Übernachtet wird auf einer ausziehbaren Couch und nicht im King-Size-Bett, anstatt Smalltalk beim Frühstücksbuffet gibt es hitzige Diskussionen beim gemeinsamen Kochen. Die Übernachtung nach dem Couchsurfing-Prinzip bietet mitunter weniger Komfort als ein Hotel - doch bei Einheimischen untergebracht zu sein, bietet Einblicke, die vielen Touristen verwehrt bleiben. Egal ob Essgewohnheiten, Lebensphilosophie oder politische Ansichten: Man lernt Land und Leute aus unmittelbarer Nähe kennen.
Auf couchsurfing.org findet man zahlreiche Gastgeber, die willens sind, ihr Zuhause für Menschen auf der Durchreise zu öffnen. Die Kontaktanbahnung ist simpel: Einige private Nachrichten werden hin- und hergeschickt, die Dauer des Besuchs wird vereinbart. Spätestens sobald der Couchsurfer auf der Türmatte steht, lernt man einander kennen - und das oft in einem rasanten Tempo, schließlich wird von früh bis spät derselbe Wohnraum geteilt. "Es erstaunt mich immer wieder, wie schnell man in das Leben eines Menschen einsteigen kann, den man vorher nicht gekannt hat. Man trifft sich und schon landet man in der Lieblingsbar des Gastgebers, lernt seine Freunde kennen und trinkt mit ihnen. So einfach geht das", erklärt Alain Guillebeau.
"Ich vertraue gerne wildfremden Menschen"
Der 29-jährige Schweizer nutzt Couchsurfing seit vier Jahren, mittlerweile hat er auf Sofas in der Türkei, in Ungarn und Rumänien genächtigt. Derzeit ist der Filmemacher vor allem als Gastgeber in seiner Heimatstadt Bern aktiv. Für ihn ist Couchsurfen ein Geben und Nehmen: Beide Seiten bekommen Einsicht in Gepflogenheiten einer Kultur, die ihnen bisher möglicherweise fremd war - und das mitten im eigenen Wohnzimmer. Grundvoraussetzung ist dabei gegenseitiges Vertrauen. Guillebeau stört das nicht: "Ich vertraue gerne wildfremden Menschen ohne allzuviel zu überlegen, und ohne von Angst und Vorurteilen geleitet zu sein".
Die Couchsurfing-Gemeinschaft hat einige Methoden, um innerhalb des Netzwerkes Sicherheit herzustellen: Mittels "Vouching" können User einander als sehr vertrauenswürdig bewerten. Und in Anlehnung an Hotelvergleichsseiten ist es üblich, dass Gast und Gastgeber einander eine öffentlich einsehbare Nachricht hinterlassen, ob sie die Übernachtung als positiv, negativ oder neutral erlebt haben. Je mehr Referenzen ein Gastgeber hat, desto besser - und schließlich gibt es innerhalb der Gemeinschaft eine Art "Ehrenkodex".
Für die Gäste ist es eine feine Sache: Nicht selten werden sie von den Gastgebern zum Essen ausgeführt oder man unternimmt gemeinsame Ausflüge aufs Land. Auch die Dänin Birgitte Lausten beschränkt ihre Rolle der Gastgeberin nicht rein auf die Übernachtungsmöglichkeit: Sie radelt mit ihren Gästen durch Kopenhagen, zeigt ihnen ihre Lieblingsplätze und tischt dänische Gerichte auf. Für die Nacht auf ihrer Couch bekommt sie nichts bezahlt, und auch sonst gibt es keine Gegenleistungen. Kleine Gastgeschenke sind zwar üblich, werden aber nicht erwartet. Was also hat die 30-jährige Studentin davon, ihr Zuhause mit Wildfremden zu teilen? Wieso sollte sie viel Zeit auf Sightseeing in einer Stadt verwenden, die sie bereits in- und auswendig kennt? Sie nutzt Couchsurfing, um Menschen aus anderen Ländern kennen zu lernen, ohne selbst zu verreisen. Und manchmal ermöglichen die Locals den Gastgebern, ihre Stadt mit anderen Augen zu sehen.
Gastgebern stehen Türen in Tokio, Berlin oder New York offen
Es ist zudem ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Gastfreundlichkeit erwidert wird - den Gastgebern stehen Türen in Tokio, Berlin oder New York offen. Oft bleibt es zwar bei einer einmaligen Begegnung, manchmal entwickeln sich aber auch langjährige Freundschaften, die über Landesgrenzen hinweg bestehen. So geschah es zwischen der Dänin Lausten und einer Studentin aus Wien. Ein Jahr nach dem Kopenhagen-Besuch der Wienerin quartierte sich Lausten in deren Wohnung in Wien-Simmering ein - ein Stadtteil, den Touristen wohl eher selten zu Gesicht bekommen. Wiederum ein Jahr später trafen sich die beiden Frauen in Istanbul wieder, wo sie gemeinsam bei verschiedenen türkischen Couchsurfern nächtigten.
Zwischen Café Hawelka, Staatsoper und Sängerknaben
Es ist üblich, dass man nur zwei bis drei Tage über Nacht bleibt. Denn wird die Rolle des Gastgebers ernst genommen, nimmt diese viel Zeit in Anspruch: Man zeigt den Gästen den schönsten Aussichtspunkt der Stadt und führt sie zu jenem entlegenen Flohmarkt, der in keinem Reiseführer zu finden ist. Dabei kann es vorkommen, dass Gastgeber enttäuscht sind, wenn ihre Gäste an den untypischen Plätzen wenig Interesse zeigen sondern sich das "klassische" Programm wünschen - in Wien bedeutet das etwa Sachertorte und Café Hawelka, Staatsoper und Sängerknaben sowie das obligatorische Wiener Schnitzel.
Doch wie finden Gastgeber und Gast einander? Zuerst registriert man sich auf der Internetseite und legt ein Profil - eine Art Steckbrief - an. Hier sollte man Interessen, Hobbys möglichst genau beschreiben. Zusammen mit den Bewertungen der anderen Nutzer erleichtern diese Informationen die Entscheidung, ob die Person vertrauenswürdig ist und man zueinander passt. Außerdem gibt man an, ob man derzeit als Gastgeber aktiv ist und wie es um die Schlafmöglichkeiten bestellt ist (Matratze, Couch, eigenes Zimmer, Haustiere, Raucher/Nichtraucher).


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