• vom 01.06.2012, 13:30 Uhr

Reisen

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Operettenzauber am Atlantik


Von Ingeborg Waldinger

  • Makellos und menschenleer - so präsentieren sich die Sandstrände in der Dämmerung. Die Stunde des Aperitif hat geschlagen, das Leben spielt nun anderswo: Hinter der langgezogenen Düne erstreckt sich eine einzigartige Villenkolonie, das kleine feine Seebad Soulac.

Endloses Strandglück an Frankreichs Silberküste. - © Robert Benassi

Endloses Strandglück an Frankreichs Silberküste. © Robert Benassi

Wir befinden uns im Médoc, der segelförmigen Landspitze zwischen Gironde und Atlantik. Dieses "Hinterland" von Bordeaux hat viele Gesichter. Zum geschützten Gironde-Ufer hin liegen die legendären Weindomänen von Saint-Estèphe, Saint-Julien, Pauillac, Listrac, Moulis und Margaux; nach Westen hin erstrecken sich die stillen Seekiefernhaine der "Landes de Gascogne". Sie umschließen große Seen, ehe sie zur sogenannten Silberküste (Côte d’Argent) auslaufen. Die familiären Badeorte Hourtin, Lacanau, Montalivet oder Le Porge sind späte Siedlungen, entstanden aus dem Freizeitbedürfnis moderner Städter. Die "alten" Médocains bauten ihre Dörfer im Inneren der Halbinsel, oft inmitten der Wälder. Dort rang man den Kiefern klebrige Harztränen ab, ansonsten glitt das Leben lautlos dahin.

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Soulac, die älteste Siedlung dieses Küstenstrichs, liegt an der äußeren Nordspitze des Médoc. Die wundersame Wende vom Fischerdorf zur Seevillenkolonie vollzog sich vor gut hundert Jahren.

Ein heftiger Regenschauer jagt über den Ort, dann stoßen grelle Lichtkegel durch das schwere Gewölk. Die Ziegeldächer der historischen Villen glänzen wie rostroter Lack. Soulac hat etwas Unwirkliches an sich. Hunderte alte Domizile aus Back- und Sandstein träumen vor sich hin, umrankt von mediterraner Vegetation. Viele der romantischen Wohnsitze sind nur zur Saison bewohnt. Die übrige Zeit scheint alles Leben um die Markthalle und die zentrale Rue de la Plage konzentriert. Hier reiht sich Laden an Laden. Die Boulangerie Faro wartet mit riesigen Croissants und gefährlich knusprigen Baguettes auf. Es folgen eine nette Crêperie, Souvenirläden, der kultige Eissalon "Glaces Judici".

Die Strandpromenade wird von wenigen Lokalen (darunter die feine Brasserie de la plage) dominiert - und von postmodernen Hüttchen mit digitaler Temperatur- und Zeitanzeige. Von da fällt das Gelände ab zu grenzenlosem Strandglück. Keine Bucht. Kein Hafen.

Nur Dünen, fragil und mobil, dem Spiel von Wind und Ozean ausgesetzt.

Draußen im Meer steht Frankreichs prächtigster Leuchtturm, der Phare de Cordouan. Er ging 1611 in Betrieb. 250 Jahre später studierte Nationalhistoriker Jules Michelet das "weiße Phantom" von der Küste aus: "Wir fühlten, wie sehr diese Position als Wächter der Meere und unbeirrter Türhüter der Durchfahrt eine Person aus ihm machte ... Manchmal stand er triumphierend im Strahlenhof der Sonne; dann wieder schwebte er blass und undeutlich im Nebel und verhieß nichts Gutes. Was auch immer vom Meer her kam, man schob es ihm zu ..."

Das alte Dorf Soulac wuchs um die romanische Basilika "Notre-Dame des Fins-de-Terre". Sie zählt heute zum Unesco-Weltkulturerbe. Ihr Glockenschlag klingt seltsam vertraut, als messe eine alte Wanduhr die Zeit. Hier nimmt der "Atlantikweg" seinen Ausgang, eine von vielen Heilsrouten nach Santiago de Compostela. Als wir das menschenleere Gotteshaus betreten, trauen wir unseren Ohren nicht: Aus den Lautsprechern schallt die französische Version von "Rosamunde". Sogleich ist Monsieur le Curé zur Stelle, durchmisst würdigen Schritts die Heil’ge Halle und tauscht den Gassenhauer kommentarlos gegen ein Band mit gedämpfter Orgelmusik. Seine Miene zeigt ob des Ministrantenstreichs gleich viel Emotion wie der steinerne Zeuge neben dem Altar: Saint-Jacques, der Heilige Jakob.

Gefräßige Dünen hatten die Kirche einst nahezu verschlungen und die Bewohner landeinwärts getrieben. Doch dank romantischer Ruinensehnsucht und modischer Meereslust erstand der Ort im 19. Jahrhundert neu. Der Seebadboom hatte - nach England und Deutschland - auch Frankreich erfasst. Die spleenigen Eliten strömten meerwärts, erhofften sich vom kühlen Salzwasserbad und der kräftigen Jodbrise neue Harmonie für Körper und Geist.

Soulacs mildes Atlantikklima und der balsamische Harzduft seiner Seekiefernwälder boten ideale Bedingungen - für heilsame Luftkuren - und für ein künstliches Paradies. So wuchs im Schutze der großen Düne eine "ideale Stadt" aus dem Boden. Keine sozialreformerische Musterkolonie, sondern eine Kombination aus Gartenstadt, Villenvorort und Seebad.

Für schickliches Badevergnügen sorgten mehrere "établissements de bains", für Unterhaltung ein Casino im maurischen Stil und für angemessenen Logierkomfort einige Hotelbetriebe. Woche für Woche veröffentlichte die lokale Presse eine Liste mit allen Neuankömmlingen: Das Hôtel Marmandais etwa bot nebst Seeblick die gepflegte Gesellschaft von Goldschmied Piscitelle aus La Rochelle, Offizier Arthur Audoy aus Tours oder einer Rentierswitwe namens Mercier aus Bordeaux. Das Ambiente des Grand Hôtel de France wiederum war nach dem Geschmack von Monsieur Trouville, Inspektor der Bodenkreditanstalt in Paris. Reeder Faustin aus La Rochelle,

Ingenieur Landaval aus Madrid und Hochwürden Chambarière aus Bordeaux hingegen zogen das Grand Hôtel de la Paix vor. Das Luxusressort öffnete seine Pforten mit Pomp - aber zu früh: Die projektierte Bahnlinie ließ auf sich warten, und somit der kalkulierte Gästestrom. Soulacs Grandhotel kam unter den Hammer, die Stadtväter zogen ein - und walten da bis heute.

Historisierender Kulissenzauber: Die Villa "La Ramure" (links) und die Villa "Beethoven".

Historisierender Kulissenzauber: Die Villa "La Ramure" (links) und die Villa "Beethoven".© Robert Benassi Historisierender Kulissenzauber: Die Villa "La Ramure" (links) und die Villa "Beethoven".© Robert Benassi




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-28 17:34:22
Letzte Änderung am 2012-06-01 13:21:08


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