• vom 15.01.2016, 15:27 Uhr

Freizeit

Update: 15.01.2016, 15:33 Uhr

Tanzen

Das Gefühl für den Körper




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Von Christian Hoffmann

  • Es gibt natürlich auch Leute, die von Kindheit an mit dem Tanzparkett vertraut sind. Zum Beispiel Norbert und Meryem, die schon seit Jahren Tanzen als Sport betreiben. Eine besondere Leidenschaft, die sie seit ihrer Kindheit begleitet.

Meryem und Norbert bei der Samba - © Regina Courtier

Meryem und Norbert bei der Samba © Regina Courtier

Eine der größten Herausforderungen für Tanzpaare (jeden Alters) besteht darin, mit dem Partner zurechtzukommen. Norbert ist sechzehn Jahre alt und weiß darüber sehr gut Bescheid. Früher hat er Judo trainiert und sogar eine Kindermeisterschaft gewonnen. "Da habe ich mich zusammengepackt und bin zum Turnier gefahren", erzählt er. Aber seit er Judo aufgegeben und sich für das Tanzen mit Meryem entschieden hat, ist alles anders geworden. Schwieriger, aber auch schöner. "Es hat eine Phase gegeben, da haben wir viel gestritten", sagt er.

Meryem lacht. Sie wird fünfzehn Jahre alt. "Ja, früher haben wir gestritten", sagt sie und macht eine lässige Handbewegung, als würde das alles wegwischen. "Da waren wir noch kindisch und klein." Seit neun Jahren tanzt sie, sechs davon mit Norbert. In dieser Zeit haben die beiden nach und nach gelernt, miteinander auszukommen. Inzwischen fahren sie, begleitet von ihren Eltern, quer durch Österreich zu Turnieren und haben sich an den ganzen Aufwand mit Frisuren und Kleidung gewöhnt.
Das Gespräch findet nach dem Training im Tanzsportklub Juventus statt. Gegründet wurde er im Jahr 1980 mit dem Ziel, Kindern den Zugang zum Tanzen als Sport zu erleichtern. Kurt Dvorak ist seit vielen Jahren der Präsident. "Viele Klubs", sagt er, "haben Angst gehabt, mit Kindern zu arbeiten." Auf der einen Seite hatte man wenig Erfahrung im Training mit den Kleinen, auf der anderen braucht man auch Erfahrung mit Eltern. "Wer mit Kindern arbeitet, muss auch die Eltern betreuen." In diesem Sinne haben Kurt und Eva Dvorak in Wien Pionierarbeit geleistet. Heute gibt es in dem Klub sieben Trainingsangebote, für alle möglichen Altersstufen.

"Ab dem fünften oder sechsten Lebensjahr kann man Kinder mit dem Rhythmusgefühl vertraut machen", sagt Eva Dvorak, "Klatschen, Stampfen, einfache Schritte." Gemeinsam mit ihrer Tochter Catharina und ihrem Sohn Christopher geht sie in Schulen und gibt dort Tanzunterricht. "Die Lehrer sind froh über das Angebot", ergänzt Catharina, "weil ihnen selbst die Tanzausbildung fehlt, das Training aber sehr gut bei den Kindern ankommt." Nach einer kleinen Pause setzt sie hinzu: "Sogar bei den Burschen."

Vor Publikum auftreten

Das mit den Burschen ist halt so ein Thema. Meryem und Norbert wissen darüber ebenfalls Bescheid. "Manche in der Schule sagen, dass das kein richtiger Sport ist", erzählt Meryem und zuckt mit den Schultern. "Die haben halt keine Ahnung." Norbert regt sich da schon mehr auf: "Die wissen nicht, wie anstrengend das ist. Die sollten einmal sehen, wie verschwitzt wir sind, wenn wir eine Runde mit allen fünf Tänzen hinter uns haben. Wenn einer im Fußball im Tor steht, hat er sich längst nicht so verausgabt." Einen Klassenkollegen hat er, der Boxen trainiert, und da ist auch schon einmal das Wort "schwul" gefallen. Deswegen hat Norbert für seine Klasse in der Berufsschule eine Präsentation mit Videos über Tanzsport zusammengestellt. "Das hat sie dann doch interessiert", sagt er stolz. "Alle haben aufgepasst."

So machen also die jungen Tänzerinnen und Tänzer Erfahrungen, die sich längst nicht auf das Parkett beschränken. Eva Dvorak hat schon oft beobachtet, dass sich das tänzerische Training überraschend positiv auf die Schulleistungen auswirkt, weil die Kinder fitter sind und sich besser konzentrieren können. "Außerdem lernen sie, wenn sie so weit kommen, dass sie Turniere tanzen, vor Publikum aufzutreten. Das macht sie selbstbewusst und wirkt sich später im Berufsleben aus."

Norbert und Meryem können das nur bestätigen. Seit sechs Jahren tanzen sie Juniorenturniere und haben bei den Wettkämpfen viel über sich gelernt. So haben sie vor kurzem bei einem Turnier den ersten Platz erreicht und waren völlig überrascht. "Ich schätze mich immer schlechter ein, als ich wirklich bin", sagt Meryem nachdenklich. "Ich hacke immer auf mir herum und bin unzufrieden. Deswegen habe ich gar nicht geglaubt, dass wir überhaupt gewinnen können." Bei Norbert ist es eher umgekehrt, findet sie und lacht wieder. "Er schätzt uns eher gut ein." Dafür grübelt er dann viel mehr, wenn es einmal schlecht gelaufen ist, während sie wiederum eine Niederlage leichter wegsteckt und nicht so furchtbar ernst nimmt.

Derzeit tanzen knapp fünfzig Kinder in drei verschiedenen Leistungsgruppen im Klub. Daneben trainieren dann auch noch einige Jugendpaare, die aus diesen Gruppen bereits herausgewachsen sind und in aller Welt Turniere auf sehr hohem Niveau tanzen, wie Dominik Fus (17) und Sarah Plutzar (18), österreichische Jugendmeister und Mitglieder im Nationalkader des Tanzsportverbands.

Doch das sind natürlich herausragende Einzelfälle, und Catharina Dvorak, die selbst bei der Staatsmeisterschaft in den Standardtänzen zuletzt einen dritten Platz erreicht hat, denkt, wenn sie in die Schulen geht, gar nicht an solche Höchstleistungen. Dort sieht sie viele Kinder, denen man zunächst einmal Körpergefühl vermitteln muss. "Viele haben Schwierigkeiten mit der Koordination und sind völlig erschöpft, wenn sie fünf Minuten laufen. Ich finde es erschreckend, wie übergewichtig viele Kinder sind."

Nun, dieses Problem haben Norbert und Meryem nicht. Denen gehen andere Dinge durch den Kopf. Norbert will zum Beispiel nächstes Jahr österreichischer Jugendmeister in seiner Leistungsklasse werden und Meryem lacht, weil sie von diesem Plan noch gar nichts weiß. Aber sie ist natürlich einverstanden. Sie ihrerseits würde gerne einmal in ihrem Leben bei einer Weltmeisterschaft mittanzen. Das ist jedoch ein sehr ferner Traum, wie sie selbst am besten weiß.

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Tanzen, Kurt Dvorak

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-01-15 15:28:59
Letzte nderung am 2016-01-15 15:33:53



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