• vom 04.08.2012, 10:00 Uhr

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Fahrtenbuch: Kawasaki W 800 & Harley Davidson XL 1200 V 72

Reich und schön


Von Werner Grotte

  • Sie sind reich an Verzierungen und schön anzuschauen: Im heuer ungewöhnlich bunten Reigen der Nostalgie-Radeln machen dieW 800 und die 72er Harley besonders gute Figur.

Links: Kawasaki Spezial: Einer restaurierten BSA zum Verwechseln ähnlich; rechts: Ein "Easy Rider" wie aus dem Bilderbuch: Harleys neue, alte 72er - © Andrea Puaschitz, Werner Grotte

Links: Kawasaki Spezial: Einer restaurierten BSA zum Verwechseln ähnlich; rechts: Ein "Easy Rider" wie aus dem Bilderbuch: Harleys neue, alte 72er © Andrea Puaschitz, Werner Grotte

"Jessas, mit sowas hab i vor 50 Jahren fahren g’lernt! Des is doch a BSA? Und wie die gut erhalten ist..." - Der ältere Herr vor der Konditorei in Liesing bewundert die dezent glitzernde, dunkle Kawasaki mit den hinten schmal zulaufenden Auspufftüten. Und kann es nicht glauben, dass die Maschine neu ist und aus Japan kommt. Er ist nicht der Einzige.

Erstmals erfreute der schöne Retro-Gaul mit der auffälligen Königswelle die Zweirad-Nostalgiker im Vorjahr - in klassisch-britischem Dunkelgrün, mit viel Chrom und wenig Plastik. Zum 40-Jahr-Jubiläum der Kawasaki z-Modelle legten die ehemaligen Schlachtschiffbauer heuer noch ein Schäuferl nach: Manche Chrom-Teile wie Lenker oder Auspuffanlage sind in Mattschwarz gehalten, andere wie die Felgen sind gold-glänzend galvanisiert. Zusammen mit der "Special Edition"-Plakette am schwarz-silbrigen Tank ist die Jubiläums-W 800 ein echtes Schmuckstück.

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Versteckte Technik

Für Piloten, die noch mit den Originalen fahren gelernt haben, ist die W 800 bei näherer Betrachtung fast ein UFO. Der Motor (mit E-Starter und Einspritzung) springt gleich an, läuft seidig und rund. Nur besser klingen könnte er. Das leise Tuckern ist fast eine Beleidigung für die zwei dicken Röhren. Aus den 800 Kubik hätte man auch (viel) mehr herausholen können als 48 PS. Aber man unterwirft sich damit (nicht als einziger Hersteller) den 2013 in Kraft tretenden Führerscheinrichtlinien für Fahranfänger mit 48 PS als Höchstgrenze.

Wobei ein Motorrad, das so schön ist, ohnehin keine Rennen gewinnen muss. Wichtig sind gute Kurvenlage, drehfreudiger Motor, starke Bremsen (die Trommel hinten arbeitet fast besser als die Scheibe vorn!) sowie stabiles Fahrwerk. Und all das bietet die Kawa; ein äußerst bequemes Sitzbankerl samt verchromtem Sozius-Haltegriff noch dazu.

Hände hoch

Schon voriges Jahr überraschte Harley mit der "48er" - dem gelungenen Nachbau einer Harley Baujahr 1948. Heuer folgt die "72er", ebenfalls mit dem ruppigen 1200er Antrieb und dem lässigen, aber (zu) kleinen Tank. Der hohe Lenker ("Apehanger") der 72er wirkt zunächst seltsam. Mit so was Kurven fahren? Aber schon der Gesamteindruck der Maschine ist vertrauenerweckend. Auf den ersten Blick fast zierlich, filigran. Bei näherem Betrachten fällt dann aber der mächtige 1200er-Motor mit den zwei typischen, chromblitzenden Auspuff-Röhren ins Auge. Eine edle Komposition, gefasst in rot-silbernen Spezial-Lack ("Big red flake"), der in der Sonne glitzert wie ein Edelstein.

Krawumm. Mit einem so mächtigen Klang hat keiner gerechnet. Der V2 tuckert und bollert dahin wie im strengsten Werner-Comic. Genau dorthin fühlt man sich versetzt, wenn man auf dem gut gefederten Solo-Sattel Platz nimmt, seine Stiefel auf die weit vorne placierten Fußraster setzt, den ersten Gang eintritt und losdröhnt. Born to be wild - oder so.

Sieben Liter-Tank

War Peter Fonda so flott unterwegs (er hatte in "Easy Rider" etwa den gleichen Antrieb)? Mangels Tourenzähler wissen wir nicht, wie hoch der Motor dreht, aber mit der Ersten fahren wir fast 100! Das entspricht einer starken Straßenmaschine. Die seltsame Körperhaltung - Hände hoch, Füße weit vorne - beginnt zu gefallen. Sogar die Kurven lassen sich schön ausschmieren. Das einzig echte Problem ist der Tankinhalt, etwas mehr als sieben Liter. Im "Wiener Journal"-Test schafften wir damit (samt Reserve) ganze 120 Kilometer.

Resümee: Beide Maschinen sind völlig nackt, also nur bedingt schlechtwettertauglich, nicht zuletzt wegen der anfallenden Putz-Orgien danach. Was (längere) Touren betrifft, ist bei der 72er genaue Kenntnis der lokalen Tankstellen-Szene erforderlich. Die Kawa hätte wohl Platz für zwei, aber nicht die Kraft. Wer gerne Menschen trifft, ist mit beiden Krädern gut bedient. Jeder Stop ein Gespräch. So ist das halt mit schönem Spielzeug.

Info/Preis:

Kawasaki W 800
773ccm Zweizylinder Reihe
48 PS
216 Kilo (vollgetankt)
5 Gang Kette
10.199 Euro

Harley Davidson "72er"
1202ccm V2-Zylinder
67 PS
255 Kilo (vollgetankt)
5 Gang Riemen
12.995 Euro

Artikel erschienen am 3. August 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22-23




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-01 14:32:04
Letzte Änderung am 2012-08-02 17:24:51


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