seelischen Verletzungen erreichen eine geradezu schmerzhafte Körperlichkeit. Welch ein großartiges Debüt!

Jesús Carrasco: Die Flucht. Roman. Übersetzt von Petra Strien. Klett-Cotta, Stuttgart 2013, 207 Seiten, 18,95 Euro.




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Dokument erstellt am 2013-08-16 13:56:04
Letzte nderung am 2013-10-23 20:45:26



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