• vom 13.04.2012, 20:00 Uhr

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Gemischte Inselferien


Von Stefan May

  • Die deutsche Insel Usedom und die polnische Insel Wollin wachsen 20 Jahre nach der Wende auch emotional zusammen.

 - © lilly - Fotolia

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"Lächelnd trug die Küchenmagd auf einer silbernen Platte einen gebratenen Dorsch, den sie Pumuckel nannte, herein. Pumuckel verzanken heißt Liebgottchen nicht danken." Die Speisekarte des Heringsdorfer Restaurants zitiert "Der Butt" von Günter Grass. Sie selbst ist schon ein Stück gastronomischer Literatur: Da wird nicht nur das beschriebene Dorschfilet mit kaschubischem Pilzsalat angeboten, sondern auch Kidasch: Pommersche Vorspeisenspezialitäten aus Krebsenfleisch, eingelegtem Schafkäse, Rauchfischpralinen und Räucherlachs mit einem Bukett von Wildkräutern, Senffrüchten und frisch geröstetem Schwarzbrot. Oder Hümpfe, mit Rauchfleisch und Zwiebel gefüllte Kartoffelklöße, gegart in Gemüsebrühe mit Portweinsauce. Oder Glumse, auch sie von Grass beschrieben: Kräuterquark, abgeschmeckt mit Kürbis und Rosinen, serviert mit Kartoffeln und Wildkräutern.

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Das Wirtshaus liegt nicht im Zentrum von Heringsdorf und schon gar nicht an der Strandpromenade, sondern im Bahnhof am Ortseingang. Wer Besucher dorthin ziehen will, muss sich schon Besonderes überlegen: Die Sitze sind Fauteuils aus 1.-Klasse-Abteilen mit Gepäcknetzen darüber, in denen sich Koffer, Taschen und Hutschachteln türmen. An der Wand hängen gerahmte alte Bahnanleihen, darunter fährt eine Modellbahnlok der Deutschen Reichsbahn mit vier Güterwagen an der Wand entlang, wie es das auch in einem Gasthaus in Winterbach an der Mariazellerbahn gibt. Sie spart dem Personal viele Serviergänge, denn die kleine Bahn nimmt ihm auf Knopfdruck den Getränketransport zu den Tischen ab.

Abendstimmung am Meer.

Abendstimmung am Meer.© DeVIce - Fotolia Abendstimmung am Meer.© DeVIce - Fotolia

Der bärtige Wirt, ein wenig verschmitzt mit roter Schürze, hat früher in Schweden gearbeitet: Dort gibt es Restaurants als Pilgerstätten mitten im Wald, tröstet er sich über den etwas abseits gelegenen Standort seiner Bahnhofsrestauration.

Weit moderner als deren nostalgisches Flair sind die Züge, die im Stunden- oder Halbstundenintervall an den Fenstern vorfahren: Zu DDR-Zeiten verkehrten hier "Ferkeltaxen" genannte weinrote Schienenbusse, heute brummen elegante Triebwagen der Usedomer Bäderbahn (UBB) in Weiß-Blau über die Insel. In Kombination mit dem Fahrrad bietet sie eine Inselmobilität, die gerne auf das Auto verzichten lässt.

Die gesamte Usedomer Strandpromenade kann abgeradelt werden: links Spaziergänger, rechts Radler, preußischem Ordnungsbewusstsein folgend. Nur im Sommer kommt man sich im Gedränge bisweilen in die Quere. In der Zwischensaison radelt es sich hingegen prächtig, nahezu kontemplativ. Sobald man müde ist, steigt man mit seinem Gefährt in den Zug und fährt einfach weiter. Oder zurück. Zu allen Zeiten hört man auf der Promenade oder im Hotel neben Deutsch auch Dänisch oder Polnisch: Die Nachbarn kommen zu Besuch. Seit 1. Mai dieses Jahres auch als Arbeitskräfte: Mancher Kellner spricht slawischen Akzent.

Früher war das nicht so, und 1961, vor genau 50 Jahren, mit dem Bau der Mauer und des Eisernen Vorhangs, war endgültig Schluss mit jeder Art von Freizügigkeit. Erst nach 1989 öffnete sich der deutsche Inselteil Usedom dem seit Kriegsende polnischen Inselteil Wollin. Erst war es eine schmale Schleuse zwischen Zollcontainern im Wald, nur für Radler und Fußgänger geöffnet, durch die man nach Swinemünde, das heutige Swinoujscie, gelangte. Heute ist daraus eine gut frequentierte Straße ohne Kontrollen geworden. Den Polenmarkt, gleich hinter der Grenze, hinein in die Stadt, gibt es aber ebenso noch wie den ehemaligen Postenweg zwischen Polen und DDR, eine Narbe in der Natur in Form einer schnurgeraden Lichtung.

Noch gibt es die Korbwaren und die billigen Zigaretten auf dem Markt, der in dem Maß geschrumpft scheint, als die beiden Länder zaghaft zusammenwachsen: Ein Linienbus pendelt zwischen den Grenzorten, die Usedomer Bäderbahn hat ihre Strecke ein paar hundert Meter bis an den Rand Swinemündes verlängert. Während man dort aber überall auf deutsche Beschriftungen trifft, ist dies auf deutscher Seite noch selten der Fall.

Doch noch immer ist auf der Wolliner Seite vieles anders: Die bis 1946 evangelische Kirche bietet sonntags acht katholische Messen an. Eine kostenlose Fähre setzt alle paar Minuten Autos und Fußgänger über die Swinemündung auf die andere Stadtseite mit dem Bahnhof, von wo Züge bis Krakau abfahren.

Der frühere Urwald des Kurparks wird gerodet und mit Bänken aus schwarzem Schmiedeeisen verschönert. Noch liegen selbst an der Strandpromenade die Gehsteigplatten schief, doch die Stadt mausert sich: Hübsche Hotels und Pensionen wachsen zwischen den alten Bauten aus früherer deutscher Sommerfrische-Zeit und den Urlauberschließfächer-Blöcken aus kommunistischen Tagen. Es ist eine Spur einfacher als "drüben", improvisiert, hemdsärmelig, weniger gestylt oder mit alter Eleganz kokettierend als nebenan. Waffeln, der polnische Freizeitrenner, werden an Ständen am Wegesrand verkauft, Eis und viele Sorten Bier, sowie Räucherfisch, Aal vor allem, direkt vor den Augen zubereitet - völlig anders als auf deutscher Seite.

Dort herrschen sauber geputzte Promenadenwege mit Blumenrabatten und geharkten Rasenflächen vor. Villa reiht sich an Residenz und gediegene Hotelanlage, schneeweiße Gebäude mitten in parkartigen Gärten unter hohen Bäumen. Klassizistisch wechselt mit Romantisch ab. Säulen säumen weite Portale, über denen der Name des Haues prangt. "Villa Caprivi" etwa, eine Erinnerung an Zeiten, als sich auch Deutschland eine Kolonie in Südwestafrika leistete.



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Dokument erstellt am 2012-04-12 20:51:19


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