Eine wirkliche Seemacht war Österreich nie und dennoch hatten wir eine Kronkolonie auf den Nikobaren, die zu einer Inselgruppe im Golf von Bengalen gehören. Näheres dazu später. Das Nicobar Indian Pale Ale hat jedenfalls diesem Umstand seinen Namen zu verdanken. Es ist das jüngste Produkt aus der Kreativbrauerei Gusswerk und ist seit einigen Tagen als limitiertes Jahrgangsbier auch im gut sortierten Fachhandel erhältlich.

Indian Pale Ale wurde früher von den Engländern für ihre Seefahrer gebraut. Damit das Gebräu die langen Schifffahrten in den Holzfässern auch gut überstehen konnte, enthielt es sehr viel Hopfen. Am Ziel angekommen, wurde es meist etwas mit Wasser verdünnt, da es extrem bitter schmeckte. "Indian Pale Ale ist die Königsdisziplin der Biere. Da kann man sehr viel falsch machen. Wenn nur eine Nuance nicht stimmt, wird das Bier total unharmonisch. Man muss seine Rohstoffe für ein gutes Produkt also schon sehr gut kennen", so der Gusswerk-Chef Reinhold Barta. Er ist auch einer der kreativsten Bier-Brauer unseres Landes und somit wollte er nicht nur ein IPA (Indian Pale Ale) brauen, sondern dazu auch einen österreichischen Bezug herstellen.
Da war der Weg zum Vater, der Historiker ist, der nächste. Auf die Frage, ob Österreich denn nicht irgendetwas mit Indien zu tun gehabt haben könnte, fand dieser auch prompt die Antwort. Nachdem das Schiff "Joseph und Theresia" mit Maria Theresias Auftrag, in Goa eine Handelsfaktorei zu gründen, am 24. September 1776 den Hafen von Livorno verließ, die Erreichung des Ziels aber von britischen Kriegsschiffen vereitelt wurde, steuerte man stattdessen am 12. Juli 1778 auf die Insel Nankauri (Nikobaren) zu, holte dort kurzerhand die dortige dänische Flagge ein und hisste dafür die österreichische.
Trotz der dänischen Ansprüche auf die Nikobaren erwarben die Schiffe der Triester Handelskompanie in diesem Jahr von den Einheimischen fünf (der 22) Nikobaren-Inseln (Nancowry, Camorta, Trinket, Katchal und Teressa, benannt nach Maria Theresia) und erklärten sie zu österreichischen Kronkolonien, womit das Jahr 1778 in die Geschichtsbücher einging.
Die neue Faktorei wurde an der indischen Malabarküste errichtet und sechs Österreicher wurden auf den Nikobaren als Posten zurückgelassen. Allzu lange dauerte der Spuk der "großen Seemacht" freilich nicht. 1783, als der letzte Österreicher auf den Nikobaren starb, wurde der rot-weiß-rote Ausflug in die große weite Welt aufgrund des Drucks der tatsächlichen Seemächte wieder beendet. Aus dem Paradies der Erinnerung kann man aber bekanntlich nicht vertrieben werden, und genau dafür sorgt nun das Nicobar IPA aus dem Hause Gusswerk.
Bei der jüngsten Kreation handelt es sich um ein obergäriges Bier mit 14,9 Grad Stammwürze, 6,2 Vol% und einer Bittere von 55, was aber nicht bedeutet, dass es deswegen doppelt so bitter schmeckt wie ein Pils, das meist eine Bittere zwischen 28 und 33 aufweist. Das ist eben die Kunst, den Hopfen so einzubauen, dass das Bier dennoch harmonisch schmeckt. Reinhold Barta hat sich dafür auch aufs "Hopfen stopfen" verlegt. Das bedeutet, dass der Hopfen in den Tank zum kalten Bier gehängt wird. Dadurch breiten sich im Sud nur die fruchtigen Aromastoffe (Grapefruit, Ananas, Zitrone und Mango) aus und verleihen dem Bier eine köstliche Frische. Der vollmundige Körper, der kräftig bitter-feine Abgang und die blutrote Farbe, die durch Bartas spezielles Maischeverfahren entsteht, verleihen dem Bier seine Besonderheit. Darum kommt es auch nur limitiert (3500 Flaschen) als Jahrgangsbier auf den Markt. Vom Fass ist es im Pub Charly Ps auf der Wiener Währingerstraße erhältlich.
Auch wenn Maria Theresias Sohn und Thronerbe, Joseph II, später meinte, dass dieses Unternehmen völlig sinnlos war, so ist es 234 Jahre später zumindest für die Namensgebung eines Gebräus gut, das den heimischen Biermarkt und seine enorme Bandbreite weiter aufwertet. In diesem Sinne: Prost, auf die Nikobaren!
Artikel erschienen am 7. September 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 20-21
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