Stars lassen gerne auf sich warten. So auch Cristiano Cabrano, in der Modewelt ein großer Unbekannter. Ob er groß werden wird, das lässt sich aus der Show nicht ablesen.
Das junge Publikum ist geduldig, wartet über eineinhalb Stunden. Trinkt Aperol, steht unverdrossen auf Superhighheals und chillt gehörig und hörig. Dann ist es so weit. Unter einem riesigen Kristallluster, der den Models immer wieder aus dem Kopf oder Kragen wachsen wird, tobt eine Tanzgruppe in kriegerischer Ausrüstung mit Patronengurt und Gasmasken über den Laufsteg. Im Hintergrund Atlanten oder Bodygards mit Waschbrettbäuchen und einem Palästinensertuch vor dem Gesicht. Wie gesagt - alles unter dem Glitzern des bourgeoisen Kronleuchters.
Man erwartet hochexplosive Mode. Doch es kommt anders: Mädchen in löchrigen Jeans - hatten wir schon seit ewig - oder Hot Pants, dem Citygag der Saison, präsentieren brave T-Shirts, manche aufgepeppt mit Epauletten aus schuppenartigen Nieten. Die Burschen in löchrigen Jeans - sorry für die Wiederholung - und noch braveren T-Shirts. Manchmal ist was Lustiges draufgemalt, wie zum Beispiel eine Nonne mit Zigarettenspitz. Dann zur Abwechslung eine löchrige Jean mit weißem Top aus Posamentrieschnüren und Nieten. Apropos Nieten - auch das ist ein Accessoire, das zur Road-Movie-Mode seit Jahren gehört, und das Cabrano gerne einsetzt, zum Beispiel auf den Lederjacken. Diese kommen eher konservativ daher, brav geknöpft, manchmal sogar doppelreihig, dann wieder etwas mutiger in Rot und Schwarz mit asymmetrischem Zipp und Kragen. Eine weiße Jacke mit mehreren, längs eingesetzten Reißverschlüssen und quer abgesteppten Ärmeln fällt auf.
Macho Boys und Sexy Girls
Nach einer weiteren Tanzperformance, die sich so zwischen Kriegsschauplatz und Vampiralptraum einpendelt, werden die Modelle heißer, sprich die Models nackter. Unter Gekreische des vorwiegend weiblichen Publikums zeigen sie Busen, die Brustwarzen mit schwarzen Klebestreifen keusch verdeckt. Unten herum tragen sie rote Hot Pants oder bunte Leggins (keine Modenschau ohne Leggins), manchmal auch fast gar nichts, ein Spitzenslip oder weniger. Im wahrscheinlich bewusst gewollten Kontrast dazu der Mann: elegant, selbstbewusst bis herrisch, im smokingähnlichen Sakko aus Seide oder einem Glanzstoff, auch ganz in Weiß, wie ein Jungpate oder ein Juppie der 90er Jahre, nur mit einem Knopf in der Mitte nachlässig geschlossen. Zum Schluss der Show scheint es, als wollte Cristiano Cabrano seinen weiblichen Fans - und eventuellen Klientinnen - kräftig schmeicheln: Das sogenannte "Kleine Schwarze" feiert eine elegante Wiederauflage. In schwarzem oder kupferfarbigem Leder, einfach geschnitten mit breitem Gürtel, oder aus elegantem Wollgeorgette mit spinnenartigen Spitzenärmeln oder Paillettenärmeln, manche auch wieder mit Silberepauletten - diese Modelle könnten durchaus zum Verkaufsschlager werden. Mit schwarz-weißen Streifen, schräg geschnitten, gibt es das "kleine Elegante" als superkurze Sexyvariante. Superkurz sind übrigens alle Modelle. Was kümmert es einen Designer, ob Frauen immer so viel Bein herzeigen wollen?