• vom 30.06.2012, 15:00 Uhr

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Verborgene Talente


Von Mathias Ziegler

  • Wenn Laien unter professioneller Anleitung zu ungewohnten Werkzeugen greifen, entdecken sie dabei mitunter unerwartete Fähigkeiten. Und manchmal tun sie dabei sogar Gutes für Dritte.

 - © Wiener Zeitung

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Freitag, 9 Uhr am Vormittag in Wien-Meidling: Im Hof des "Freunde Schützen"-Hauses haben sich drei Dutzend Männer und Frauen eingefunden, die in den kommenden Stunden ein gemeinsames Projekt umsetzen werden: Sie bauen eine Bühne für Benefizveranstaltungen. Das Besondere dabei: Nur sechs von ihnen sind Professionisten, die übrigen haben wenig bis gar keine handwerkliche Erfahrung. Denn es handelt sich um rund zwei Drittel der Belegschaft von Universal Music - und naturgemäß hat die Plattenfirma mit Bühnenbau sonst nichts am Hut. Entsprechend ironisch meint einer von ihnen mit Blick auf die bereitliegenden Werkzeuge und die danebenstehenden Professionisten: "Na, die Profis werden wir sicher mehr von der Arbeit abhalten..."

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Natürlich ist es dann nicht so, auch wenn die meisten zunächst eher unschlüssig im Hof herumstehen oder sitzen und auf Direktiven warten. Noch herrscht erwartungsvolle Ruhe, im Hof wird Morgenkaffee ausgeschenkt und geplaudert. Da werden auch Witze gemacht à la: "Tschuldigung, wo ist denn das Bier eingekühlt für uns Bauhackler?" Oder: "Heute ist der Tag, an dem wir einmal was Sinnvolles machen."

Was Sinnvolles ist es auf jeden Fall. Denn der Verein "Purple Sheep", der das "Freunde Schützen"-Haus betreibt, setzt sich für Asylwerber ein, die - gerechtfertigt oder auch nicht - von der Abschiebung bedroht sind.

Szenen eines Bühnenbaus. Die Damen von Universal beweisen, dass Technik auch Frauensache ist. Und auch ihr Chef Hannes Eder packt kräftig an (linke Seite).

Szenen eines Bühnenbaus. Die Damen von Universal beweisen, dass Technik auch Frauensache ist. Und auch ihr Chef Hannes Eder packt kräftig an (linke Seite).© Andreas Pessenlehner Szenen eines Bühnenbaus. Die Damen von Universal beweisen, dass Technik auch Frauensache ist. Und auch ihr Chef Hannes Eder packt kräftig an (linke Seite).© Andreas Pessenlehner

Und dann versammelt Stefan Prilhofer, der Chef der Teamwerkstatt, die die Professionisten stellt, die Anwesenden um sich und erklärt den Projektablauf. Und teilt sie auch gleich in mehrere Kleingruppen ein, die verschiedenste Aufgaben zugewiesen bekommen: vom Aufstellen der eigentlichen Bühne selbst über das Bepflanzen von dekorativen Beettrögen bis hin zum Tischbänke-Bauen. Es ist also für jeden etwas dabei, "und alle Arbeiten sind gleichermaßen für Weiblein und Männlein geeignet", betont Stefan, wie er genannt

werden will: "Auf dem Bau sind wir doch alle per Du." Die Einteilung erfolgt

selbstverständlich freiwillig - und es zeigt sich, dass bei Universal der Feminismus tatsächlich Einzug gehalten hat: Frauen melden sich fürs Tischbänke-Bauen, Männer fürs Bepflanzen und Kochen (mittags werden die Handwerker vom Haus verköstigt, dafür bereiten sie dann eine abendliche Grillerei für die Hausbewohner vor). Wichtig dabei: "Unterschätzt nicht die Elektrogeräte, konzentriert euch und passt auf euch auf! Nicht dass sich jemand wehtut", warnt Stefan. Deshalb bekommt auch jeder für das jeweilige Werkzeug, das er oder sie benutzt, vorher eine Einschulung durch einen Professionisten. Eine Erfahrung, von der viele auch später noch zehren werden, wenn sie einmal bei sich daheim basteln müssen.

Und es dauert keine fünf Minuten, da wuselt es im Hof: Zarte Damen schleppen dicke Holzbalken, während ihre Kollegen die Erde für die Beete von der Straße hereinführen - auch Universal-Chef Hannes Eder packt selbstverständlich mit an. Freilich wirkt es zunächst noch etwas unkoordiniert. Da wird Material an Stellen abgelegt, wo es eigentlich gleich wieder im Weg ist, manche stehen noch etwas unschlüssig herum und wissen nicht so recht, was genau sie eigentlich tun sollen. Aber schon bald hat sich das Ganze eingespielt, nicht zuletzt, weil nun auch die sechs Fachkräfte den Überblick über die Baustelle haben und die Leute entsprechend einteilen können. Und dann läuft es wirklich. Wobei etwa beim Zersägen der Balken lieber zweimal nachgefragt wird, ob das jetzt echt richtig gemessen wurde. "Nicht, dass wir uns verschneiden. Haben wir eh genug Puffer?" Die erste Unsicherheit ist aber bald verflogen.

Ein Phänomen, das Stefan Prilhofer fast immer erlebt, wenn er mit Laien gemeinsam werkt. "Wir machen das schon seit einigen Jahren, dass wir gemeinsam mit verschiedensten Firmen und echten Professionisten für soziale Einrichtungen diverse Bauprojekte durchführen, die sie sich sonst nicht leisten könnten", sagt er. Und wie die bisherigen bringen er und seine Mitarbeiter auch dieses Projekt gut über die Bühne. "Die Aktion ist absolut gut gelaufen", sagt denn auch Universal-Chef Hannes Eder am Ende, "die Erwartungen wurden überfüllt. Es hat den Leuten total gut gefallen, darum ging es ja. Und als dann auch noch die Hausbewohner dazugestoßen sind, mitgeholfen und mitgefeiert haben, war das umso schöner." Die Kinder der Familien, die im "Freunde Schützen"-Haus untergebracht sind, weihen die brandneue Bühne noch am selben Abend mit einer eigens einstudierten Tanzperformance ein - sehr zum Gaudium aller Anwesenden, die bis Sonnenuntergang gemeinsam an den Tischbänken sitzen und schmausen.

Dieser Betriebsausflug ist echt gelungen, da sind sich alle Universal-Mitarbeiter einig. Und für das Betriebsklima war es auf jeden Fall förderlich. "Vor allem bin ich stolz auf sie, weil sie die ungewohnte Handarbeit so toll gemeistert haben", streut ihnen der Chef Rosen. Und freut sich, dass das Erfolgserlebnis, mit den eigenen Händen etwas geschaffen zu haben, durch den sozialen Hintergrund, für doppelte Befriedigung sorgt. "Wir haben dabei vielleicht sogar mehr Spaß und Freude, als wenn wir zum Beispiel einen Rafting-Ausflug gemacht hätten." So viel Spaß, dass einige am liebsten gleich mit dem nächsten Handwerksprojekt beginnen würden.



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Dokument erstellt am 2012-06-29 19:11:14


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