• vom 23.01.2015, 19:37 Uhr

Bier

Update: 26.01.2015, 00:02 Uhr

Bier im Visier / Wiener Journal

Was Sie schon immer über Bier wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten




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Von Edit Rainsborough

  • Das schlichte Feierabendbier avancierte in den vergangenen Jahren zur Delikatesse. Bier ist der neue Wein. Da tun sich aber auch ganz schön viele Fragen auf. Ein Buch gibt Antworten.

- © Foto: Maria Jarnit-Bjergsø / Gestalten 2014

© Foto: Maria Jarnit-Bjergsø / Gestalten 2014

Herr Ober, ein Bier, bitte! Doch halt! Bier ist nicht gleich Bier. So, wie es in Österreich auch den "Kaffee" so nicht gibt. Die heißen hier Melange, Verlängerter, kleiner oder großer Brauner. Ähnlich groß ist die Vielfalt mittlerweile auch beim Bier. Also was darf's sein? Ein Ale, ein IPA, ein Porter, ein Stout, ein Kriek? Sie kennen sich aus? Nur der Geschmack zählt. Von hopfig bis malzbetont, von schokoladig bis fruchtig reichen die Aromen, die den Gaumen kitzeln.

Für Bierliebhaber oder Bierkenner oder auch für neugierige Laien hat die gelernte Journalistin, Diplom-Bier-Sommelière und Mitbegründerin der Biergenussschule "Berlin Beer Academy" Sylvia Kopp ein Buch über die "neue Braukultur" geschrieben. In fünf Kapiteln entführt sie uns in die Welt des Biergeschmacks, der Brau- und Stilkunde, zeigt Braumeister aus aller Welt und kombiniert Biere mit Speisen.

Craftbierbuch_kopp_cover

Craftbierbuch_kopp_cover© Gestalten 2014 Craftbierbuch_kopp_cover© Gestalten 2014

Information

Sylvia Kopp: Das Craft-Bier Buch. Die neue
Braukultur. Berlin: Gestalten 2014
256 Seiten

€ 35

Hopfen und Malz
Dass Bier gemäß dem Reinheitsgebot allein aus "Gerste, Hopfen und Wasser" bestehen darf, ist hinlänglich bekannt. Aber wussten Sie, dass das Wasser je nach Härtegrad und Mineralstoffgehalt den Geschmack eines Bieres verändert? Der Hopfen macht ihn haltbar, geschmacklich aufregend bitter und olfaktorisch blumig-fruchtig. Er hält den Schaum stabil und wächst weltweit in über 200 verschiedenen Sorten. Ein reicher Grundstock für Geschmacksexperimente – trotz beschränkter Zutaten. Gerstenmalz verleiht dem Bier seine Farbe und seinen Charakter. Und da ist auch noch die geheimnisvolle Hefe, von deren Existenz die Braumeister bis ins zwanzigste Jahrhundert nichts wussten. "Ihre Mixtur aus Korn, Wasser und Gewürzen gor spontan durch wilde Hefen aus der Luft." Warum heute einige Craft-Biere einen "Stallgeruch" haben, verdanken sie beispielsweise der Brettanomyces, einem Wildhefestamm, der bei fehlender Vorsicht ein Bier auch "brettig" machen kann.


Mit hübschen Zeichnungen von Benedikt Rugar wird der Brauprozess illustriert und seine Stationen von Schroten, Maischen, Läutern über Kochen der Würze, dem Ausschlagen und Kühlen bis zur Gärung und Lagerung beschrieben.

Das Bier im Glas
Vom Pils über India Pale Ale (IPA), Altbier und Geuze [sprich: Göhse] bis hin zu Bier-Wein-Hybriden und fassgereiften Bieren erklärt Kopp 36 verschiedene Bierstile. Dabei entstammen "die meisten der hier vorgestellten ausgewählten Sorten den großen klassischen Bierkulturen Englands, Belgiens und Deutschlands".

Sie verrät dem Leser auch, ob das Bier aus einem Willibecher, dem deutschen Standardglas, oder doch lieber aus einem Weißweinkelch wie etwa ein Kellerbier oder aber aus einem Bordeauxglas wie beispielsweise ein Saisonbier am besten schmeckt. Dazu gibt die Autorin Auskunft über Alkoholgehalt, Charakter, Trinktemperatur und Herkunft. Zum jeweiligen Bierstil bietet sie Referenzbiere und Speiseempfehlungen.

Der Mensch machts
Kennen Sie den Paten des Wanderbrauens? Was hat die Telefonvorwahl des Libanon mit Bier zu tun? Wundern Sie sich, dass sich in chinesisches Bier auch frischer Ingwer und Sezuanpfeffer verirrt? Nicht wirklich, oder? Aber dass Amerikaner den Berlinern zeigen, wie Biervielfalt geht, ist doch eher ungewöhnlich. Die Japaner verarbeiten sogar Süßkartoffeln zu Bier. Und was sonst würden drei Finnen in Estland machen, wenn nicht "ernsthaftes Bier für nicht so ernste Leute" brauen. "Black Betty" hingegen kommt aus Salzburg.

In über fünfzig liebevollen Portraits und mit reichlich schönen Bildern zeigt Kopp querbeet Menschen hinter dem Bier. Von Pionieren der Craft-Bier-Szene, die man irgendwie eh kennt, bis hin zu ganz jungen Brauereien aus aller Welt. Bei so wenig Platz vermisst man unter Umständen dann doch die eine oder andere Lieblingsbrauerei. Aber so unterschiedlich der Weg auch sein mag, der diese Menschen zum Bierbrauen brachte, sie alle verbindet Fantasie, Experimentierfreude, Leidenschaft und Liebe zum Handwerk.

Für alle, die auf den Geschmack gekommen sind, bietet das Buch sogar eine Brauanleitung für ein American Pale Ale zum Nachbrauen daheim. Und für diejenigen, die sich mit einem guten Essen zu einem guten Bier begnügen, bietet das abschließende Kapitel "Köstliche Kombinationen" auch einige Inspirationen für Begleitspeisen (inklusive Rezepten) zu verschiedenen Biersorten. Da darf es schon einmal ein Apfelkuchen zum Witbier sein. Lassen Sie es sich schmecken!

Erschienen im Wiener Journal am 12. 12. 2014.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-12-18 19:05:09
Letzte nderung am 2015-01-26 00:02:55



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