Natürlich waren wir gewarnt, natürlich haben wir die Handbücher gelesen, die Gezeitentafeln studiert und mit Einheimischen gesprochen. Aber überrascht sind wir trotzdem. Bei gut fünf Windstärken passieren wir die Insel Fladda, deren Leuchtturm die nördlich Einfahrt in den Sound of Luing markiert. Das Schiff macht gute Fahrt nach Süden, dann geht alles sehr schnell. Plötzlich scheint das Wasser um uns herum zu kochen, Wildbäche scheinen im Kreis zu laufen, an anderen Stellen sackt das Wasser in die Tiefe ab, wie beim Abfluss einer Badewanne. Dann wieder wird die Wasseroberfläche auf unheimliche Art still, fast ölig, und der Wind scheint sich zu legen. Ja, der kräftige Wind scheint völlig einzuschlafen, der Zeiger des Logs, das die Fahrt des Schiffs durchs Wasser misst, sinkt gegen null. Doch das GPS sagt etwas ganz anderes. In Wahrheit sind wir mit einer Geschwindigkeit von neun Knoten nach Süden unterwegs, viel schneller als zuvor; wir hätten nicht die geringste Chance, das Boot irgendwie aufzuhalten. Eine unsichtbare Kraft beschleunigt es mitten in dem scheinbaren Stillstand so energisch, dass der Wind an Bord nicht mehr zu spüren ist.
Eine Viertelstunde geht das so, eine unwirkliche Viertelstunde, in der wir nur angespannt im Cockpit hocken können und abwarten, was weiter geschieht. Dann lässt uns der Strudel los, der Wind fasst weder in die Segel, das Boot legt sich über und wir sind in die altbekannte Welt zurückgekehrt, in der die altbekannten physikalischen Gesetze gelten.
Die Wirbel im Sound of Luing, sind längst nicht die heftigsten an der schottischen Westküste, an der die ganze Kraft des Nordatlantiks auf eine Welt von schroffen Felsinseln trifft. Wenige Meilen im Südwesten liegt der Golf von Corryvreckan, den wir an diesem Tag bewusst gemieden haben, einer der berüchtigtsten Wasserwirbel der Welt. Bei heftigen Winterstürmen sind dort schon steile Wasserwände beobachtet worden, die sich zehn Meter hoch auftürmen, und das Gebrüll des Wirbels ist noch viele Kilometer weit entfernt auf dem Festland zu hören. Nach alter schottischer Überlieferung, wäscht dort im Herbst die Göttin des Winters ihre Kleider, damit sie wieder schneeweiß für den Winter werden. Im Sommer des Jahres 1947 ist dort übrigens George Orwell nach der Rückkehr von einem Angelausflug mit einem Boot gekentert und konnte sich mit knapper Not auf einen Felsen retten, auf dem ihn schließlich Fischer entdeckten. Vermutlich hatte er sich bei der Berechnung der Gezeiten vertan, von denen Kraft und Richtung der Strömung und damit das Wirken des Strudels abhängen.
Frau auf dem Felsen
Unser Segeltörn hat zwei Wochen vor dieser Passage durch den Sound of Luing seinen Ausgangspunkt nicht weit entfernt von den Wirbeln genommen, und zwar an einem Ort, der Croabh heißt, ein gälischer Name, dessen Aussprache man ins Deutsche am ehesten mit "Kruuf" transkribieren könnte. Dort gibt es ein paar Stege mit Stromanschluss und Sanitäranlagen, einer der wenigen Plätze auf den Hebriden, die solchen Luxus zu bieten haben. Es gibt sogar ein Pub und einen kleinen Laden, der allerdings wenig Auswahl hat. Wir haben deswegen die Vorräte für einen Törn von vierzehn Tagen in Glasgow gekauft und mit dem Wagen über die Highlands hierher gebracht.
Am ersten Tag kriechen wir um fünf Uhr aus den Kojen. Ein Blick in die Gezeitentabellen hat gezeigt, dass die Flut in der Stadt Oban ihren höchsten Stand um 2 Uhr 27 erreicht. Daraus ergibt sich, wenn wir richtig gerechnet haben, dass wir gegen sechs Uhr die Cuan-Passage nehmen können, eine weitere der von Gezeitenströmen beherrschten schmalen Durchfahrten zwischen den unzähligen Felseninseln, die in den Inneren Hebriden dem schottischen Festland vorgelagert sind.
Es ist Mitte Juni. Bei Sonnenschein erreichen die Temperaturen gegen Mittag 12 Grad. Der Morgen ist kühl und feucht. Über der Bucht von Craobh-Haven liegen schwere graue Wolken, aus denen immer wieder der sanfte schottische Regen fällt. Ein würziger Duft weht von den üppig grünen Hängen herüber, fast wie auf einer Alm im Hochgebirge.
Nachdem wir uns zwischen den Felsen hinaus in den Firth of Lorn manövriert haben, segeln wir gemächlich nach Oban, der Metropole dieser Region, einem Ort mit immerhin 8000 Einwohnern, den schon Theodor Fontane in "Jenseits des Tweeds" beschreibt, seinem Reisebericht aus dem Jahr 1860. In diesem Buch beschreibt Fontane auch Ladys Rock, einen nicht weit von Oban der Insel Mull vorgelagerten Felsen, den wir anderntags mit westlichem Kurs passieren. Mit ihm verbindet sich ein altschottisches Scheidungsdrama. Ein Clanchef der Macleans, deren Burg gut sichtbar auf den Felsen von Mull aufragt, Herrscher über mehrere Inseln, soll dort im Jahr 1527 bei Ebbe seine Frau ausgesetzt haben, davon ausgehend, dass er sechs Stunden später, wenn die Flut den Felsen wieder unter Wasser setzt, sozusagen auf natürliche Art Witwer würde. Fischer sollen die Dame jedoch im letzten Augenblick gerettet und ihr die Flucht zu ihrer Familie in den Highlands ermöglicht haben. Ein zäher Krieg zwischen den Clans war die Folge, der ein paar Jahre später in der Ermordung des grausamen Ehemannes in Edinburgh gipfelte.


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