• vom 05.04.2015, 10:00 Uhr

Kulinarik


Kulinarik

Bibliothek für Leib und Seele




  • Artikel
  • Lesenswert (11)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christine Dobretsberger

  • Die Biologieprofessorin und Pollen-Spezialistin Martina Weber hat eine umfassende private Kochbuchsammlung: Teils Nahrung für die Augen, teils Entspannungs-Rezept, sind auch einige Spezialexemplare darunter.

Martina Weber und ihre Bibliothek des guten Geschmacks: Fast tausend Kochbücher hat sie bereits.

Martina Weber und ihre Bibliothek des guten Geschmacks: Fast tausend Kochbücher hat sie bereits.

Gustostückerl: ein handgeschriebenes Kochbuch.

Gustostückerl: ein handgeschriebenes Kochbuch.© Robert Wimmer Gustostückerl: ein handgeschriebenes Kochbuch.© Robert Wimmer

Der Markt für Kochbücher schreckt vor nichts zurück: Weder vor regelmäßiger Überflutung der Buchhandlungen mit Neuerscheinungen noch vor geschickt inszenierten Marketingstrategien. Egal, ob Promikochbuch oder Rezeptsammlungen von kochenden Promis, ob "Mafia-Kochbuch" (mit Einschussloch am Buchcover!) oder immerwährendes "Suppenglück": Der Appetit auf kulinarische Lektüre scheint unstillbar. In gewisser Weise ein Phänomen, zumal gemessen an den Verkaufszahlen, die Welt nur so strotzen müsste vor leidenschaftlichen Köchinnen und Köchen.

Doch der Rückschluss von Kochbuch-Kauflust auf aktives Werken am Herd ist nicht zwingend: kann sein, muss aber nicht unbedingt . . . Stellt sich also die Frage: Was macht den Reiz von Kochbüchern aus? Wie kommt es zu dieser Vormachtstellung am Sachbuchsektor? Denn was einem erlesenen Kreis an Autoren vorbehalten bleibt, gelingt etwa dem Kürbis im Handumdrehen: Er schafft es in die Bestsellerlisten und schmückt als großformatig abgelichteter Blickfang weltweit zigtausend Buchcovers. Mehr noch, er liegt voll im Trend und muss - höchstens saisonal bedingt - für kurze Zeit der weniger fotogenen Süßkartoffel weichen.

Information

Christine Dobretsberger, 1968 in Wien geboren, lebt als freie Journalistin, Autorin und Geschäftsführerin der Text- und Grafikagentur "Lineaart" in Wien.  Zuletzt ist das von ihr herausgegebene Kochbuch "Omas Schmankerl: 100 herzhafte Rezepte aus Österreich" im Kral Verlag erschienen.

Werbung

Kulinarische Optik
Womit bereits ein maßgeblicher Grund für die Erfolgsgeschichte von Kochliteratur angesprochen wäre, nämlich die buchstäblich appetitanregende Gestaltung dieser Bücher. Oft handelt es sich um grafische Meisterwerke, bei denen nichts dem Zufall überlassen bleibt, schon gar nicht in Sachen Fotografie. Kaum etwas ist in ästhetischer Hinsicht schwieriger in Szene zu setzen als gekochte Speisen. Foodfotografie ist eine Kunst, die ein ausgeprägtes Verständnis für Bildkomposition, Farben und Licht voraussetzt. Wer jemals ein Kochbuch von Donna Hay in Händen hielt, kennt diese gelungene Symbiose aus inhaltlich wie optisch gutem Geschmack.

Natürlich gibt es auch Publikationen anderer Art. Vom Augenschmaus ist es nicht weit zum "Augengraus". Um auch hier ein Beispiel zu nennen: "Das Insektenkochbuch. Der etwas andere Geschmack". Das ist nicht nur auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig, wenngleich die Botschaft des Verlags lautet: "Was Ihnen für Ihr Terrarium recht ist, kann für Ihre eigene Küche auch nur billig sein!" Wer sich also ein für alle Mal aus den Herzen seiner Gäste kochen möchte, wäre mit folgendem Menüvorschlag gut beraten: Ameisenpuppensuppe, gefolgt von einem knackigen Junikäfersalat und als Krönung knusprig gebratene Heuschrecken (Zubereitungstipp: Um Schluckbeschwerden zu vermeiden, ist - wegen der Widerhaken - das hintere Beinpaar der Heuschrecken sorgfältig zu entfernen!).

Doch diese Ausflüge in abstruse kulinarische Bereiche sind letztlich doch eher die Ausnahme als die Regel. In der Mehrzahl überwiegt am Kochbuchsektor der Genussfaktor. Allein beim Durchblättern dieser prächtigen Bildbände fühlt man sich wie im Schlaraffenland. Und mit ein bisschen Glück und der richtigen Rezeptur lässt sich sogar die Schwerkraft überlisten und man darf sich über himmlisch leichte Soufflés und luftige Kuchenvariationen erfreuen.

Zu jenen Menschen, die sich von dieser Art von Lektüre gerne in den Bann ziehen lassen, zählt zweifelsohne Martina Weber, Professorin am Institut für Botanik an der Universität Wien. Sie besitzt 943 Kochbücher (Stand: März 2015), wobei nicht auszuschließen ist, dass sich ihre Sammlung mittlerweile schon wieder vergrößert hat. Denn Kochbücher sind für Martina Weber schlichtweg ein Hobby für Leib und Seele. Die Palette umfasst alle erdenklichen Themenbereiche zwischen den Geschmackspolen süß und salzig. Feurig scharf gewürzte Länderküchen und antiquarische Raritäten runden das Spektrum dieser umfangreichen kulinarischen Bibliothek ab.

Entfacht wurde Martina Webers Leidenschaft fürs Kochen in ihrer Kindheit. Bereits im Alter von 12 Jahren nahm sie in ihrem Elternhaus das Backrohr in Beschlag. Ihre Mutter unterstützte diese Leidenschaft und man durfte sich über Kuchen und Torten aller Art freuen. Zu den Meisterwerken der ersten Stunde zählt die Diplomatentorte, nicht zuletzt deshalb, weil durch das Schachbrettmuster von dunklem und hellem Biskuitteig auch optische Ansprüche befriedigt wurden.

Martina Weber ist, wie sie selbst sagt, ein ausgesprochen visueller Typ und vertiefte sich bereits als Kind mit Leidenschaft in den - wenn auch sparsam bemessenen - Rezeptfototeil des mütterlichen Kochbuchkontingents. Diese Klassiker der österreichischen Küche waren zum Teil noch in Kurrentschrift verfasst und vermittelten in erster Linie pragmatisches Kochwissen. Kulinarisches Schnickschnack war damals noch kein Thema.

Pfarrhaushalt-Rezepte
Doch der Ausschlag gebende Impuls, Kochbücher zu kaufen und in weiterer Folge zu sammeln, war für Martina Weber weniger der Wunsch, neue Rezepte kennen zu lernen als die generelle Freude an Büchern. Nach dem Motto, das Medium ist die Botschaft, genießt sie schon allein die Tatsache, ein Kochbuch zur Hand nehmen zu können und gemütlich darin zu schmökern. An Auswahl mangelt es ihr angesichts der bald tausend Exemplare jedenfalls nicht. Kochbücher sind für Martina Weber somit das beste Rezept zur Entspannung. Natürlich holt sie sich im Zuge dieser Lektüre gerne auch Anregungen, tatsächlich nachgekocht werden Gerichte allerdings äußerst selten. Und dann vorwiegend aus eher unspektakulären Kochbüchern, wie etwa einem in Spiralheftung produzierten Band mit dem Titel "Rezepte aus dem Pfarrhaushalt".

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-04-02 18:02:21
Letzte nderung am 2015-04-03 14:44:45



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Italienisches Kulinarium in der Annagasse
  2. Sanfte Engel und
    andere himmlische Wesen
  3. Trugbild der Tradition
  4. Von Hunden und Katzen in der Weinlandschaft
  5. Weinrefugium in der City
Meistkommentiert
  1. Die Austro-Magnum des Hermann Nitsch
  2. Frei von Gewissensbissen
  3. Wachauer Trinkgeld-Automatik
  4. Önophile Hommage an die Donau
  5. Flüssige Rotweingeschichte

Werbung



Werbung



Werbung