"Wiener Zeitung":Herr Professor Sarçiftçi, Sie forschen in Linz am Institut für Organische Solarzellen und versuchen, aus Photosynthese Treibstoff zu gewinnen. Wie funktioniert dieses Verfahren?
Niyazi Serdar Sarçiftçi: Die Forschung an dem Treibstoff hat sich aus unserem Schwerpunkt "organische Solarzellen" ergeben. Wir haben bei der Institutsgründung das Thema der Photovoltaik-Forschung eingebracht und sind in dem Bereich inzwischen weltweit führend. Seit einigen Jahren konzentrieren wir uns darauf, wie wir die Sonnenenergie statt in Strom in chemische Energie umwandeln können. Nichts anderes passiert ja in der Photosynthese: aus Licht wird chemische Energie. Mein Traum ist es, aus der Solarenergie direkt einen Treibstoff zu erzeugen. Pflanzen erzeugen auf diese Weise noch kompliziertere chemische Verbindungen. Wir würden uns schon mit einfachem Benzin zufriedengeben.
Echtes Benzin?
Sagen wir: ein kohlenwasserstoff-basierter, flüssiger Treibstoff. Kohlenwasserstoffe haben eine sehr gute Energiedichte. Verglichen mit den Speichermedien von elektrischer Energie liegt die Energiedichte von Benzin zum Beispiel um ein 50-Faches höher. Es wäre daher klug, die Sonnenenergie zur Erzeugung von flüssigem Treibstoff zu nutzen.
Dieser Prozess ist CO2-neutral?
Ja, darum geht es. Wir entnehmen CO2 aus der Atmosphäre und führen es bei der Verbrennung wieder zurück in den Kreislauf. Die Verbrennung setzt genauso viel CO2 wieder frei, wie zur Erzeugung gebraucht wurde. Künstliche Photosynthese ist CO2-neutral.
Wie viele Jahre der Forschung sind noch notwendig?
Weltweit forschen einige Gruppen daran. Wenn alle brav arbeiten, könnten wir innerhalb der nächsten zehn Jahre soweit sein, das Verfahren kommerziell zu nutzen. Allerdings ist es im Moment scheinbar immer noch günstiger, fossile Kraftstoffe aus der Erde zu pumpen. Da ist die Schmerzgrenze offenbar noch nicht erreicht. Leider werden die ökologischen Folgekosten für unseren Planeten bei der Rechnung nicht mitbedacht.
Welche Summen sind notwendig, um es bis zur Marktreife zu bringen?
Es gibt keine Szenarien, aber würde man diesem Verfahren ebenso viel Aufmerksamkeit schenken wie der Atomenergie, dann wäre das Problem wahrscheinlich schon längst gelöst. Ein Vorteil ist auch, dass wir die bestehenden Strukturen wie zum Beispiel die Erdgaspipelines nutzen könnten. Man muss also nichts Neues erfinden. Der Leidensdruck muss aber offenbar noch größer werden. Ich sage meinen Studenten immer: Wir können die Energiekrise der Zukunft wahrscheinlich nicht verhindern, aber wir werden bereit sein, wenn es soweit ist.
Sie sind aus dem anatolischen Konya als Schüler des österreichischen St. Georgs Kolleg nach Istanbul gekommen und haben schließlich klassisches Klavier studiert. Hat die Liebe zur Musik Sie nach Wien gebracht?
Ja, ich wollte an der Akademie für Musik und Darstellende Kunst in der Seilerstätte studieren, aber ich habe die Akademieprüfung nicht geschafft und deshalb Physik studiert.
War die Physik, in der Sie jetzt so erfolgreich sind, ursprünglich nur die zweite Wahl?
Es war eine zweite Möglichkeit, denn ich war in Naturwissenschaften und Mathematik sehr gut. Hätte ich aber die Prüfung damals geschafft, wäre mein Leben sicher anders verlaufen. Ich habe aber nie "Was-wäre-wenn-Diskussionen" geführt. Man muss im Leben nicht immer alles und sofort erreichen.
Sie haben nach dem Abschluss des Physikstudiums Ihre Karriere zunächst in Stuttgart und dann in den USA, in Santa Barbara fortgesetzt. Was schätzen Sie an der Zeit in den USA besonders?
Gerade Kalifornien ist ein fruchtbarer Boden für hochtechnologische Forschung. Ich hatte das große Glück und die Ehre, Mitte der 1990er Jahre mit Alan J. Heeger, dem späteren Nobelpreisträger für Chemie, zusammenarbeiten zu dürfen. In den USA wird freier, abenteuerlicher und fortschrittlicher geforscht und gedacht. Amerikaner sind freier im Geiste als Europäer. Europäer sind oft viel zu konservativ und zögerlich. Das sind kulturelle Unterschiede, die in der Wirtschaft genauso gelten, wie in der Wissenschaft.
Ist exzellente Forschung für Sie dann hauptsächlich eine Mentalitätsfrage und weniger eine der Strukturen?
Gute Strukturen sind natürlich essentiell. Wenn Sie einen der weltbesten Herzchirurgen berufen und ihm kein modernes Operationsgerät geben, werden Sie nicht viel von ihm haben. Wenn diese Strukturen aber da sind, entscheidet die Kultur, die Reformfreudigkeit einer Gesellschaft und die Risikofreudigkeit der Industrie.
Sie haben 1996 eine Professur in Linz angenommen und das Institut für Organische Solarzellen aufgebaut. Was hat Österreich für Sie wieder attraktiv gemacht?
Österreich ist ein guter Forschungsstandort, der leider oft krankgeredet wird. Deshalb war es vielen unverständlich, warum ich von Kalifornien wieder nach Linz gegangen bin. Wir haben in Linz eindeutig bewiesen, dass man an einer österreichischen Universität Weltklasseforschung machen kann. Natürlich ist Österreich ein kleines Land, aber wir sind auf der Weltbühne genauso präsent wie größere Universitäten aus Deutschland oder den USA.
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