Das Mieminger Plateau wirbt zwar nicht wie gewisse Inseln des Mittelmeeres mit 365 Sonnentagen pro Jahr. Aber gar viel weniger werden es dennoch nicht sein.
Es ist das Licht, das berauscht. Rein und klar ragen die Bergspitzen der Mieminger Kette und der Stubaier Alpen in den seidenblauen Himmel. Sie halten zu den Wiesen und Weilern des Plateaus gehörigen Abstand, bedrängen die Menschen nicht, sondern bilden einen felsig-kantigen Bilderrahmen zu dieser lieblich-hügeligen Landschaft. Alles wirkt gestochen scharf, die Kirchturmspitzen, die Apfelbäume, die Lärchen und Fichten, die Kühe auf den Weiden. Ein Gemälde, wie von Kinderhand gezeichnet. Eine Welt, die noch in Ordnung zu sein scheint.
Und doch nicht so ganz. Die Fernpassstraße zerschneidet das Plateau, unbarmherzig rauscht der Verkehr gegen Süden. Überdimensional große Supermärkte machen sich breit. Neben alten Erbhöfen wachsen Siedlungen einer No-Name-Architektur aus dem Boden. Und so mancher "Zuagroaste" protzt mit einer Villa im Toskanastil oder im futuristischen Architekturtraum.
Über die Dörfer
Doch die alten Weiler und Erbhöfe trotzen diesen Entwicklungen. Es gibt sie noch, die Dörfer mit Bauern, die ihre Felder bewirtschaften, das Heu in die mächtigen Holzscheunen einfahren und sich um ihr Vieh genau so kümmern wie um den neuen SUV. Ein solcher Weiler liegt am Fuße des Grünbergs und trägt den schönen Namen "Wald". Hier ist der Bauer sein eigener Herr. Stolz steht auf einem der alten Höfe "Erbhof seit 1678". Die Bewohner dieses Weilers halten ihre Traditionen hoch. Zeit zum "Hoagaschtn" am Brunnen muss sein. Oder man selcht gemeinsam in der alten Rauchkuchl das Fleisch und bäckt Brot im alten Backhaus.
Und man erinnert sich an alte Geschichten. Zum Beispiel an diese: Weil einmal eine arme Bauernmagd ihr Neugeborenes in ihrer Verzweiflung tötete und im Acker vergrub, wurde sie zu einer langen Kerkerstrafe verurteilt. Nach ihrem Tod errichtete man an dem Ort, wo sie das Kind vergraben hatte, eine Kapelle und nannte sie die "Sühne-Kapelle". Unklar ist, wer hier was sühnen musste. Die Kapelle wird jedenfalls von den Dorfbewohnern liebevoll gepflegt.
Am Rande des Weilers finden wichtige Dorffeste statt, wie zum Beispiel die Schofschoad. Im Oktober werden die Schafe von den Weiden geholt und zum Scheren gebracht. Der Jungbauer Matthias Denk hängt dann stundenlang kopfüber in einer gepolsterten Schlinge, klemmt ein Schaf nach dem anderen in die Zange seiner Oberschenkel und schert das Vieh von Kopf bis zur Zeh. Eines nach dem anderen. Manche Schafe mögen das nicht so gerne und zappeln, andere finden das lustig und lugen keck unter dem Hinterteil des Scherers hervor. Sehr zum Gaudium der Zuschauer. Am Abend wird dann im Zelt gefeiert und getrunken. Natürlich nur Schafsmilch. Sagen sie.


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