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Freizeit

Update: 10.09.2013, 12:23 Uhr

Wiener Journal

Lernen im Cluster




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Von Mathias Ziegler

  • Mut zur Innovation ist gefragt
  • Wie sieht das ideale Schulgebäude aus? Das hat das "Wiener Journal" drei Architekten gefragt, die auf Bildungsbauten spezialisiert sind. Und die brechen eine Lanze für offene Strukturen und vielfältig nutzbare Räume.

Auch so kann eine Schule aussehen: Eingangsbereich des Ørestad College in Kopenhagen.

Auch so kann eine Schule aussehen: Eingangsbereich des Ørestad College in Kopenhagen.© Philip Ørneborg Auch so kann eine Schule aussehen: Eingangsbereich des Ørestad College in Kopenhagen.© Philip Ørneborg

Viele Freiflächen, vielfältig nutzbare Räume mit variablen Größen, Auflösung der althergebrachten Klassenstruktur – all das hört man, wenn man mit Rainer Fröhlich, Thomas Grasl, Georg Unterhohenwarter  und Christoph Falkner vom Architekturbüro SWAP Architekten ZT GmbH über das ideale Schulgebäude spricht. Und die drei Architekten wissen, wovon sie reden, schließlich sind sie auf Bildungsbauten spezialisiert. Mit dabei: AHS-Lehrerin Daniela Fröhlich, die ihre Erfahrungen aus dem Schulalltag einbringt. Und die auch weiß, dass verschiedene Altersstufen verschiedene Anforderungen an die Raumstruktur haben: "Volks- und Unterstufenschüler brauchen vor allem Bewegungsräume, Oberstufenschüler eher Rückzugsräume." Auch die Art des Unterrichts bestimmt die Anforderungen an das Gebäude: Frontalunterricht in größeren Klassen braucht weniger Platz als freies Lernen und Übungen in Kleingruppen. "Cluster" lautet hier das Zauberwort, wenn man neuen, offeneren Lernmethoden Rechnung tragen will: also die verdichtete Ansammlung von verschiedenen Räumen in Gruppen.

"Unterschiedliche Fächer und Schulstufen brauchen unterschiedliche Bedingungen", meint Daniela Fröhlich, "in den unteren Stufen brauchen die Schüler noch eher den Altersverband, in der Oberstufen kann man sie eher nach Interessen zusammensetzen." Offene Strukturen für Sitzkreise oder Platz zum Lernen im Hof oder auf Terrassen ist da dann gefragt. So wie in einer deutschen Grundschule, die SWAP entworfen haben, wo jede Klasse ihre eigene Terrasse hat, mit einem Durchgang in der Mitte. Oder wie beim ambitionierten Wettbewerbsprojekt für die Erweiterung der BHAK und BHAS Polgarstraße in Wien, das mehrere völlig offene Räume vorsah, die je nach Bedarf mittels Trennwänden vergrößert oder verkleinert werden könnten. "Hier ist uns aufgefallen, dass Berufsbildende Schulen, die sich ja eher an der Wirtschaft orientieren, bei den Anforderungen am ehesten in Richtung offene Schule und Cluster gehen", erzählt Thomas Grasl. Und sein Kollege Georg Unterhohenwarter betont, wie wichtig Zwischenräume zwischen den Klassen sind, "wo Schüler und Lehrer einander treffen, Projektgruppen Platz haben; das soll mehr sein als bloß der Gang, der Klassen verbindet, das wird oft unterschätzt."

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Ehrgeizige Cluster-Modelle scheitern aber in der Realität oft an den Behörden. Einerseits setzt die Statik gewisse Grenzen, andererseits kann es auch passieren, dass ein Modell nach den gängigen Sicherheitsstandards nicht umzusetzen ist, wenn etwa die Fluchtwege oder Brandschutztüren nicht den Vorgaben entsprechen. Hier spielen die Architekten den Ball den Behörden und Betreibern zu und würden sich mehr Flexibilität und Mut zu innovativen Konzepten wünschen. "Brandschutz in offenen Strukturen, Wartung, Reinigung – auch wenn das alles in der Praxis sicher funktioniert, entspricht die komplett offene Schule leider noch nicht den üblichen Schulbaurichtlinien", meint Rainer Fröhlich. Oder die Umsetzung wird als zu teuer angesehen, weswegen etwa Sprinkleranlagen so selten installiert werden. Oder es sind rechtliche Aspekte, die zum Beispiel Dachterrassen einen Riegel vorschieben. Denn die Angst, dass die Kinder etwas runterschmeißen könnten, ist bei vielen Verantwortlichen groß. "Oft darf man ja nicht einmal mehr die Fenster öffnen", erzählt Daniela Fröhlich aus dem Schulalltag. "Und man kann natürlich auch nicht alle Schüler gleichzeitig auf den Gang rausschicken." Eine Einschränkung stellen auch gewisse Normgrößen dar, die bis heute gelten: zum Beispiel 1,5 Quadratmeter pro Schüler, 1,5 Quadratmeter für den Lehrer und 0,5 Quadratmeter für den Ofen, dazu der vorgeschriebene Winkel der Bestuhlung zur Tafel oder dass die Fenster immer an der Längsseite der Klassenzimmer sein müssen. Nicht zu vergessen die Barrierefreiheit, deren Herstellung in bestehenden Gebäuden oft eine große Herausforderung darstellt. Neben diesem Pflichtprogramm bleibt aber trotzdem noch ausreichend Spielraum für architektonische Kreativität. Thomas Grasl spricht hier von der "Kür".

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Dokument erstellt am 2013-09-05 16:27:13
Letzte nderung am 2013-09-10 12:23:53



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