"Uns bleibt immer noch Paris" - für europäische Cineasten ist es nahezu unmöglich, nicht an den 1942 entstandenen Film "Casablanca" zu denken, wenn man in der namensgebenden Stadt im Norden Marokkos angekommen ist. Casablanca ist eine moderne, von den französischen Kolonialherren geprägte Großstadt, größter Hafen Nordafrikas, das wichtigste Handels- und Industriezentrum Marokkos, und mit circa 1,2 Millionen Einwohnern die größte Stadt des Landes. Am Beginn einer Reise durch die legendären Königsstädte wird man mit einer Stadt konfrontiert, die am wenigsten dem entspricht, was man sich gemeinhin vom Zauber des Orients erwartet. Hier präsentiert sich Nordafrika auf den ersten Blick modern und umtriebig.
"Ricks Café" existiert übrigens erst seit 2004, als die ehemalige amerikanische Diplomatin Kathy Kriger in Casablanca ein Café errichtete, das genauso aussieht wie jenes aus dem Film, originalgetreu bis hin zum Pianisten. Es empfiehlt sich, einen Tisch zu reservieren, denn das Café am Place du jardin public in der alten Medina ist immer gut besucht.
Das Wahrzeichen der Stadt ist die Moschee Hassan II., die 1993 eröffnet wurde - ein gigantisches Bauwerk auf einem Plateau stehend ins Meer hineingebaut. Sie ist die nach der von Mekka zweitgrößte Moschee der Welt. Auf dem Platz vor der Moschee mit spektakulärem Blick auf einen Teil der Stadt und das Meer herrscht Samstagabend Volksfeststimmung. Straßenhändler verkaufen geröstete Nüsse und Zuckerwerk, Kinder toben umher, von plaudernden Müttern fürsorglich beobachtet, während die Männer in die Moschee zum Gottesdienst strömen.
Gewidmet ist diese Moschee König Hassan II. aus der Alawiten-Dynastie. Nach dessen Tod im Jahr 1999 übernahm sein Sohn Mohammed VI. das Zepter. "M 6" nennen die Marokkaner ihren jungen Herrscher, dem es gelungen ist, im arabischen Frühling den Ball flach zu halten. Eine junge Frau, PR-Angestellte eines großen Hotels, erzählt, dass sich in den letzten zehn Jahren viel verändert hat durch die Reformen von "M 6". Auch Abdul, unser Reiseführer, weiß auf den langen Fahrten durchs Land viel zu berichten über neue Gesetze und Verordnungen, die aus Marokko einen modernen Staat machen sollen. Werbeplakate zeigen fast ausschließlich westlich gekleidete Models, auf den Straßen sind viele Frauen mit Kopftuch zu sehen, immerhin modisch gekleidet, zumindest hier im Norden.
Die Bruchlinien verlaufen in Marokko quer durch alle Schichten, das werden wir im Laufe unserer Reise noch feststellen. Abdul, ein gebildeter Mann um die 50, der seine Deutschkenntnisse einem Studium in Deutschland verdankt, erzählt, dass seine Mutter für ihn die Frau ausgesucht hätte, woran er auch im Nachhinein nichts Böses finden kann. Die romantische Liebe sei schließlich keine stabile Grundlage für eine länger dauernde Beziehung.
Königsstädte im Eilzugstempo
In Rabat begegnen wir dem Namen Hassan noch einmal. Das moderne, äußerst respektable Mausoleum Mohammed V, in dem König Hassan II. seine letzte Ruhestätte gefunden hat, wird von unserem Stadtführer ebenso stolz präsentiert wie der auf demselben Areal befindliche Hassan-Turm aus dem 12. Jahrhundert. Er ist das einzige Relikt des ehrgeizigen Planes von Hassan I., hier die größte Moschee der islamischen Welt entstehen zu lassen.
Früh am Morgen umweht uns ein Hauch von Vergänglichkeit in der Ruinenstadt Chellah. Auf dem Areal befanden sich schon eine karthagische Siedlung, ein Flusshafen der Römer, eine Koranschule und eine Nekropole. Jetzt nisten in dem idyllischen Garten am Stadtrand von Rabat zwischen altem Gemäuer die Störche.
Die Kasbah der Oudayas aus dem 12. Jahrhundert erzählt von Zeiten, in denen der andalusische Einfluss stilprägend für die alten Städte im Norden Afrikas gewesen ist. Die schöne mittelalterliche Architektur wird jäh konterkariert durch das Auftreten eines Surfers in modernem Neoprenanzug. Wer Zeit zur Verfügung hat, sollte Rast machen in dem traditionellen maurischen Café aus der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert. Man hat von dort einen wunderschönen Blick auf den Fluss Bou Regreg.
Doch für Mußestunden hat der moderne Busreisende keine Zeit, denn das nächste Ziel lockt: Meknes. Alles in dieser Stadt hat dem Ruhm eines Herrschers zu dienen. Der prachtverliebte Sultan Moulay Ismail ließ gewaltige Stadtmauern, Paläste, Festungen und Gärten errichten. Besonders eindrucksvoll sind die Stallungen am Rande der Stadt, in denen 12.000 Pferde herrschaftlich untergebracht waren, für jedes, so will die Legende, war ein Knecht abkommandiert. Mit dem Sicherheitsabstand von 300 Jahren gesteht der Stadtführer, dass der Sultan, der angeblich 500 Frauen und 800 Kinder hatte, wohl ein Tyrann gewesen sein muss.
In der Nähe von Meknes befindet sich mit Moulay Idriss der wichtigste Wallfahrtsort des Landes, die zweitwichtigste Pilgerstätte nach Mekka. Siebenmal Moulay Idriss zählt so viel wie eine Pilgerfahrt nach Mekka, erzählt man uns, um die Bedeutung des kleinen Ortes zu unterstreichen. Bis vor einigen Jahren durften Nichtgläubige gar nicht in den Ort, jetzt dürfen sich Touristen durch den sehr lebendigen und ursprünglichen Lebensmittelmarkt bis kurz vors Allerheiligste drängeln, dann ist Schluss. Irgendwie ist es hier wie in Mariazell. Statt der Lebkuchen gibts herrlich duftendes Sesamgebäck und süße Datteln, traditionelle Pilgernahrung. Der freundliche Bäcker schenkt den ungläubigen Besuchern aus dem Abendland eine Ration extra. Salam aleikum!


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