• vom 23.07.2016, 09:30 Uhr

Reisen


Kreuzfahrt

Kulturschock auf hoher See




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Von Piotr Dobrowolski

  • Das Kreuzfahrtschiff als Ort unzähliger Projektionen - und als ein Platz, an dem skurrile Käuze auf österreichische Kapitäne und Zerstreuung ohne Ende treffen.

- © Aida

© Aida



Eine geheime Liebschaft an Bord, Melancholie im Liegestuhl, flimmerndes Licht am Horizont. Eine Sonne, die blutrot im Meer versinkt, der Steward, ganz in Weiß gekleidet. Ja, so könnte es sein. Oder aber auch so: Leonardo di Caprio als Jack Dawson an Bord der "Titanic", Oskar Werner als der herzkranke Schiffsarzt Schumann, Sacha Hehn, braungebrannt und altersgemäß gutaussehend, als der joviale Kapitän Burger. Es könnte aber auch so sein: Philippinisches Personal unter Deck gepfercht, eine Fressorgie ohne Ende an Oberdeck, und eine alles umfassende innere Leere, die selbst die ausgefallenste Karaoke-Show an Bord nicht zu mildern vermag.

Geht es um Kreuzfahrten und Luxusliner, herrscht an Folien, die unser Phantasievermögen befeuern, wahrlich kein Mangel. Viele davon sind längst popkulturelles Gemeingut geworden wie der Untergang der "Titanic" oder das gegen jede Form von Untergang gefeite "Traumschiff". Andere wiederum kennt man wenigstens dem Namen nach, etwa das "Narrenschiff" - jedenfalls das mit Oskar Werner, weniger die Urfassung, die ein gewisser Sebastian Brant 1494 in Basel zu Papier brachte - und das Jahrhunderte später ein Remake erlebte.

Der Vorarlberger Vincent Cofalka fährt seit rund 20 Jahren als "Fleet Captain" auf Kreuzfahrtschiffen.

Der Vorarlberger Vincent Cofalka fährt seit rund 20 Jahren als "Fleet Captain" auf Kreuzfahrtschiffen.© Cofalka Der Vorarlberger Vincent Cofalka fährt seit rund 20 Jahren als "Fleet Captain" auf Kreuzfahrtschiffen.© Cofalka

Information

Piotr Dobrowolski, geboren 1965, war u.a. Außenpolitik-Chef bei "Format" und lebt nun als freier Journalist in Graz.

Andere Trouvaillen aus dem nicht eben kleinen Fundus an Kreuzfahrtsfilmen und Schiffsliteratur sind nicht ganz so bekannt. Zum Beispiel Pavel Kohouts "Die lange Welle hinter dem Kiel" oder, es darf ja auch einmal lustig sein, Martin Amanshausers "Der Fisch in der Streichholzschachtel". Auch diese Texte sind geradezu perfekt dazu geeignet, dem Leser eine klare Vorstellung davon zu geben, wie es auf einer Kreuzfahrt zu sein hat, ohne dass er je eine mitmachen hätte müssen.

Eigenwillige Charaktere

Gibt es bei Kohout nicht diese skurrile alte Dame, die in jedem Winkel der Welt bei spiegelglatter See oder schwerstem Sturm stets den gleichen Wein zu trinken wünscht: einen Jamek aus der Wachau? Und ist die Alte nicht in manch anderer Hinsicht reichlich originell?

Das Narrativ ist überaus gängig: die Kreuzfahrt als eine Ansammlung von skurrilen Charakteren, die an einem von der Außenwelt abgeschotteten Ort ihre Skurrilität erst recht ausleben. Manchmal passiert dabei sogar, wie in Agatha Christies "Tod auf dem Nil", ein Mord. Und überhaupt: Schon die Passagiere von Sebastian Brants "Narrenschiff", das die Insel Narragonien ansteuert, sind als reichlich eigenwillige Charaktere gezeichnet: 112 an der Zahl und jeder von ihnen die perfekte Verkörperung eines der vielen menschlichen Laster.

Gastronomische Rundum-Versorgung an Bord ist garantiert.

Gastronomische Rundum-Versorgung an Bord ist garantiert.© AIDA Gastronomische Rundum-Versorgung an Bord ist garantiert.© AIDA

Heute geht die Zahl der Kreuzfahrt-Passagiere freilich nicht in die Hunderte, sondern in die Millionen - und Luxusschiffe machen als schwimmende Bettenburgen längst der Festland-Hotellerie Konkurrenz. Da muss man schon kräftig auf post-Freud’schen Abwegen wandeln, um, wie der Schriftsteller Frank Schulz, diese Form des All-Inklusive-Urlaubs ausgerechnet als eine Rückkehr in den Schoß der Großfamilie zu interpretieren: "Allabendlicher Genuss der Nestwärme unter den Fittichen der Zeremonienmeister. Geborgenheit. Stallgeruch." Die ebenfalls von ihm, oder genauer: von seinem Reisekompagnon getroffene Kennzeichnung der Kreuzfahrt als "eine Woche Oktoberfest" trifft es vermutlich eher.

Doch wer auch immer Recht hat, das Publikum mag diese Form von Zeitvertreib. Im letzten Jahr ist die Branche wieder um 3,1 Prozent gewachsen. Europaweit gehen inzwischen 6,6 Millionen Menschen auf Kreuzfahrt. Mit rund 1,8 Millionen stellen die Deutschen dabei die eindeutig meisten Kreuzfahrer, doch jedes Jahr begeben sich auch rund 130.000 Österreicher an Bord eines Luxusliners und lassen sich dieses Vergnügen im Schnitt rund 270 Euro pro Kopf und Tag kosten.

Lebensform Kreuzfahrt

Sogenannte Durchfahrer, die mehr oder minder das ganze Jahr an Bord sind und die Kreuzfahrt als Lebensform gewählt haben, kommen auf deutlich mehr: rund 150.000 Euro jährlich, wie das an wohlbestalltem Publikum stets interessierte Wirtschaftsmagazin "Brand eins" ausgerechnet hat.

Doch wie heißt es schon bei "Narrenschiff"-Urvater Sebastian Brant: "Wer hortet, was vergänglich ist, gräbt seine Seel in Dreck und Mist." Wer stattdessen sein Vermögen peu à peu in den Meeren dieser Welt versenkt, bekommt zumindest Rund-um-Versorgung vom Feinsten: Frühstücksbüfett für Frühaufsteher ab 6 Uhr, großes Frühstück im Restaurant ab 8 Uhr, 10 Uhr Rinderbouillon und Sandwiches für den Hunger zwischendurch, 12 Uhr Lunch, 14 Uhr Kaffee und Kuchen am Pool, 17 Uhr Nachmittagstee, 19 Uhr Dinner, 23 Uhr Snacks zur späten Stunde.

Ein ganzes Leben in den Fängen der Bordgastronomie zu verbringen, werden die wenigsten wollen. Doch für die - in der Werbung stets so titulierten - "schönsten Tage im Jahr" scheint dieses Programm perfekt zu passen. Längst können Werften nicht mehr mit dem Bau der von den Veranstaltern benötigten Luxusliner nachkommen. AIDA Cruises, der Marktführer in Deutschland, hat seit 2007 nicht weniger als acht neue Schiffe von insgesamt elf in Betrieb genommen. Drei weitere sind bereits bestellt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-07-22 14:11:11
Letzte ─nderung am 2016-07-22 14:43:28



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