Geht man so mit den kleinen und feinen Bäumen um? An allen Ecken und Enden zwickt man an ihnen herum, stutzt sie um der Form willen. Ja, denn die zwergwüchsigen Bäume aus Japan haben nichts mit Verstümmelung zu tun. Im Gegenteil: Bonsai sind das Produkt ausgesprochener Naturliebe - und der Suche nach Unsterblichkeit.
"In Japan sind diese Bäume ein Zeichen von Leben, von Konsequenz", sagt Günther Klösch. Vor 35 Jahren hat er damit begonnen, Bonsai zu züchten. Mittlerweile ist aus seinem Hobby die größte Bonsaisammlung Europas entsprungen, zum Jubiläum im Frühjahr ist deswegen sogar der japanische Botschafter nach Seeboden gereist, erzählt er.
Der historische Ursprung von Bonsai liegt entgegen der gängigen Vorstellung nicht in Japan sondern in China. Dort wurden schon zwei Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung Bäume in Töpfen gezüchtet. Übersetzt heißt Bonsai nichts anderes als "Baum in Schale". "Der Topf macht aus einem Baum einen Bonsai und nicht die Größe. Man könnte auch Kübelpflanze dazu sagen", lacht Klösch.
Seine Sammlung umfasst rund 4000 Bäume, einige davon sind mehr als 100 Jahre alt. Zu sehen gibt es nur einen Bruchteil davon, viele Bäume stehen in einem eigenen Areal, wo sie in Ruhe wachsen können. Insgesamt 30.000 Quadratmeter umfasst das Gelände für die kleinen Bäume, die 500 Jahre alt werden können. Doch Zahlen und Maße hört Klösch nicht gern. "Der Baum steht im Vordergrund, nicht irgendwelche Begleittexte über Alter oder Größe." Das ist ihm wichtig. "Es geht darum, den Baum zu betrachten, dabei nicht abzuschweifen. Er soll helfen, sich auf das Wesentliche zu reduzieren." Die Sammlung liefert genug Grund und Stücke dafür. Und Ruhe. Fast überall hört oder sieht man Wasser plätschern, man durchquert japanische Gärten, streicht an einem Teehaus, an einem japanischen Badehaus vorbei und schaut vielleicht von der Holzbrücke aus den großmäuligen Koi-Karpfen zu. Nur am Nachdenken, daran kommt man dank dieser vielen alten Bäumchen nicht vorbei.

Artikel erschienen am 17. August 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 18
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