Karst. In meiner Kindheit ein Zauberwort, verband ich diesen Begriff doch unweigerlich mit den Karl-May-Filmen. (Auch wenn ich diese als Buchpurist wegen ihrer mangelnden Werktreue eher ablehnte - aber das ist eine andere Geschichte und gehört selbst im Karl-May-Jahr überhaupt nicht hier her...)
Und so waren auch meine Eindrücke bei den ersten Ausflügen in diese Region, die mein in Ljubljana ansässiger Cousin mit mir und meinem Vater unternommen hatte, von Gedanken an die einschlägigen Protagonisten geprägt. Sehr zum Leidwesen meines Cousins, versteht sich, wollte er mir doch die Schönheiten und Eigenarten dieser Landschaft näher bringen.
Erst als reifen Erwachsenen verschlug es mich wieder in diese Gegend, um sie nun für mich selbst zu entdecken und genießen zu können. In einem kleinen Land, wie Slowenien es ist, gelangt man leicht in etwa zwei Autostunden aus dem Landesinneren in diese im Süden an den Grenzen zu Italien und Kroatien gelegene Region. Eigentlich ein Widersinn - wie jede Landschaft kennt auch der Karst keine Staatszugehörigkeit und erstreckt sich ohne wahrnehmbaren Unterschied über die genannten Länder.
So bietet auch das neue, vom Universitätskulturzentrum Unikum Klagenfurt herausgegebene Wanderbuch "Tiefer gehen" Beschreibungen von 33 verschiedenen Rundwanderungen, deren Verlauf teilweise grenzüberschreitend konzipiert ist. Den Autoren Gerhard Pilgram, Wilhelm Berger und Werner Koroschitz ist es gelungen, die Erwartungen an einen klassischen Wanderführer - Wegbeschreibung, Anforderungen, Orientierung, Länge und Dauer etc. - gekonnt mit hintergrundreichen Schilderungen der jeweiligen Gegend zu verbinden, und das alles in einem sehr behutsam anmutenden Sprachstil, der dem Wesen des sanften Tourismus und der Achtung vor Land und Leute gerecht wird. Auch historische und philosophische Momente kommen nicht zu kurz: Zwischen die Routenbeschreibungen sind immer wieder entsprechende Abhandlungen zu finden, in denen unter anderem immer wieder der slowenische Gelehrte Valvasor in Zitaten zu Wort kommt. Zahlreiche Photos (Schwarzweiß im Textteil und Farbe in zusätzlichen Bildteilen) vermitteln subtile Ansichten und Betrachtungsmöglichkeiten.
Eigentlich sollte nun an dieser Stelle über Wanderungen, die anhand des Buches unternommen wurden, berichtet und die Treffsicherheit der Beschreibungen beurteilt werden. Ich gestatte mir, den umgekehrten Weg zu gehen. Einige Orte, die in den Wanderrouten Erwähnung finden, sind mir, wenn auch schon vor Jahren aufgesucht, vertraut. Die Lektüre bestärkt meine Vermutung, dass sich dort nicht gerade viel geändert haben dürfte. So zum Beispiel im Naturschutzgebiet von Rakov kocjan. Dort bin ich die in "Tiefer gehen" beschriebene Rundwanderung genau so gegangen, wie die Autoren es vorschlagen.
Hier hat die Landschaft nicht das Erscheinungsbild, das langläufig mit dem Begriff Karst assoziiert wird. Keine karge, steinige Gegend, vielmehr üppig grüne Wälder und Wiesen laden zum Wandern in dieser vom Rak-Bach durchflossenen Talsenke ein. Ein Naturlehrpfad führt die Wandernden unter anderem zu natürlichen steinernen Brücken, vor urdenklichen Zeiten entstandenen begehbaren Durchlässen, durch die man zu immer neuen Blickwinkeln gelangt. In früheren Zeiten befand sich hier sogar ein Sägewerk. In jüngerer Vergangenheit durfte Pierre Brice hier Karin Dor retten - "Winnetou II" (natürlich der Film!) lässt grüßen...
Unweit davon führen uns die Autoren zum größten temporären See Sloweniens. Der Cerkniko Jezero, zu deutsch Zirk-nitzer See, bietet im Laufe des Jahres ein Kommen und Gehen. Eine Vielfalt an typischer Flora und Fauna wartet an seinen Ufern auf die interessierten Besucher. Das Problem dabei ist: wo ist nun das Ufer? Je nach Jahreszeit und Wasserstand kann das sehr variabel sein, wodurch manchmal Wege und Zufahrten buchstäblich verenden. Für den Gesamteindruck wird im Buch auch das Ersteigen des nahe gelegenen Berges Slivnica empfohlen, wobei aber auch vor manchen Tücken des Weges gewarnt wird.
Ist Postojna durch seine weltbekannten Tropfsteinhöhlen ("Adelsberger Grotte") vielen Urlaubern ein Begriff, dürfte die nahe gelegene Burg Predjamski Grad eher nur eingefleischten Slowenien-Liebhabern bekannt sein. Diese einst von Raubrittern bewohnte Karstfestung ist in die Öffnung einer gewaltigen Höhle gebaut und schon allein deshalb imposant. Wenn die Autoren vor Nepp bei Eintritt und Erfrischungen warnen, trösten sie zugleich auch mit dem Vorschlag einer etwa fünfstündigen Rundwanderung.
Knapp an der Grenze zu Italien und Kroatien liegt der Ort Hrastovlje in einer von schroffen Karstwänden begrenzten Talebene. Wer nicht nur wegen der Landschaft und deren Reize hierher kommt, findet in der alten Wehrkirche Sv. Trojica ein außerordentliches sakrales Kulturdenkmal: Der Freskenzyklus "Totentanz" bringt in eindrücklichen Bildern die Vergänglichkeit von Ansehen, Rang und Ruhm auf dem Punkt - vor dem Tod sind alle gleich. Hier sind wir - für Krimifans in Buch und Film - im Land des Commissario Laurenti. Er trifft sich hier mit seiner kroatischen Kollegin. Die Wanderung dorthin beginnt im Dorf rni Kal, das mit einem bedenklich schiefen Kirchturm aufwarten kann. In die andere Richtung gelangt man - besser mit dem Auto - über Kastelec zur Burg Socerb. Eine "typische" karge, steinige Karstanhöhe bietet einen weiten Rundblick über die nahe gelegene Stadt Triest. Socerb ist auch Punkt in einer anderen beschriebenen Wanderung.
Wolfgang von Metten findet den Werbespruch "Der Weg ist das Ziel" für Wallfahrten unpassend. "Das Ziel einer Wallfahrt...weiter