• vom 14.07.2012, 14:00 Uhr

Mode

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Ein Spitzenprodukt aus der Schweiz


Von Brigitte Suchan

  • Stickerei und Spitzen aus St. Gallen sind seit Jahrhunderten ein begehrtes Luxusgut. In der Haute Couture werden die feinen Gewebe aus der Schweiz zu spektakulären Roben verarbeitet.

Das Textilmuseum zeigt eine Erfolgsgeschichte. - © Textilmuseum

Das Textilmuseum zeigt eine Erfolgsgeschichte. © Textilmuseum

Im Atelier von Karin Bischoff dreht sich alles um Spitze und Stickerei. Die junge Frau, die aus der alteingesessenen Textilfamilie Bischoff stammt, hat in der Altstadt von St. Gallen eine Maßschneiderei eingerichtet und entwirft Damenoberbekleidung für besondere Anlässe und ebensolche Kundinnen. Auf einem Tisch liegt aufgeblättert ein Modemagazin, das ein Model in einer aufwendigen Abendrobe aus blutroter St. Galler Stickerei zeigt. Ein Entwurf von Oscar de la Renta. Internationale Modeschöpfer kreieren aus Stoffen der Ostschweizer Textilfabrikanten ihre Kollektionen, die an den großen Modeschauen in Paris, New York, Mailand und Tokio vorgeführt werden, erzählt die Designerin. Der Stoff für das gelbgrüne Kleid, das Michelle Obama bei der Amtsübernahme ihres Mannes trug, stammt aus einem St. Galler Betrieb, weiß die junge Frau. Auch Camilla Parker-Bowles und Lady Gaga wählen Spitze und Stickerei aus der Ostschweiz für ihre Outfits. Karin Bischoffs eigene Entwürfe sind deutlich schlichter: Ein Rock aus cremefarbenem Spitzengewebe, ein Etuikleid aus weißer Lochstickerei, Besätze aus schwarzer Spitze für einen grauen Blazer. St. Galler Spitze ist nicht gerade Massenware. Das schlichte Etuikleid würde etwa 3000 Franken kosten, inklusive Arbeitszeit.

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Die Geschichte der Stickerei-Tradition in St. Gallen ist über einen langen Zeitraum hinweg eine Erfolgsstory, die von Erfindungsgeist, Geschäftstüchtigkeit und großer Flexibilität der handelnden Personen getragen wird. Weil in dem 670 Meter hohen Tal nichts gedeiht, beginnen schon die Benediktinermönche im frühen Mittelalter Flachs und Hanf anzubauen und begründen die Basis der Leinenweberei. Ab dem 15. Jahrhundert wird St. Gallen zum Zentrum einer blühenden Leinenindustrie, die um 1714 mit einer Jahresproduktion von 38.000 Tüchern ihren Höchststand erreichte. Damals arbeiteten um die 35.000 Frauen in der ganzen Ostschweiz und dem benachbarten Vorarlberg für die St. Galler Stickerei-Exporteure. Als zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Baumwolle aus den amerikanischen Kolonien das europäische aus Flachs hergestellte Leinen vom Markt verdrängt, reagieren die St. Galler Kaufleute schnell. Mit ihrem feinen Baumwollmusselin beherrschen sie bald das Exportgeschäft. Anfang des 19. Jahrhunderts werden hier die ersten Stickmaschinen entwickelt, zuerst die Handstick- später dann die Schiffli-Stickmaschine.


© Textilmuseum © Textilmuseum

"Die Schweiz galt 1800 als das höchstindustrialisierte Land auf dem Kontinent", erzählt Michaela Reichel, Direktorin des Textilmuseums St. Gallen. Seit Februar leitet die Wiener Kulturhistorikerin das Museum, das 1878 zur Förderung der Industrie gegründet wurde. Die beeindruckende Sammlung von Musterbüchern wird auch heute noch von Textildesignern als Inspirationsquelle gerne genutzt. "Sie müssen sich vorstellen, dass etwa ab 1850 zweimal jährlich Kollektionen mit tausenden Stickerei-Mustern auf den Markt gebracht wurden", erklärt die Wienerin. "Musterschutz gibt es erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Davor wurde wild kopiert." Die Bibliothek im Textilmuseum enthält mehr als zwei Millionen Stoffbeispiele.

Stoffmuster für die Sommerkollektionen.

Stoffmuster für die Sommerkollektionen.© Textilmuseum Stoffmuster für die Sommerkollektionen.© Textilmuseum

Seit Mitte Juni gibt die Ausstellung "Traum und Realisation - Stoffe aus der Ostschweiz" Einblick in die facettenreiche Textilproduktion der Ostschweiz vom 16. Jahrhundert bis heute. Vom "weißen Gold" Leinen spannt sich der Bogen bis zu Hightech-Textilien der neuesten Generation. Nur ein Bruchteil der Sammlung ist in den abgedunkelten Räumen zu sehen. "Textilien mögen kein Licht, und sie vergessen es nicht, wenn sie zu viel davon erwischt haben." Michaela Reichel streift durch den Saal und bleibt bei einer Vitrine mit farbenprächtig bedruckten Stoffen stehen. "Türkisch Rot nennt man diesen leuchtenden Farbton. Es ist ein pflanzlicher Farbstoff, der in einem sehr aufwendigen Verfahren aus der Krapp-Wurzel gewonnen wird. Weil das so kompliziert war, haben die Schweizer die Entwicklung von chemischen Farbstoffen vorangetrieben und relativ rasch synthetische Farben auf den Markt gebracht, die leicht und schnell zu produzieren waren." In der Vitrine liegen auch bunte Sarong-Stoffe, die ab 1880 nach originalen Mustern für den indonesischen und afrikanischen Markt produziert wurden. "Die Stoffe sind im Holzdruckverfahren beidseitig bedruckt, damit wurde die Batiktechnik imitiert", erzählt Reichel. "Angeblich erkannten die Indonesier die Schweizer Produkte nur am Geruch."

Bedruckt wurden die Stoffe hauptsächlich im Glarner Land. Im Kanton Glarus wurde schon 1740 eine erste Stoffdruckerei gegründet. Entlang der beiden Flüsse des Tales Linth und Sernf entstanden bald zahlreiche Fabriken. Zwischen 1815 und 1870 erlebte die Glarner Baumwollindustrie einen enormen Aufschwung in den Bereichen Stoffdruck sowie maschinelle Spinnerei und Weberei. Die mit orientalischen Mustern bedruckten Glarner Tücher wurden aus dem kleinen Tal, das ein Reisender des frühen 19. Jahrhunderts wenig schmeichelhaft als "Sackgasse" bezeichnete, weltweit exportiert, vor allem in den Balkan, nach Kleinasien, Hinterindien und Afrika.



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Dokument erstellt am 2012-07-10 14:32:19


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