• vom 06.05.2012, 07:00 Uhr

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Sirenen und andere Wasserwesen


Von Brigitte Suchan

  • Meerjungfrauen haben seit jeher die Fantasie der Menschen beflügelt. Die Geschichten über sie sind so vielfältig wie erstaunlich.

"Komm, besungner Odysseus, du großer Ruhm der Achäer! / Lenke dein Schiff an Land horche unserer Stimme. / Denn hier steuerte noch keiner im schwarzen Schiffe vorüber, / Eh er dem süßen Gesang aus unserem Munde gelauschet; / Und dann ging er von hinnen, vergnügt und weiser als vormals./ (...)"

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Odysseus widersteht den Schmeicheleien der Sirenen, die ihm nichts weniger als Weltkenntnis versprechen, bekanntlich dank einer List. Die Kameraden, denen er zuvor vorsichtshalber die Ohren mit Wachspropfen verschließt, binden ihn an den Mast des Schiffes, damit er sich nicht in die Fluten bzw. in die Arme der todbringenden Vogelfrauen werfen kann. Schon Orpheus, der in der Chronologie der Mythologie vor Odysseus an den Sirenen vorbeisegelte, trickste die gefährlichen Inselbewohnerinnen aus, indem er einfach lauter sang als sie. Auch von Jason erzählt die Legende, dass er die Sirenenfelsen unbehelligt passierte. Die beiden Sirenen, denen Odysseus entkam, wählten jedenfalls aus Scham und Gram darüber den Freitod und stürzten sich ins Meer.

Was die Sirenen den Seeleuten tatsächlich zu bieten hatten, bleibt auch bei Homer ein Geheimnis, denn Odysseus geht auf ihre Versprechungen nicht ein und die vielen Männer, die es taten, konnten nichts darüber erzählen, denn sie wurden im Schlaf zerrissen - heimtückisch.

Information

Buchtipps:

Andreas Kraß: Meerjungfrauen. Geschichten einer unmöglichen Liebe; Verlag S.Fischer

Mythos Sirenen. Texte von Homer bis Dieter Wellershoff; Reclam

Viele Jahrhunderte später ist Cicero in seiner Analyse von Homers Epos überzeugt davon, dass die Vorbeifahrenden nicht durch den Wohlklang der Stimmen der Sirenen angelockt würden, sondern durch das Versprechen, dass sie vieles wüssten. Was sonst könnte einen so lernbegierigen und neugierigen Mann wie Odysseus in Versuchung führen? Von erotischen Reizen ist bei Homer jedenfalls keine Rede. Seine Beschreibung der Sirenen beschränkt sich darauf, dass sie auf blumigen Wiesen inmitten von "aufgehäuftem Gebeine modernder Menschen" ruhen, was auch Seeleuten mit ausreichendem Testosteronspiegel wenig reizvoll erscheinen musste.

Antike Darstellungen zeichnen die Sirenen u.a. als hybride Figuren halb Frau, halb Vogel mit Flügeln und Krallenfüßen. Zu erotisch fesselnden Frauen werden sie erst in der Spätantike und weil es eigentlich keine verbindliche Erscheinungsform dieser Fabelwesen gibt, sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Als Inbegriff der Verführung zu allem, was außerhalb von Traditionen, Normen und religiösen Werten liegt, nehmen Sirenen schon bald die Gestalt an, die den größten Reizfaktor in einer christlich dominierten Gesellschaft hat: jene von schönen, herausfordernden, barbusigen, langhaarigen Frauen mit Fisch- oder Schlangenunterleib. Damit Mann ja weiß, dass die Liebe zu einem Wasserwesen unmöglich ist.




Schlagwörter

Wiener Journal, Literatur

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-30 14:35:09
Letzte Änderung am 2012-05-04 12:51:17


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