• vom 09.09.2011, 00:00 Uhr

Kulinarik


Kochen mit der Suchmaschine




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Von Julia Rumplmayr

  • Was mache ich eigentlich mit Stachelbeeren? Wie gelingt das perfekte Soufflé? Und kann ein Ei-Allergiker backen? Kochblogs, Videoportale und Rezepte-Apps haben auf kulinarische Fragen schnelle Antworten.


© Kate Mathis © Kate Mathis

Im Supermarkt hat es noch so verlockend und knackig ausgesehen. Zuhause in der Küche angekommen wirft das junge Gemüse nur noch Fragen auf. Braten oder kochen, schälen oder nicht schälen, und überhaupt - was tun damit? In Zeiten von Convenience Food, das in Form bereits gekochter Erdäpfel oder vorgeschnittener und vorgewaschener Salate in den Regalen auf die Konsumenten wartet, sind viele Grundprodukte für Kochanfänger nicht mehr als essbare Fragezeichen, ist das Wissen um deren Verarbeitung verloren gegangen. Lösungen gibt es viele: den Griff zum Convenience-Produkt, zum Kochbuch oder zum Telefonhörer, um Mutti, Papa oder andere erfahrenere Köche zu Rate zu ziehen. Ein schneller und immer beliebterer Weg führt über das Internet: Wer in der Suchmaschine Google etwa die Frage "Was mache ich mit..." eingibt, bekommt sie gleich mit "...Kirschen" oder "...Stachelbeeren" vervollständigt. Userin Sanny schreibt etwa im Forum der Kochseite chefkoch.at: "Was mache ich mit einem Eimer voll Kirschen? Zum Wegschmeißen sind sie mir viel zu schade, aber alle essen schaffen wir nicht." Beliebt sind auf Google auch Fragen wie "Wie brät man ein Steak richtig?" oder "Wie backe ich Brot?", andere rätseln, wie man Spargel, Reis, Kartoffeln oder Frankfurter Würstel kocht. 860.000 Ergebnisse bringt die Frage nach dem perfekten Spargel und jede Menge Hilfestellungen. Auf den Videoportalen myvideo.de und hausgemacht.tv wird gleich vorgemacht, wie optimal geschält und gekocht wird. Rezeptseiten wie www.ichkoche.at zeigen unterschiedliche Zubereitungsarten, und auf der Seite www.frag-mutti.de wird wild über Garzeiten und Lagerungsarten diskutiert. Das Internet übernimmt dabei eine regelrecht erzieherische Funktion. Wer etwa nicht von der eigenen Großmutter gelernt hat, wie man eine kräftigende Hühnersuppe fabriziert, die im früheren Leben kein gepresster Glutamatwürfel war, kann sich online belehren lassen und auf Youtube einer Dame mit silbergrauen Locken beim Zubereiten des Süppchens zusehen. Mit einer Engelsgeduld schält sie Karotten und Sellerie, verfrachtet mit professionellem Blick in die Kamera das Suppenhuhn in den Topf und präsentiert zufrieden das fertige Ergebnis.

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Nicht nur Kochanfänger suchen und finden Antworten im Internet. Auch erfahrene Köche tauschen sich im Web aus, schreiben in Foodblogs über ihre Erfahrungen, informieren sich über Länderküchen, optimieren Rezepte durch Internetrecherche. "Wer einen Internetanschluss hat, braucht theoretisch nie wieder in ein Kochbuch schauen", sagte Nathalie Pernstich, Eigentümerin der Kochbuchgeschäfte "Babette´s" kürzlich in einem Gespräch mit dem "Wiener Journal". Sorgen um die Zukunft der Kochbücher muss man sich dennoch nicht machen. Ein Blog kann kaum ein schön gestaltetes Kochbuch ersetzen und überdies vermarkten Kochbuchverlage ihre Druckwerke auch über das Internet und bieten erfolgreiche Titel als Applications für Smartphones an. Kulinarische Apps gehören mittlerweile zu den erfolgreichsten Zusatzprogrammen für Telefone. Lange Reihen an Kochbüchern, die zuhause nur in Regalwänden verschwinden, lassen sich im Telefon einfach verstauen, die liebsten Rezepte markiert man, die Apps erstellen auch eigene Einkaufslisten zu den Rezepten. Und es geht auch umgekehrt: Wenn es im Kühlschrank eher mager aussieht und zu dessen Inhalt die Ideen fehlen, kann man die vorhandenen Zutaten in eine App eingeben und bekommt einen Rezeptvorschlag zurück. Eine solche "Kühlschrank-Funktion" haben etwa die Apps des deutschen Sternekochs Patrick Jaros, der am deutschen Markt aktiv ist. Vermarktungs- und Kochgenie Jamie Oliver ist natürlich auch auf den Smartphones vertreten, seine "20 Minute Meals App" bietet Rezepte und Videoschulungen. Österreichs umfangreichste App mit 200 Rezepten ist ichkoche.at, ein Timer hilft dabei, die Zubereitungsart im Auge zu behalten, wer sein iPhone schüttelt, bekommt per Zufallsgenerator ein Rezept vorgeschlagen.

Egal, woher das Rezept kommt - Hauptsache, es schmeckt!

Egal, woher das Rezept kommt - Hauptsache, es schmeckt!© Getty Images Egal, woher das Rezept kommt - Hauptsache, es schmeckt!© Getty Images

Das Internet erledigt vieles von der Ideenfindung bis zum Einkaufslistenschreiben - kochen muss man allerdings noch selbst. Foodblogger tun das leidenschaftlich, und nicht nur für den Eigengebrauch: Wenn der Kochlöffel beiseite gelegt wird, kommt zuerst der Griff zum Fotoapparat, das Ergebnis wird ins Netz gestellt - erst dann wird auch gegessen. Die Kochblogger erzählen kleine Geschichten zu ihren Kreationen, die nicht immer nur mit dem Kochen zu tun haben. Die Kalifornierin Heidi Swanson gehört zu den erfolgreichen Foodbloggerinnen: Als sie eines Tages die Kochbücher in ihrem Regal zählte, kam sie ins Grübeln. "Wenn Du über 100 Kochbücher besitzt, solltest du aufhören zu kaufen - und beginnen zu kochen." Das tut sie nun auch in der Öffentlichkeit, seit 2003 probiert sie auf ihrem Blog www.101cookbooks.com neue Rezepte aus. Wer dort sucht, findet viele vegetarische Speisen, die Gerichte sind auch nach Zutaten und Saison eingeteilt und so in der Fülle einfach zu entdecken. Bei den hundert Kochbüchern ist es wohl auch bei Heidi Swanson nicht geblieben, immerhin hat sie mittlerweile selbst einige geschrieben. Als "Times Online" 2009 die 50 weltbesten Foodblogs kürte, landete Swanson auf Platz 9. Zum absoluten Sieger wurde der Blog Orangette (orangette.blogspot.com). Molly Wizenberg aus Seattle startete ihn 2004 und widmet sich in der ellenlangen Rezepteliste nicht nur ihren Lieblingszutaten Kohl, Himbeeren und Erdnussbutter. Über den Blog lernte Wizenberg schließlich auch ihren Mann kennen, mit dem sie 2009 ein Restaurant eröffnete. Auch ein deutscher Blog schafft es regelmäßig in internationale Rankings: "Delicious Days" (www.deliciousdays.com) von den Münchnern Nicole Stich und Oliver Seidel ist ein sehr schicker, klar strukturierter Blog mit tollen Fotos - und in englischer Sprache, was ihm auch den Erfolg außerhalb des deutschsprachigen Raums ermöglicht. Als die Blogger Stich und Seidel 2005 das Projekt begannen, war es ein Hobby neben ihren Tagesjobs, mittlerweile können sie davon leben, Nicole Stich macht neben Food-Fotografie auch Beratung für Restaurants. Im August zeigte sie auf "Delicious Days" etwa eine Rezept-Fotostrecke über goldene Braterdäpfel-Würfel, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Claudio del Principe kombiniert seine Rezepte mit langen Anekdoten und beschreibt auf www.anonymekoeche.net, was er gekocht, gegessen und gesehen hat. Der Schweizer Werbetexter, der den Blog mit zwei Freunden betreibt, ist nach eigenen Angaben süchtig nach Kochen, seit er vier Jahre alt ist und hat eine Vorliebe für die italienische Küche. Und: Claudio del Principe hat natürlich auch mittlerweile ein Kochbuch herausgegeben. Unter den Foodbloggern gibt es auch solche, die mit ihren regelmäßigen Einträgen gefragte Nischen besetzen: Auf "La Mia Cucina" (www.lamiacucina.wordpress.com) nähert sich ein "pensionierter Chemieingenieur und passionierter Kochdilettant" dem Phänomen Essen von der wissenschaftlichen Seite und verrät, warum grünes Gemüse grau wird und wie eine Mayonnaise auch ohne Eier gelingt. Bloggerin Steffi startete nach einem schweren Allergieschock 2010 das Projekt www.kochtrotz.de. Nachdem sie selbst lange Zeit auf viele Lebensmittel verzichten musste, machte sie aus der Not eine Tugend und teilt ihre Erfahrungen: Etwa, wie man trotz Ei-Allergie backen kann und wie auch aus Hyperallergikern begeisterte Köche werden können.



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Dokument erstellt am 2011-09-08 20:15:21



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