• vom 13.05.2012, 07:30 Uhr

Reisen

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13 Kilometer durchs Goldreich gondeln


Von Thomas Karny

  • Eine Fahrt mit der längsten Personenseilbahn der Welt zählt zu den Highlights eines Schwedenurlaubs.

Links: Das letzte betriebene Teilstück der Linbanan dient nur noch als Touristenattraktion. Rechts: Zahllose Betonsteher als Überreste eines bautechnischen Mammutprojektes. - © Thomas Karny

Links: Das letzte betriebene Teilstück der Linbanan dient nur noch als Touristenattraktion. Rechts: Zahllose Betonsteher als Überreste eines bautechnischen Mammutprojektes. © Thomas Karny

Wer Lappland hört, denkt wohl an das dünn besiedelte nördliche Skandinavien, wo dichter Nadelwald und almähnliches Hochland ebenso endlos sind wie die Tage im Sommer. Für den alltagsgestressten Nordlandliebhaber ist das Land der Samen, die hier in nahezu unberührter Natur ihre Rentierherden halten, die gültige Metapher für ungestörten Rückzug und mitternachtssonnendurchflutete Abenteurerromantik.

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Wer derart eingestimmt im schwedischen Västerbotten, einer Provinz, wo Lappland gerade erst beginnt, auf der Hauptstraße 370 in Richtung der Hafenstadt Skellefteå fährt, dem dämmert jedoch bald, dass hier die meditative Weltabgeschiedenheit ein zivilisatorisches Ohrenreiberl bekommt. Nicht wirklich schmerzhaft, aber merkbar. Die Straße führt einen zwar durch von Wald und Wasser geprägte schwedische Ideal-topographie, den Blick des Reisenden irritieren jedoch bald zahllose Betonsteher, die einen zig Kilometer langen Weg quer durch die Landschaft markieren, ansonsten aber keine Funktion erfüllen. Richtiger: nicht mehr erfüllen. Denn bei genauerer Betrachtung sind die Steher als Seilbahnstützen zu erkennen, deren Mechanik demontiert worden ist. Sie sind die Überreste eines vor siebzig Jahren umgesetzten bautechnischen Mammutprojekts und symbolisieren heute gewissermaßen eine Demarkationslinie zwischen ursprünglicher und vom Menschen genutzter Erde.

Man befindet sich mitten in einem riesigen Bergbaugebiet, das der Straße 370 den Namen Guldvägen, der Region die Bezeichnung Guldriket und ganz Schweden seit den 1920er Jahren ansehnlichen Reichtum gebracht hat. Der Goldweg führt in und durch das Goldreich, in dem die Schmelzhütte Rönnskär und der Hafen von Skellefteå die wichtigsten Bearbeitungs- und Umschlagsorte sind.

Begonnen hatte der Goldrausch im hohen Norden Mitte der 1920er Jahre, als in der Nähe von Skellefteå ein Erzvorkommen mit hohem Goldgehalt entdeckt wurde. Binnen kürzester Zeit stampfte man mitten im Wald eine Siedlung aus dem Boden, nannte sie - in Anlehnung an den in der Nähe gelegenen Ort Bjurliden - Boliden und betrieb das erste Bergwerk in Västerbotten, das bald schon die reichste Goldmine Europas sein sollte. 128 Tonnen Gold wird man im Laufe der nächsten vierzig Jahre aus dem hier abgebauten Erz gewinnen, außerdem 411 Tonnen Silber und 118.000 Tonnen Kupfer. Boliden glänzte nicht nur von Gold, sondern auch als Vorzeigeprojekt der Mitarbeiterfürsorge. Es wurden regelmäßige Untersuchungen zur Früherkennung von bergbautypischen Krankheiten durchgeführt und Schwedens erstes Solarium aufgestellt, das es den Grubenarbeitern ermöglichte, nach den Untertageschichten an die - zumindest künstliche - Sonne zu kommen.

Etwa 100 Kilometer westlich von Boliden liegt Kristineberg, das sein Entstehen ebenfalls bedeutenden Erzvorkommen verdankt. 1935 ging die erste Förderanlage in Betrieb, das abgebaute Erz wurde zunächst mit Lastwagen zur Aufbereitungsanlage nach Boliden gebracht. Doch der Krieg machte den traditionellen Transport bald unmöglich. Der Treibstoff war rationiert, der Bestand an Lastkraftwagen limitiert. Aus der Not heraus fasste die Leitung der Boliden Gruv AB den kühnen Plan, zwischen Kristineberg und Boliden eine Materialseilbahn zu errichten. 1942 wurde mit der Umsetzung des Projekts begonnen, ein Jahr später war die 96 Kilometer lange Seilbahn zwischen den beiden Bergbauorten fertiggestellt. Sowohl die Länge als auch die 1500 Förderkörbe mit je 1,2 Tonnen Ladekapazität stellten einen Weltrekord dar. Damit wurde die einige Jahre zuvor in der Gemeinde Vingåker errichtete 42 Kilometer lange Kalklinbanan deutlich übertroffen.

45 Jahre, in denen Millionen Tonnen von Erz befördert werden, bleibt die Seilbahn in Betrieb. Da war die Lagerstätte in Boliden längst schon erschöpft, aber die Anreicherungsfabrik wird auch heute noch mit Erz aus einigen der unzähligen Gruben der Region beliefert, seit 1987 wieder mit Lkw.

Doch zwischen Örträsk und Mensträsk wurde ein 13 Kilometer langes Teilstück in Betrieb gehalten, auf dem zwischen dem 1. Mai und dem 30. September Touristen ein unvergleichliches Seilbahnerlebnis genießen können. Wer sich für eine Tour mit der Linbanan, wie ihre Originalbezeichnung lautet, entscheidet, sollte sich etwa drei Stunden Zeit nehmen. Der Start ist in beiden Orten möglich. Für Mensträsk spricht die bessere Gastronomie und die reizvollere Landschaft. In Örträsk ist dafür das Ambiente ursprünglicher, ein Förderkorbfriedhof und ein Bergwerksturm sorgen für branchentypisches, karges Flair. Die Vorführung eines Kurzfilms, der eine halbe Stunde vor Fahrtantritt gezeigt wird, und eine kleine Ausstellung zur Errichtung der Seilbahn kann in beiden Orten besucht werden.

Gegen 13 Uhr begeben sich die Passagiere zur Startrampe. Zwei Stunden wird man mit der längsten Personenseilbahn der Welt unterwegs sein. Die Gondeln sind für vier Personen ausgerichtet, jedoch empfiehlt es sich, die Kapazität wenn möglich nicht voll auszunützen und in vertrautem Kreis zu bleiben. Klappt man den Bordtisch herunter, zeigt sich eine Karte als Orientierungshilfe für die Seen, Flüsse, Sümpfe und Wiesen, über die man nahezu geräuschlos hinweg schwebt. Das geringe Tempo lässt einen völlig entspannen. Das Panorama, das sich einem bietet, ist nicht zuletzt wegen der schier endlosen Weite beeindruckend. Zur Halbzeit jedoch schreckt einen der Gegenverkehr mit einem Schlag aus der Besinnlichkeit. Das gegenseitige Zuwinken gehört zu den unbedingt einzuhaltenden Benimm-dich-Regeln des Linbanan-Passagiers! Bald sind die zehn Gondeln vorbei und man kann sich wieder dem sanften Sight-Seeing widmen. Wenn es das Wetter gut meint, ist die Fernsicht grandios. Knallt die Sonne her, hat man vor dem Einstieg hoffentlich an die Getränke gedacht. Vielleicht zahlt sich nun auch der Ratschlag, unter sich zu bleiben, aus: Harndrang! Das Töpfchen zählt zwar wie der Feuerlöscher zur Grundausstattung einer jeden Gondel. Aber würden Sie sich vor wildfremden Leuten auf selbiges setzen? Eben. Da kann die Tour - wie gesagt: 2 Stunden! - bis zu ihrem erleichternden Ende schon schmerzhaft lange werden. In jedem Fall komfortabel ist der Shuttle-Bus, der einen wieder zum Ausgangspunkt bringt.

Andenken an die 1942 errichtete Materialseilbahn.

Andenken an die 1942 errichtete Materialseilbahn.© Thomas Karny / ersion 1.00 Andenken an die 1942 errichtete Materialseilbahn.© Thomas Karny / ersion 1.00




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-10 10:50:06
Letzte Änderung am 2012-05-11 13:58:49


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