• vom 30.05.2016, 10:04 Uhr

Politik & Recht

Update: 30.05.2016, 13:49 Uhr

Interview

Integration mit erhobenem Zeigefinger




  • Artikel
  • Kommentare (9)
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Simon Rosner

  • Der Historiker Philipp Ther über neue Wege in der Integrationspolitik: "Zwangsassimilation funktioniert nicht"

Im Vorjahr nahm Österreich 90.000 Flüchtlinge auf, ein Großteil davon wird bleiben und muss integriert werden. Nur wie? Und wie sieht gelungene Integration überhaupt aus? Die Regierung will jedenfalls erstmals Integration verordnen. Das ist ein Experiment.

"Wiener Zeitung": Ist Integration der einzig gangbare Weg?

Information

Zur Person

Philipp Ther

ist seit 2010 Professor für Geschichte Ostmitteleuropas an der Uni Wien, zuvor war er Professor am EUI in Florenz. Sein jüngstes Buch "Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa" (Suhrkamp), das 2014 auf der Leipziger Buchmesse den Sachbuchpreis erhielt, ist nun in einer aktualisierten Neuauflage erschienen.

Philipp Ther: Integration wird oft missverstanden, wie man an Begriffen wie Integrationspflicht erkennt. In letzter Zeit habe ich den Eindruck, dass häufig ein Befehlston angeschlagen wird nach dem Motto: Integriert Euch! Aus historischer Erfahrung lässt sich sagen, dass das so schlecht funktionieren wird. Früher hätte man das unter Assimilation diskutiert. Und eine Zwangsassimilation hat bisher in keinem modernen Staat funktioniert. Integration ist ein zweiseitiger gesellschaftlicher Prozess. Er kann nur angeregt, aber nicht angeordnet werden.

Wo ist die Trennlinie zwischen Integration und Assimilation?

Assimilation bedeutet das völlige Aufgehen einer kleineren Gruppe in einer Mehrheitsgesellschaft. Integration beinhaltet, dass bestimmte Eigenheiten bewahrt werden können und von der Aufnahmegesellschaft akzeptiert werden, die sich demnach auch bewegt. Das entspräche der erwähnten Zweiseitigkeit. In den letzten Jahren sind aber die Selbstzweifel westlicher Gesellschaften massiv gewachsen, auch aufgrund der Schwierigkeiten bei der Integration früherer Migranten. Stichwort Parallelgesellschaften, Ghettoisierung. Da ist aber ein Stück Hysterie dabei.

Aber diese Probleme gibt es, oder?

Natürlich gibt es gesellschaftliche und soziale Probleme, man kann in bestimmten Bereichen auch eine Desintegration beobachten. Das sollte man nicht schönreden. Aber man diskutiert dabei immer über den "harten Kern" der Migranten, der unter sich geblieben ist, was die Mehrheitsgesellschaft offenbar verunsichert. Über die erfolgreichen Beispiele spricht man viel weniger. Wichtig ist: Integration ist ein langfristiger Prozess. Wenn man erfolgreiche historische Beispiele heranzieht, etwa aus österreichischer Sicht die Integration der Salzburger Exilanten in Preußen, dann hat sich das über zwei, drei Generationen hingezogen.

Was ist eigentlich schlecht an Parallelgesellschaften? Haben nicht gerade diese den Vorteil, dass sich das Angebot an Dienstleistungen und Produkten erweitert? Koreanische Geschäfte können nur funktionieren, wenn die hier lebenden Koreaner wie daheim leben wollen.

Das wurde bisher oft als Bereicherung empfunden, aber ich würde das nicht idealisieren. Ein echtes Interesse an fremden Kulturen würde voraussetzen, sich mit besagten Koreanern oder hier in Wien zum Beispiel mit Türken anzufreunden und auseinanderzusetzen. Wie weit reicht denn das Interesse, auch unter Anhängern einer multikulturellen Gesellschaft? Es ist jedenfalls nicht gut, wenn soziale und kulturelle Probleme nicht beachtet werden, die zu einer Desintegration führen können. Das war eventuell in der Vergangenheit das Problem.

Bieten Parallelgesellschaft nicht aber auch den Vorteil einer inneren Solidarität, die prekär lebende Menschen auffangen und ihnen helfen kann? In den USA gibt es viele ethnische Vierteln.

Es ist meine feste Überzeugung, dass das nicht erstrebenswert ist. Außerdem haben sich die meisten Einwandererviertel in den USA im Lauf der Zeit aufgelöst. Das polnische Chicago oder das italienische New York gibt es so nicht mehr. Die Existenz solcher Viertel bedeutet auch, dass der Staat so schwach ist, dass diese Menschen auf ihre interethnische Solidarität angewiesen sind. Wir haben einen Sozialstaat, der Leistungen und Pflichten eben nicht ethnisch definiert.

Ist dieser Sozialstaat gefährdet, wenn die Gesellschaft durch Zuwanderung heterogener wird und in Parallelgesellschaften zerfällt?

Es zeichnet Wien aus, dass es eine hohe soziale Durchmischung gibt. Auch in relativ teuren Bezirken stehen Gemeindebauten, es gibt hier keine Ghettos. Dieser Errungenschaft soll man sich bewusst sein und daraus Selbstbewusstsein schöpfen. Aber dazu braucht es einen Staat, der gut wirtschaftet, um weitere Gemeindebauten zu errichten und die lebensweltliche Integration voranzutreiben. Wenn man die jetzigen Flüchtlinge auf jene Bezirke zurückwirft, die schon einen hohen Ausländeranteil aufweisen, wäre das bedauerlich. So könnten bestimmte Grätzel auf die Dauer zu sozialen Brennpunkten werden.

Das spräche für die Residenzpflicht, die derzeit diskutiert wird.

Ich bin Historiker und halte mich bei politischen Ratschlägen zurück. Aber bei historischen Beispielen gelungener Integration gab es immer wieder solche Pflichten. Den Salzburger Exilanten wurde Agrarland mit der Erwartung gegeben, dass sie dann dort bleiben. Auch bei späteren Flüchtlingen wurden Hilfen an ähnliche Vorschriften geknüpft. Aber bei der Residenzpflicht ist zu beachten: Inwieweit gibt es am gegeben Ort Arbeitsplätze und Möglichkeiten der beruflichen Integration? Dass alle in die Großstadt ziehen, kann kein Modell sein. Genau deshalb ist es auch wichtig, viel über die Flüchtlinge zu wissen. Das ist eine Grundvoraussetzung der Integration und ich verwiese hier wieder einmal auf die Aufnahmegesellschaft.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Interview, Philipp Ther

9 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-05-30 10:08:07
Letzte ─nderung am 2016-05-30 13:49:19



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. EU-Kommissar: Zusagen für Aufnahme von 25.000 Flüchtlingen in EU

Werbung







Werbung


Werbung