• vom 27.05.2012, 07:00 Uhr

Reisen

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Am Friesenstrand


Von Günter Spreitzhofer

  • Friesen kennen keine Krisen. Das könnte auch Otto Waalkes, der berühmteste Sohn des platten Landstrichs in Niedersachsen, gesagt haben. Aber es stimmt. Und das ist kein Witz.

Bunte Strandkörbe in Langeoog. - © Getty Images/LOOK / Ulf Boettcher

Bunte Strandkörbe in Langeoog. © Getty Images/LOOK / Ulf Boettcher

Am Strand faulenzen lässt sich’s bald einmal wo. Das geht selbst an der Nordsee hervorragend, auch wenn der Sonnenschirm- und Liegenverleih hier kein wirklich einträgliches Geschäft ist. Windstille Tage sind selten und irgendein Islandtief ist nie gar so weit weg. Mehr oder weniger steife Brisen gehören hier dazu, und ein Urlaub am Meer kann ohne dicken Pullover recht betrüblich enden, wenn der gebuchte Strandkorb in Windrichtung bereits mit Sand gefüllt ist. Und falls der Blanke Hans - so heißen die Nordseestürme - anklopft, werden die Schotten der kleinen roten Backsteinbauernhöfe dicht gemacht, Grog und Friesentee wird gebraut, und schaurige Geschichten machen die Runde.

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Wenn der Klabautermann an den Schornsteinen rüttelt, schmecken die Oldenburger Ananas (Kohlrüben mit Bauchfleisch) und danach der Sanddornkuchen gleich doppelt so gut. Früher ging man danach an den Strand und sammelte die Überreste geborstener Schiffe ein. Doch das ist angeblich lange vorbei. Und für die Frisur gar nicht gut, zumindest die der kräftigen Friesinnen, die alle rote Bäckchen haben und Kühe hüten. Zumindest Otto Waalkes sagt so. Und der muss es ja wissen.

Das Festland ist so platt wie weit. Früher konnte man angeblich heute schon erkennen, wer morgen zu Besuch kommt. Windradparks. Leuchttürme. Ab und zu eine alte baumbestandene Häuptlingswarf, die ein paar Meter höher liegt, und über Jahrhunderte den herbstlichen Sturmfluten trotzen konnte. Deiche schützen das Land soweit es geht, die einzigen grasbewachsenen Erhebungen rundum. Der höchste echte Gipfel heißt Kugelberg und ist immerhin 18 Meter hoch. Vertikale Höhepunkte wird man vergeblich suchen, von ein paar Kirchtürmen abgesehen, die nicht nur in Hage manchmal so schief stehen wie der Turm von Pisa. High Life und Big Party findet man ebensowenig. Aber deswegen kommt auch keiner: Ostfriesland ist das Land der mittelalterlichen Kirchen, der alten Gulfhöfe, der Wasserschlösser und Windmühlen.

Platz im Watt gibt es genug. Bei Ebbe lassen sich die sieben ostfriesländischen Inseln - Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge - sogar zu Fuß erreichen, wenn man sich ortkundigen Wattführern anschließt. Das dauert Stunden, geht es doch etliche Kilometer hinaus in die Nordsee, die dann zu einem matschigen Gemisch aus Prielen (kleinen Wasserläufen), dunklem Schlammschlick und Sandbänken wird, auf denen immer Vögel sitzen und nicht selten auch ein paar Seehunde liegen. Die Artenvielfalt ist hier gewaltig; 1500 Pflanzenarten und 8000 Tierarten bewohnen die Dünen, Salzmarsch- und Moorlandschaften - viele davon als Krebse, Schnecken, Muscheln und Gewürm draußen im und auf dem grauen Schlick des Meeresbodens, der bei Sonnenlicht magische Lichtspiele bis zum Horizont wirft.

Radtour zum Wasserturm auf Langeoog.

Radtour zum Wasserturm auf Langeoog.© Sabine Lubenow/JAI/Corbis / Sabine Lubenow Radtour zum Wasserturm auf Langeoog.© Sabine Lubenow/JAI/Corbis / Sabine Lubenow

Der Nationalpark Wattenmeer zählt zu den außergewöhnlichsten Ökosystemen Europas. Der Gezeitenlauf ändert sich täglich beträchtlich - ohne exakte Fahrpläne von Ebbe und Flut kann der lange Marsch rasch zu einem Drama in den kalten Strömungen der Flut werden. Und die kommt schnell, flutet auch die endlosen Weiten der grellweißen Strände der Inseln und hat schon so manche Strandmuschel ganz weit vorne auf dem Gewissen. Die meisten Urlauber kommen hierher per Fährschiff, steigen in die bunten Züglein in den jeweils einzigen Inselort (Borkum, Langeoog, Wangerooge), der sich in die Dünen duckt, und lassen sich dann per Elektrokarren oder Pferdefuhrwerk zu ihrer Unterkunft rollen.

Urlaub an der Nordsee hat lange Tradition, wie die mondänen Hotels und Kuranstalten an den Pieren von Borkum und Norderney zeigen. Andere mögen’s eher rustikal und naturbelassen auf den anderen Inseln. Flanieren ist überall angesagt, und tief Luft holen - ein Paradies nicht nur für Pollenallergiker und Vogelfreunde, denn Autos sind auf den meisten Inseln nicht unterwegs. Die letzte

Pferdeeisenbahn auf Spiekeroog fährt nur mehr dreimal täglich den Kilometer über die Salzwiesen hinüber nach Westend, wo die Sittenwächter vergangener Jahrzehnte seinerzeit streng Herrenbad und Damenbad auseinanderhielten: Doch wenn Fanny nicht will, nützt auch ein voller Waggon gar nichts. Fanny ist übrigens einer der beiden Haflinger des Museumsbetriebes, dessen Endstation bei der Kneipe Old Laramie liegt. Früher gab es dort auch Steaks, heute vor allem Matjes. Und Surfboards zum Leihen, wenn Herr Laramie nicht gerade schläft oder surft oder Sand schaufelt.

So bleibt für viele nur das Fahrrad, das überall geliehen werden kann - Kinder kommen in den wetterfesten Kinderradanhänger oder in den Bollerwagen (kleine Handwägelchen für Kind und Kegel). Wenn endlich wieder einmal die Sonne kommt, dann zieht alles in einem endlosen Strom über die Holzplankenwege zu den makellosen Stränden hinter den Dünen. Die Strandkörbe dort sind vielfach bereits online zu buchen und oft über Wochen ausgebucht, trotz Tagespreisen von acht Euro das Stück - obwohl es allein in Ostfriesland geschätzte 22.000 gibt, die man sich für den Vorgarten daheim auch maßanfertigen und schicken lassen kann. Mit einiger Wahrscheinlichkeit geht dort übrigens weniger Wind.

Beim Wattwandern diktieren die Gezeiten den Rhythmus.

Beim Wattwandern diktieren die Gezeiten den Rhythmus.© Edler von Rabenstein - Fotolia Beim Wattwandern diktieren die Gezeiten den Rhythmus.© Edler von Rabenstein - Fotolia




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-22 15:32:22
Letzte Änderung am 2012-05-25 12:23:38


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