Just an diesem Tag hat das Wetter umgeschlagen. Ein scharfer Wind pfeift über die Terrasse, graue Nebelschwaden jagen hintereinander her. Wo man sonst laut Prospekt bis nach Deutschland und Frankreich sehen kann, sind es diesmal nur ein paar Meter. Fröstelnd zappeln indische Familien in Sari, Turban und bloßfüßig in Riemchensandalen auf dem Gitterrost. Aber immerhin: Sie stehen auf dem Jungfraujoch, "Top of Europe", wie der Werbespruch versichert.
Eine kurze Liftfahrt in die Tiefe, 117 Meter im Berg darunter, hat die Jungfraujochbahn ihre Endstation. Heuer, am 1. August, wird sie 100 Jahre alt. Sie ist, wie viele andere Eisenbahnbauten der Schweiz, ein Meisterwerk der Technik: Acht Jahre waren einst für den Bau veranschlagt worden, doppelt so lange dauerte die Errichtung der 9,3 Kilometer langen Zahnrad-Strecke tatsächlich. Bei einer Steigung von bis zu 25 Prozent verläuft sie vornehmlich im Berginneren von Eiger und Mönch und endet in Europas höchstgelegener Bahnstation, auf 3454 Meter.

Ursprünglich hätte die Bahn den eintausend Meter höher gelegenen Gipfel der Jungfrau erreichen sollen, doch heute ist man zufrieden mit der Station im Fels. Die Bergspitze wäre zu klein geworden für all die Touristen, die jene Sehenswürdigkeit im Herzen der Schweiz Tag für Tag besuchen.
Es war 1893, als dem Züricher Industriellen Adolf Guyer-Zeller in der Bergwelt der Zentralschweiz, angesichts der Alpengiganten Eiger, Mönch und Jungfrau, die Idee kam, hier eine Eisenbahn zu bauen. Nicht aus dem Tal, sondern ab der schon vorhandenen Station Kleine Scheidegg.
Es war harte Arbeit unter extremen Bedingungen: Für den Winter musste alles Notwendige zur dann für Monate von der Umwelt abgeschnittenen Baustelle gebracht werden: Zwei Tonnen Erdäpfel für die Schweizer, 800 Kilogramm Makkaroni für die italienischen Arbeiter und 15 Hektoliter Wein verzeichnet eine historische Aufstellung. Immer wieder wurden die Arbeiten unterbrochen: durch Streiks, Explosionen des Sprengstoffs und tödliche Unfälle. Guyer-Zeller erlebte die Eröffnung nicht mehr. Doch er hatte klug geplant: An zwei Stellen wurden im Tunnel Aussichtsplattformen geschaffen, die heutigen Stationen "Eigerwand" und "Eismeer". Die Einnahmen aus den Fahrten bis zu diesen touristischen Highlights finanzierten den Weiterbau.
Klug agiert auch die heutige Aktiengesellschaft, der die Privatbahn sowie eine Handvoll Bahnen in unmittelbarer Umgebung gehört: Seit zehn Jahren hat das Unternehmen mit rund 700 Mitarbeitern Vertreter in Asien unter Vertrag: zwei in China, jeweils einen in Thailand, Japan, Indien und Südkorea. Durch die kontinuierliche Auslastung mit Fernreisenden ist das Unternehmen abgesichert gegenüber saisonalen und witterungsbedingten Schwankungen: Die Gruppen aus Fernost treten die spektakuläre Bahnfahrt ins ewige Eis zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter an, weil sie Teil ihrer Europareise ist. Die Fahrt mit der Jungfraujochbahn, das Familienfoto vor den Alpengipfeln der seit zehn Jahren zum Unesco-Weltnaturerbe erhobenen Region zählt dabei zu den Höhepunkten.
Nach nur zwei Kilometern Fahrt vom Ausgangspunkt Kleine Scheidegg verschwindet der Zug hinter der Station Eigergletscher bereits im Tunnel. Kurz darauf hält er an der Station Eigerwand. Ein breiter Gang führt zu großen Fenstern im Fels, ähnlich wie an der norwegischen Bergenbahn. Mit wohligem Schauer blicken die Fahrgäste die geschichtsträchtige, fast senkrechte Bergsteigerwand hinauf und hinunter. So manchem in Bergnot Geratenem wurden diese Fenster bereits zur Rettung, von hier aus steigen Helfer in die Wand, um Menschen am Seil zu bergen und mit der Bahn talwärts zu bringen.
Nächste Station Eismeer: Auch hier darf jeder, der mag, einen Blick aus dem Felsmassiv auf eine scharfkantige vom ewigen Schnee überzogene Gebirgslandschaft machen, bevor das Zugpersonal die andächtig Staunenden sanft zur Weiterfahrt in die Bahn scheucht.
Endpunkt des sieben Kilometer langen Tunnels ist die im Berg liegende Station Jungfraujoch, mit 3454 Meter die höchstgelegene Bahnstation Europas, an der Wasserscheide zwischen Rhein und Rhone.
Rechtzeitig zum Jubiläum wird heuer ein 250 Meter langer Erlebnisstollen mit Rollbändern eingeweiht, der die Aussichtsplattform Sphinx auf der Spitze des Jochs mit dem Eispalast verbindet und nun die bisher individuell umherstreunenden Besuchergruppen zu einem einheitlichen Strom auf festgelegtem Rundgang kanalisiert. Das schafft neue Kapazitäten.
Der Eispalast liegt 20 Meter unter dem 23 Kilometer langen Aletschgletscher: Durch ins grünlich schimmernde Eis geschlagene Stollen wandern die Besucher und bewundern in Nischen kleine Skulpturengruppen aus Pinguinen und Seehunden, die aussehen, als wären sie aus Glas. In Kopfhöhe zieht sich ein schmaler brauner Streifen im Eis entlang: Das war 1943 die Oberfläche des Gletschers, auf der damals Sägespäne aufgebracht worden waren.
Man geht auf Tuchfühlung mit der Herrschaft der Natur, hier auf dem unwirtlichen Berg, wo es im Jahresdurchschnitt um die minus sieben Grad hat. Niemand, außer ein paar Forschern der Universität Bern im nahen Observatorium, bleibt hier längere Zeit. Selbst das Personal der fünf Restaurants, eines nennt sich gar "Bollywood", die Beamten von Europas höchstgelegenem Postamt und die stets bereite Feuerbrigade, fahren täglich mit dem letzten Zug talwärts.
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