• vom 22.07.2012, 09:00 Uhr

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Der Lungau ist bis heute ein ursprüngliches Naturparadies im Herzen von Österreich

Wo Riesen Walzer tanzen


Von Claudia Jörg-Brosche

  • An sich ist der Salzburger Lungau ein sehr ruhiger Landstrich. Wenn allerdings der Samson durch die Dörfer tanzt, geht’s rund. Urwüchsiges Brauchtum ist nicht die einzige Stärke des frischgebackenen größten Unesco-Biosphärenparks Österreichs.

Idyllisch: Die Jakoberalm (großes Bild). Der 4,5 Meter große Samson (li.). Im Lungau gibt es mehr als 1100 Kilometer Radwege (re.) - © C. Joerg-Brosche, www.lungau.travel

Idyllisch: Die Jakoberalm (großes Bild). Der 4,5 Meter große Samson (li.). Im Lungau gibt es mehr als 1100 Kilometer Radwege (re.) © C. Joerg-Brosche, www.lungau.travel

Rumms - ein ohrenbetäubender Knall zerfetzt das fröhliche Treiben in St. Michael im Lungau. Für einen Moment bleibt allen der Atem weg. Und dann noch ein zweiter Kracher. Aber mittlerweile sind die Besucher vorgewarnt und als die Schützen zum dritten Mal das Gewehr heben, haben bereits alle die Finger in den Ohren. Rumms! Daraufhin setzt die Musik ein - und zu ihren g’strampften Weisen beginnt der Samson zu tanzen. Vorsichtig macht er ein paar Schrittchen, dreht sich einmal rechts herum, einmal links herum, kommt bedrohlich ins Schwanken, fängt sich wieder und dreht sich verhalten im Dreivierteltakt weiter.

Was hier so liebenswürdig gestrig wirkt, ist in Wahrheit körperliche Schwerstarbeit: Ein einziger Mann steckt in der Riesen-Figur des Samson, die aus Holz, Stoff und Pappe besteht. Dabei hat der Samsonträger aus St. Michael noch Glück: Der hier heimische Samson ist für einen Riesen fast ein Zwerg. Mit seinen Gardemaßen von "nur" 64 Kilogramm und 4,5 Meter Größe ist er ein echtes Fliegengewicht unter den Samson-Riesen.

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Der Samson ist das kulturelle Wahrzeichen des Lungau: Schon barocke Chroniken berichten von den Feierlichkeiten rund um die monströse biblische Richtergestalt in römischer Ritterrüstung, bei denen die Bauern eine alttestamentarische Geschichte - von Kraft und Leidenschaft nur unvollkommen kontrolliert - zum Besten geben. An vielen Sonntagen tanzt bzw. schwankt der Riese durch die Lungauer Orte. Jeder Samson-Umzug ist ein großartiges Spektakel. Die Figuren sind großteils im Original erhalten und werden liebevoll gepflegt. Der älteste stammt aus dem Jahr 1748. Der kleinste ist 4,5 Meter groß, der mächtigste ein 6,80-Meter-Hühne, der schwergewichtigste vermeldet stolze 95 Kilogramm Kampfgewicht. So wundert es nicht, dass dem Samson-Träger unter seiner Figur nach geleistetem Tänzchen ab und zu ein erfrischendes Krügerl durch den Hosenlatz des Riesen gereicht werden muss. Übrigens: Die Samsone sind einzigartig und waren der Unesco einen Eintrag in die Weltkulturerbe-Liste wert.

Lebendige Kultur

Das kulturelle Erbe ist den Lungauern besonders wichtig, traditionelles Brauchtum wird von der Bevölkerung lebendig hochgehalten. Das Schönste daran: Auch die Jugend macht begeistert mit. Nicht versäumen sollte man auch das Prangstangen-Tragen, ein uraltes Wachstumssymbol, das Ende Juni in Zederhaus und Muhr zur Schau gestellt wird.

Oder das einzigartige Prebersee-Schießen am letzten August-Wochenende - ein Spektakel der Extraklasse! Bei diesem Wasserscheibenschießen wird auf das Wasser gezielt, um die Scheibe am gegenüberliegenden Ufer dank Rückprall des Projektils auf der Seeoberfläche zu treffen. Das funktioniert nur hier - und nur im Spätsommer, wenn der Prebersee (der auf einer Moorschicht schwimmt) eine gewissen Wassertemperatur und somit die richtige Spannung für den Abprall erreicht.

Kein Geringerer als Walt Disney war vom Prebersee-Schießen vollends begeistert. Das wollte er auch in den USA haben. Mit den besten Fachleuten ließ er um ein wahres Vermögen den Prebersee in den Rocky Mountains künstlich nachbauen - doch das Schattenschießen funktionierte einfach nicht. Das gibt’s eben tatsächlich nur im Lungau.

Schön anders

Der Lungau, der südlichste Gau des Salzburger Landes, ist in der Tat anders: Bis dato gibt es im ganzen Landstrich keine einzige Verkehrsampel, kein Kinocenter, keinen McDonalds und auch kein Bordell. Erst vor drei Jahren wurde der erste Kreisverkehr errichtet. Der Lungau ist bis heute ein ursprüngliches Naturparadies im Herzen von Österreich, wo die Wiesen noch nach Blumen und Kräutern duften, die Berge noch nicht zur Gänze den Skifahrern geopfert wurden, die Kühe zufrieden auf den Weiden grasen und die Menschen ein bisschen glücklicher als anderswo wirken.

Hier, in dieser verträumten Natur-idylle, holte sich Joseph Mohr im Jahr 1816 die Inspiration für sein weltberühmtes Weihnachtslied "Stille Nacht, Heilige Nacht". Bis heute sind im Lungau nicht nur die Nächte still - auch wenn die Tauernautobahn unmittelbar daran vorbeitobt. Doch offenbar finden nur wenige Autofahrer auf ihrem Weg zwischen Nord und Süd die Abfahrt "St. Michael" - vor allem im Sommer. "Der Lungau ist nur in einem Umkreis von 150 Kilometern bekannt, darüber hinaus aber nicht mehr", klagt Josef Fanninger, Geschäftsführer des Regionalverbandes Lungau. "Wenn die Leute von ‚das Lungau‘ sprechen, weiß ich genau, dass sie keine Ahnung haben, wo ‚das‘ überhaupt liegt!" Wer aber schon mal da war, ist begeistert und kommt immer wieder. "Wir haben extrem viele Stammgäste. Unsere Authentizität und die herrliche Natur sind unser Kapital."

Unesco-Auszeichnung Biosphärenpark

Ab Juli 2012 wird die Schönheit des Lungaus quasi amtlich. Was haben die Serengeti, die Galapagos-Inseln, rund weitere 600 besonders schöne Landstriche und der Salzburger Lungau gemeinsam? Alle drei tragen die Auszeichnung Unesco-Biosphärenpark. Am 11. Juli erhielt der "Biosphärenpark Salzburger Lungau und Kärntner Nockberge" diese Auszeichnung in Paris verliehen und ist somit das jüngste, dritte (nach dem Großen Walsertal und Teilen des Wienerwaldes) und größte Biosphärenreservat Österreichs.

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Luxuriös: die St. Martin Chalets© St. Martin Chalets Luxuriös: die St. Martin Chalets© St. Martin Chalets

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Die "Lungauer Tiger" sind uralte, exklusive Noriker© C. Joerg-Brosche Die "Lungauer Tiger" sind uralte, exklusive Noriker© C. Joerg-Brosche




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-07-19 12:11:09
Letzte Änderung am 2012-07-19 15:25:37


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