Samstag, 10 Uhr: Auf der Wiener Donauinsel sind insgesamt 1200 Männer und Frauen angestellt und warten auf die Startnummernausgabe. Es ist wieder "X-Cross-Run" - und das bedeutet: Schweiß, Gatsch und knappen Atem. Denn hier können echte Kerle (und -innen) beweisen, dass sie es draufhaben. Dass sie die fünf oder zehn Kilometer lange Strecke nicht nur in der Ebene, sondern auch über Stock und Stein mit Hindernissen bewältigen. Und die sind gar nicht ohne, wie die Streckenbesichtigung eine Stunde später zeigt: Netze, über die man sich hangeln muss; Wände, die man überklettern muss; Wasserbecken, die man durchwaten muss; und das Ganze auf Zeit, wobei die für die meisten Teilnehmer eine eher untergeordnete Rolle zu spielen scheint. Vielmehr dürfte es dem Augenschein nach darum gehen, wer am Ende dreckiger geworden ist. Und so wird vorher im sauberen und vor allem nachher im schlammverschmierten Zustand gepost, was das Zeug hält. Schließlich haben zahlreiche Starter nicht nur eine gute Kondition, sondern auch einiges an Muckis zu bieten. Und die wollen schließlich bewundert werden...
Keine Frage, die Fitness-Szene blüht in Österreich. Wer etwas auf sich hält, geht trainieren. Die Erste Allgemeine Verunsicherung hatte also recht, als sie vor genau 25 Jahren sang, dass "starke Männer nie passé" seien. Einer davon ist Toni Adonis. Der knapp 28-jährige Wiener war mehrere Jahre lang Teil der österreichischen Bodybuilding-Szene, hat ihr dann aber den Rücken gekehrt. "Bodybuilder haben den zweifelhaften Ruf, Doping zu betreiben, und anhand der nur spärlich durchgeführten Kontrollen dürfte sich das bewahrheiten", sagt der Geschichte- und Religionsstudent, der sich nun einerseits dem Wrestling und andererseits dem "Natural-Bodybuilding" verschrieben hat. Während er mit der Wrestling School Austria durchaus Publikumserfolge feiert - die nächsten Auftritte sind am 2. September und am 7. Oktober in der Trainingshalle Hofenedergasse 3 im 2. Wiener Gemeindebezirk -, fehlt es ihm beim "Natural Bodybuilding" noch an Gesinnungsgenossen und an Sponsoren, um endlich einen eigenen Verband zu gründen, "der frei von Doping ist". Dann hätte er auch endlich objektive Vergleichsmöglichkeiten, "denn ich bin sicher, dass ohne Doping niemand massiger werden könnte als ich, gäbe es kein Doping, wäre ich in der Szene vielleicht sogar erfolgreicher als Arnold Schwarzenegger". So aber hadert der Kraftsportler mit dem Schicksal und ärgert sich auch darüber, dass sich - damals noch unter einem anderen Künstlernamen - Neidgenossen üble Scherze mit ihm erlaubt und gefälschte YouTube-Videos von ihm ins Internet gestellt haben.

Während sich also Toni Adonis nolens volens statt dem Posing dem Wrestling widmet - "das Faszinierende daran ist, dass es zwar einstudierte Szenen gibt, aber die Zuschauer nie wissen, wann es echter Kampf ist und wann bloß Show", meint er -, werden in dem Favoritner Fitnesstudio, das er davor regelmäßig besucht hat, weiterhin die Körper gestählt. So auch jener des 23-jährigen Jungpolizisten David, der zumindest bizepstechnisch dem früheren Studiokollegen um nichts nachsteht, die 100 Kilo auf der Bank ohne Wimpernzucken drückt und sich bei den Klimmzügen auch noch eine 25-Kilo-Scheibe an die Cornetto-Hüften hängt. Eitelkeit? Natürlich. Sonst würde er sich das nicht alles antun. Fünfmal in der Woche hartes Krafttraining, zwischendurch Laufen, das Ganze unterstützt durch diverse Präparate von IronMaxx, Sportnahrung & Co.

Jeder Zehnte dopt
Damit ist er bei weitem nicht allein. "Rund zwei Drittel der männlichen Besucher in Fitnessstudios nehmen regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel", sagt Andreas Linder, staatlich beeideter Sportlehrwart und Sportwissenschafter. Für seine Arbeit an der Sportuniversität Wien hat er in Wiener Fitnessstudios eine anonyme Umfrage durchgeführt. Sein ernüchterndes Fazit: "Selbst hier im Breitensport wird gedopt. Mindestens jeder fünfte Befragte - vermutlich in der Realität jeder vierte - hatte schon einmal Kontakt mit anabolen Steroiden, und knapp ein Zehntel nimmt regelmäßig illegale Substanzen zu sich." Bedenklich findet der Sportwissenschafter dabei, dass viele offenbar nicht einmal genau wissen, was sie da schlucken oder sogar spritzen. "Selbst unter jenen, die in der anonymen Befragung zugaben, Anabolika oder ähnliche Substanzen zu nehmen, erreichten im Durchschnitt beim Wissen über die Medikamente die Stufe ‚kaum‘." Somit drängt sich die Frage auf, wie hoch das Risikobewusstsein der gedopten Kraftsportler tatsächlich ist.
Einfacher zu klären ist das Motiv, sich das alles anzutun. Es geht schlicht und einfach um die Optik. "Ich will ja was gleichschauen und kein Zniachterl sein", stellt Jungpolizist David lapidar fest. "Angefangen hab ich, weil ich Single war und den Frauen gefallen wollte", sagt der 25-jährige Markus. "Aber irgendwann ist dann der Zeitpunkt gekommen, an dem ich es nur noch für mich selbst getan habe. Weil unter 85 Kilo will ich nimmer rutschen", erklärt der 1,87-Meter-Mann, der noch vor vier Jahren keine 75 Kilo gewogen hat. Aminosäuren, Eiweiß-Shakes und Creatin gepaart mit Krafttraining haben ihm zum neuen Wohlfühlgewicht mit entsprechenden Proportionen verholfen. "Dabei hat er eigentlich eh schon zu viel", findet seine Freundin, die ihn "auch mit Bierbauch und Glatze lieben würde". Na bloß nicht, ist Markus direkt von den Augen abzulesen, als er das hört. Und wieder ist das Klischee erfüllt.
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