• vom 16.03.2013, 10:00 Uhr

Reisen


Wiener Journal

"Benessere" ist mehr als Wellness








Von Georg Friesenbichler

  • Mit der Philosophie von "Kilometro Zero" will Umbrien der Toscana Konkurrenz machen

Die Stadt Todi liegt auf einem Hügel umgeben von Wäldern und Feldern. - © John and Lisa Merrill/Corbis

Die Stadt Todi liegt auf einem Hügel umgeben von Wäldern und Feldern. © John and Lisa Merrill/Corbis

Umbrien ist ein Kuriosum: Es ist die einzige Region Italiens, die mitten im Land liegt, also weder  über eine Grenze mit dem Ausland noch über einen Meerzugang verfügt. Kulinarisch hat dies die Auswirkung, dass der Speisefisch aus Süßwasser stammt, die regionale, köstlich mediterrane Küche aber deutlich mehr Fleisch, vor allem vom Schwein, bietet als andere Landesteile.
Aber an der fehlenden Küste kann es nicht liegen, dass das "grüne Herz" Italiens, wie sich die Region selbst bezeichnet, auf der Karte des internationalen Tourismus weit weniger heraussticht als die nordwestlich gelegene Toskana, mit der sich die hiesigen Fremdenverkehrsmanager in Konkurrenz fühlen. Auch an der Landschaft nicht, die ähnlich hügelig ist, und schon gar nicht an der Historie. Denn die ist turbulent. Die Etrusker, die ihr Kernland in der angrenzenden Toskana hatten, teilten sich das heutige Gebiet mit den Umbrern, ehe beide Völker von den Römern eingegliedert wurden. Im Mittelalter wurden die Städte hin- und hergerissen zwischen den italienischen Fürsten und dem Kirchenstaat im Süden. Schließlich unterstand die Provinz (noch nicht in ihren heutigen Grenzen) dem Papst bis zum Risorgimento 1860.

Information

INFORMATIONEN:
Etliche Wellnesshotels Umbriens, zu denen auch die hier angeführten Unternehmen gehören, haben sich zum Konsortium UmbriaBenessere zusammengeschlossen.
www.umbriabenessere.eu
Die Anreise kann außer mit dem Auto auch mit dem Flugzeug erfolgen – entweder über Rom oder über Florenz, wohin neben Austrian auch flyniki Flüge anbietet. Dann geht es mit dem Mietauto etwas mehr als 100 Kilometer zum Zielort.

Vor allem die mittelalterliche Geschichte ist, im Gegensatz zur toskanischen Hauptstadt Florenz, dessen Hochblüte mit der Renaissance einhergeht, in Umbrien allgegenwärtig. Auf der Piazza del Popolo, dem Hauptplatz der Stadt Todi, zum Beispiel treffen romanische und gotische Baukunst unmittelbar aufeinander. Die Renaissance findet sich knapp außerhalb der Stadtmauern in Form des Domes von Santa Maria della Consolazione, die den ursprünglichen Plänen Bramantes für den Petersdom in Rom ähnelt. Auch Handwerkskunst aus dieser Epoche ist in Umbrien stets präsent: Die Majolika-Keramik, die im 15. und 16. Jahrhundert ihre Hochblüte erlebte, findet sich in vielen Museen, insbesondere natürlich im Keramikmuseum des Städtchens Deruta, das heute noch die Technik und Produktion dieser glasierten Tonware aufrechterhält.
Gar "die schönste mittelalterliche Stadt" überhaupt will Gubbio sein, das sich nördlich der Regionshauptstadt Perugia an die Hügel  des Appenin lehnt. Hier hat man einmal im Jahr sogar ein ähnliches Spektakel zu bieten wie das toskanische Siena mit dem Pferderennen Palio.  Am 15. Mai geht es allerdings um "Kerzen" – drei rund vier Meter hohe und fast 300 Kilogramm schwere Holzgebilde, auf deren Spitze drei Heilige thronen. Diese werden beim "Corsa dei Ceri" so schnell wie möglich quer durch die ganze Stadt über 250 Höhenmeter hinauf bis zur Basilica di San Ubaldo getragen, die dem Stadtpatron gewidmet ist.
Und dann sind da natürlich noch die bekannten Städte wie die Hauptstadt Perugia, das für seinen Wein bekannte Orvieto oder Assisi, wo die romanische Basilika des heiligen Franziskus Weltkulturerbe ist. Arm an Sehenswürdigkeiten ist also Umbrien keineswegs, und doch richten die Tourismus-Verantwortlichen ihr Marketing nicht allein darauf aus. "Benessere" ist das Stichwort, das sie mit dem Landstrich verbinden wollen, was auf Deutsch seine Entsprechung sowohl mit dem modischen "Wellness" als auch mit dem weiterreichenden "Wohlbefinden"  findet.
Der ersten Interpretation gemäß findet sich kaum ein Hotel der gehobenen Klasse, das nicht über ein Spa verfügt – das heißt, über Körperpflegebereiche in unterschiedlicher Dimension, von einigen Massageliegen und Outdoor-Pool bis zu umfangreichen Angeboten, die von Aroma-Therapie bis zu richtiggehenden Bade-Landschaften reichen. Letztere finden sich etwa im Hotel "Ai Cappucini" in Gubbio, das natürlich nichts mit Kaffee zu tun hat, sondern mit dem Standort: Es befindet sich in einem ehemaligen Kapuzinerkloster – wie überhaupt viele der gehobenen Herbergen in geschichtsträchtigen Gebäuden untergebracht sind, in aufgelassenen Abteien ebenso wie in Landsitzen von Adeligen oder reichen Bürgern. So kann etwa das "La Posta dei Donini" in San Martina in Campo mit einer großartigen Parkanlage auftrumpfen, in dem überdies einige Etruskerurnen stehen.
Wer hier unter großen Pinien und Zypressen lustwandelt, erhält schon einen Anhaltspunkt dafür, dass "Benessere" mehr bedeuten kann als Wellness-Bereiche. Gleich in mehreren Naturparks und einem Nationalpark kann man beim Wandern Flora und Fauna erkunden oder auch nur sich entspannen. Zahlreich sind die Möglichkeiten, sich auch kulinarisch auf höchstem Niveau verwöhnen zu lassen – schließlich gedeiht in der Region sowohl die schwarze als auch die noch teurere weiße Trüffel. Die bekannteste Winzerfamilie Umbriens namens Lungarotti hat in Torgiano den beiden Hauptgenüssen der Region gleich zwei Museen gewidmet, eines dem Wein und eines dem Olivenöl. Im angrenzend gelegenen Lungarotti-Hotel "Le Tre Vaselle" werden Kochkurse ebenso angeboten wie "Wein-Therapie" im Spa, wobei  der Wein und die Trauben allerdings nicht innerlich, sondern äußerlich angewendet werden.

Perugia, die Hauptstadt der Region, muss man sich erwandern.

Perugia, die Hauptstadt der Region, muss man sich erwandern.© Colin Dutton/Grand Tour/Corbis Perugia, die Hauptstadt der Region, muss man sich erwandern.© Colin Dutton/Grand Tour/Corbis

Trinken kann man ihn allerdings auch, zumal sich immer mehr Winzer um Weiterentwicklung der önologischen Tradition bemühen. So erzielt man etwa im erst im Jahr 2000 geschaffenen "Roccafiore"-Anwesen nahe Todi bemerkenswerte Ergebnisse mit der hiesigen weißen Rebsorte Grechetto, die sonst meist nur in Cuvées, etwa im Orvieto-Wein, auftaucht. Neben weiteren Weiß- und Rotweinen wird hier auch eigenes Olivenöl produziert.
Denn Regionalität, ohnehin das Zauberwort des modernen Tourismus, wird hier besonders hochgehalten. "Kilometro zero" ist seit einigen Jahren das entsprechende Stichwort in Italien, und es bedeutet Konzentration auf lokale Produkte, die ohne schädliche Auswirkungen auf die Umwelt durch lange Transportwege auch lokal verbraucht werden. Nicht zufällig hat daher die in Italien gegründete "Cittaslow"-Bewegung in Umbrien viele Mitglieder und in der Stadt Orvieto ihren Hauptsitz.  Inspiriert von der "Slowfood"-Bewegung  hat die 1999 in Leben gerufene Vereinigung, der sich  Städte mit weniger als 50.000 Einwohnern nach genauer Prüfung anschließen können, unter anderem nachhaltige Umweltpolitik, Lebensqualität, lokale Kultur und eben regionale Produkte und Vermarktung im Sinn.
Das kann zu der Kuriosität führen, dass in einem Hotel den Gästen sogar das eigene Brunnenwasser als Besonderheit aufgetischt wird. Es kann aber auch in ambitionierten Projekten wie "La Terre del Verde" münden. Vier Unternehmer aus dem Industrieküchenbereich versuchen in der abgelegenen Gegend an der Grenze zur Region Marken einen grünen Traum zu verwirklichen. Zu diesem Zweck haben sie nicht nur einen aus mehreren Gebäuden bestehenden Komplex aus dem 11. Jahrhundert zu einem Hotel umfunktioniert, sondern auf rund 500 Hektar voller Wald auch noch eigene Bio-Zuchten von Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen eingerichtet. Und die Milch beziehungsweise das Fleisch der Tiere wird auch gleich an Ort und Stelle verarbeitet. "Kilometro zero" in Vollendung, sozusagen.
Auch dieses Unternehmen ist erst wenige Jahre alt, es wurde 1999 gestartet. Vielleicht ist das letztendlich das Wesentlichste, was Umbrien von der Toskana unterscheidet: Trotz seiner reichen Tradition sind seine Bemühungen um den internationalen Fremdenverkehr noch relativ jung.

Perugia, die Hauptstadt der Region, muss man sich erwandern.

Perugia, die Hauptstadt der Region, muss man sich erwandern.© Colin Dutton/Grand Tour/Corbis Perugia, die Hauptstadt der Region, muss man sich erwandern.© Colin Dutton/Grand Tour/Corbis

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2013-03-14 15:33:54
Letzte Änderung am 2013-03-15 12:24:27


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