Und jetzt also auch Brad Pitt. Zunächst war die Verblüffung groß, als bekannt wurde, dass der Hollywood-Star das neue Werbe-Gesicht für ein Damenparfüm, den Klassiker Chanel N°5, werden sollte - hat er doch nur weibliche Vorgängerinnen. Und es waren durch und durch feminine Diven wie Marilyn Monroe und Catherine Deneuve, die bereits für den edlen Duft warben, später die Französin Audrey Tautou, die Coco Chanel auch in einem Kinofilm verkörperte, und die Australierin Nicole Kidman. Doch mit dem 48-jährigen Brad Pitt, dem umschwärmten Sexsymbol, Vorzeigevater und -ehemann seiner Kollegin und Partnerin Angelina Jolie und Menschenrechtsaktivisten, hat das französische Modehaus einen echten Coup gelandet. Und niemand fragte: Kann der das? Darf der das? Medienberichten zufolge erhält er eine siebenstellige Gage für seinen Auftritt für ein "Frauen-Parfum mit dem Duft nach einer Frau". So beschrieb die Modeschöpferin Coco Chanel selbst die legendäre Kreation.
Schauspieler in der Model-Rolle sind längst eine Normalität - heute mehr denn je. Die Beispiele scheinen zahllos. Dior hat für die kommende Herbst/Winter-Saison erneut Mila Kunis gewonnen, nachdem schon Ikonen wie die Oscar-Preisträgerinnen Marion Cotillard, Natalie Portman und Charlize Theron ihre Gesichter für Werbekampagnen des französischen Modehauses hergaben. Yves Saint Laurent wirbt für seinen nächsten Duft mit der aufregend rothaarigen amerikanischen Filmdarstellerin Jessica Chastain, Nachfolgerin ihrer britischen Kollegin Emily Blunt in dieser Rolle. Die 60-jährige Isabella Rossellini für Bulgari, Kristen Stewart für Balenciaga, Keira Knightley für Chanel oder der Amerikaner Matthew McConaughey für den neuen Männerduft von Dolce & Gabbana - die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Gucci hat Charlotte Casiraghi, die Tochter von Prinzessin Caroline von Monaco, für seine nächste Kampagne gewonnen. Eine ähnlich klassische Schönheit wie ihre Mutter, verspricht sie mit ihrer mysteriös-distanzierten Ausstrahlung ein Hingucker auf den Werbeplakaten zu werden. Manchmal handelt es sich auch um Freundschaftsdienste, wie bei der Schauspielerin und Sängerin Charlotte Gainsbourg, die 2010 für den Damenduft von Balenciaga warb, wohl auch weil sie mit dessen Chefdesigner Nicolas Guesquière befreundet ist.
Immer öfter erledigen Nicht-Models Model-Jobs. Und sie machen es gut. Der Vorteil für die Modehäuser besteht im hohen Wiedererkennungswert ihrer Vorzeige-Werbeträger, der leichten Identifikation, der Aura der Prominenten, die optisch oft ohnehin Top-Modelqualitäten besitzen. Ein Botschafter wie Brad Pitt transportiert zudem sein eigenes positives Image, gewonnen durch seine schauspielerischen Leistungen, seine humanitären Aktionen und sein Privatleben an der Seite der Ikone Angelina Jolie, auf das Image der Marke. Louis Vuitton setzte, um sich einen moderneren Schliff zu geben, Stars wie Madonna, Uma Thurman und Jennifer Lopez als Werbeträgerinnen ein und erreichte damit ein junges Publikum, das den Mode- und Accessoire-Hersteller fortan als Trendsetter akzeptierte.
Auch ihre Défilés werten die Modehäuser gerne mit berühmten Stars aus der Film- oder Musikszene auf - und zwar nicht nur in den ersten Zuschauerrängen, wo sich die Mode-affinen seit jeher gerne tummeln. Bei der Fashion Week in Mailand etwa schickte Prada den Schauspieler Adrien Brody auf den Laufsteg - wenn solche Promi-Auftritte bei den Modenschauen auch die Ausnahme bleiben. In der Tat sollen schließlich die kreativen Entwürfe im Vordergrund stehen, nicht die starke Ausstrahlung von deren Träger und Trägerinnen, die sie lediglich bestmöglich zur Geltung zu bringen haben. Das erklärt wohl den oft gleichförmig wirkenden Typ, der vorzugsweise bei den Schauen eingesetzt wird: zurückhaltend, diskret, nie überschwänglich. Das können vielmehr die Kleider sein.
Doch in einer Zeit, in der in populären Fernsehshows Topmodels am laufenden Band gesucht und produziert werden, bleiben deren Namen und Gesichter immer weniger hängen, wirken zunehmend austauschbar. Vom Abnutzungseffekt beim Zuschauer durch ihre serienmäßige Fernseh-Präsenz wissen die Teilnehmerinnen selbst. Aber der Traum vom Modeln ist eben größer als die Angst, sich den Durchbruch für die ganz große Karriere vorschnell zu verbauen.
Bereits vor einigen Jahren hat Claudia Schiffer in einem Interview erklärt, die Zeit der Star-Mannequins sei endgültig vorbei. "Supermodels, so wie wir damals waren, gibt es nicht mehr. Die Konkurrenz ist einfach zu stark", erklärte die blonde Deutsche, die selbst einst als Inbegriff des Supermodels galt. Heutige Mannequins kämen zu jung auf den Laufsteg und verpassten den Durchbruch, erklärte Schiffer. "Um ein Supermodel zu werden, muss man gleichzeitig international auf allen Covern sein, damit die Leute die Mädchen wiedererkennen können. Das ist im Moment nicht möglich, nicht zuletzt weil in der Werbebranche sehr viel auf Popstars und Schauspielerinnen zurückgegriffen wird."
Zwar gibt es nach wie vor große, über die Modebranche hinaus bekannte Namen von Models mit internationalem Promi-Rang: Die Russin Natalia Vodianova etwa gehört dazu, die Brasilianerin Gisele Bündchen, die Französin Laetitia Casta, die selbst wiederum ab und zu vom Model- ins Schauspielfach überwechselt, oder die Israelin Bar Refaeli, nicht zuletzt durch ihre mehrjährige Liaison mit dem US-Schauspieler Leonardo di Caprio und ihre umstrittene Kritik gegenüber Israel und der dortigen Wehrpflicht.

