• vom 14.02.2017, 19:51 Uhr

Bier

Update: 14.02.2017, 20:12 Uhr

Bier im Visier / Wiener Journal

Heimatverbundene Exoten


Christoph Bichler braut Tiroler Terroir-Bier. - © Foto: Simon Rainsborough  Aus dem ehemaligen Kuhstall wurde ein Gasthaus. - © Foto: Simon Rainsborough  Großstädtisches Flair im Tiroler Winterwunderland. - © Foto: Simon Rainsborough  Neun wechselnde Biere vom Fass gibt es im neuen Taproom in Schwoich... - © Foto: Simon Rainsborough  ... und auch einiges in der Flasche. - © Foto: Simon Rainsborough  Aus altem Brot wird frisches Bier. - © Foto: Simon Rainsborough 



  • Sehenswert (2)




Von Edit Rainsborough

Sie besinnen sich auf ihre Wurzeln und verleihen ihren Träumen dabei Flügel. Drei Tiroler brauen außergewöhnliches Bier aus besten Zutaten mit exotischen Namen. Ein Besuch in den Tiroler Bergen.


Da kommen einem fast die Tränen angesichts dieser Winteridylle, pfirsichpinke Flamingotränen. Rundherum verschneite Berge. Unberührte Natur. Heile Welt. Wir befinden uns unweit der deutsch-österreichischen Grenze, am Fuße des Wilden Kaisers. In einer 2400-Seelen-Gemeinde, etwa fünf Kilometer südwestlich von Kufstein.

Hier in Schwoich brauen seit 2014 Christoph Bichler, Max Karner und Marko Nikolic ganz außergewöhnliche Biere mit exotischen Namen, wie "Mountain Pale Ale", "Padawan" (= Pale Ale Doing Alright Without A Name), "Going Hazelnuts" oder "Flamingo Tears". Als wollten sie mit ihnen die schöne Bergidylle aus dem Dornröschenschlaf wecken.

Information

Bierol Taproom & Restaurant
Sonnendorf 27, 6334 Schwoich
T: 0660 5490045
www.bierol.at

Bereits Bichlers Vater, den einige im Ort für einen Träumer halten, versuchte die große weite Welt und großstädtisches Flair nach Tirol zu bringen und vertrieb vor etlichen Jahren ein Biermischgetränk mit Aperol, das er "Bierol" nannte. Der Erfolg war mäßig. Das Produkt verschwand. Der Name blieb. Denn er passt wunderbar zu dem, was Sohn Christoph mittlerweile macht: Bier aus Tirol. Bierol eben.

Dabei ist Christoph Bichler kein gelernter Bierbrauer. Er absolvierte die Tourismusschule mit Schwerpunkt Hotelmanagement und Tourismusmarketing und machte danach ein Auslandsjahr in den USA (in direkter Nachbarschaft zu Great Lakes Brewing). Von dort kam er mit vielen kreativen Biereindrücken wieder und der Frage: "Warum gibt es das bei uns noch nicht?" Das war vor sechs Jahren.

Seitdem hat Christoph Bichler nicht nur ein Hobby gefunden, sondern es schließlich zum Beruf gemacht. Unter Rückbesinnung auf traditionelle Werte wollte er etwas Neues und Modernes schaffen. Etwas Großes. Mindestens so groß, wie die Berge ringsum. Doch um in Tirol mit so etwas anzukommen, musste Bierol den in Österreich oft notwendigen Umweg über die Hauptstadt gehen.


Dort wurde das harmonisch-fruchtige "Mountain Pale Ale" beim ersten Craft Beer Fest im Frühjahr 2014 prompt zum beliebtesten Festivalbier gewählt. Reines Bergquellwasser trifft exotische Hopfensorten. Ein Volltreffer.

Bis Anfang der 1990er Jahre wurde der 1830 erbaute Stöfflhof intensiv landwirtschaftlich genutzt. Als damals der Betrieb auf schottische Hochlandrinder umgestellt und der Kuhstall überflüssig wurde, wurde dieser zum Wirtshaus umgebaut.

Viele Biere und einige Auszeichnungen später, genauer gesagt im Oktober 2016, verwandelte Christoph Bichler das Stöfflbräu, die "klassische, bayrisch angehauchte, Tiroler Gasthausbrauerei" des Vaters in ein modernes "Bierol Taproom & Restaurant" und bringt seither großstädtische Kreativküche in das Tiroler Winterwunderland. Ganz ohne klassischen Schweinsbraten oder Schnitzel. Und auch ganz ohne jene beliebten modern-amerikanischen Burger, die vielerorts als Unterlage zum kreativen Bier dienen. Der Gast speist hier hervorragend und mit Pfiff, dank des jungen Tiroler Kreativkochs Thomas Moser – regional und saisonal aus besten heimischen Zutaten. Selbst wenn sich Einheimische noch darüber beklagen, dass sie auf der kleinen, aber feinen Speisekarte nichts finden. Natürliche Zutaten, kreative Ideen und altbewährtes Handwerk sind hier für Speis und Trank das Geheimrezept.

Doch Bierol will nicht nur die interessantesten Biere machen, sondern "regionale Werte und eine eigene Szene entwickeln", wie Christoph Bichler sagt. Den Wurzeln sozusagen Flügel geben. Eine Plattform bieten für den Austausch. Diesen Austausch pflegt Bierol seit jeher. So entstanden mittlerweile auch einige Gemeinschaftsbiere, wie etwa das "Collabs 7484 Domrep Pils" mit der Wiener Braufrau Dominique Schilk. Oder im Frühjahr 2016 das Wacholder-Bier "Juniper Ale Cesar" mit der bayrischen Camba Bavaria. Oder das gemeinsam mit dem umtriebigen Braumeister Chris Sullivan entwickelte Erfolgsbier "Going Hazelnuts", ein Porter mit ganz vielen Haselnüssen.

Nicht nur mit anderen Brauern machen die Burschen von Bierol gemeinsame Sache. Mit der Innsbrucker Bäckerei Therese Mölk entstand als Nachhaltigkeitsprojekt das "Bakers Bread Ale". Dabei werden etwa dreißig Prozent des Malzes durch altes Brot ersetzt. Das Brot von gestern wird zum Bier von morgen – und das ist alles andre als altbacken! Gerne will Christoph Bichler auch ein Bier mit ausschließlich Tiroler Zutaten brauen. Ein Terroir-Bier, wie er es nennt, bei dem die Region dem späteren Produkt seinen einzigartigen Charakter, seine geschmackliche Identität verleiht. Ein regionaltypisches Bier aus Tirol. Aber wie soll das gehen,wenn in Tirol zwar hochalpine Gerste, aber kein Hopfen wächst, mögen sich einige fragen. "Mit Enzianwurzeln", antwortet Christoph Bichler.

Erschienen im Wiener Journal am 03. Februar 2017.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-14 19:55:19
Letzte Änderung am 2017-02-14 20:12:41


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