• vom 20.08.2016, 15:00 Uhr

Reisen


Reportage

Zwischen Gong und Dung




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Von Günter Spreitzhofer

  • Dharamsala in Nordindien ist das Zentrum der tibetischen Exilregierung und Sitz des Dalai Lama - ein Besuch.

Die Jogibara Road in Upper Dharamsala, auch McLeod Ganj genannt.

Die Jogibara Road in Upper Dharamsala, auch McLeod Ganj genannt.© Spreitzhofer Die Jogibara Road in Upper Dharamsala, auch McLeod Ganj genannt.© Spreitzhofer

Unten, in Lower Dharamsala, auf 1220 m Seehöhe gelegen, ist nicht nur die spirituelle Erleuchtung noch recht mäßig: Der kleine Marktflecken liegt nicht selten im Nebeldunst der Ebene und lebt von einem Busbahnhof mit angeschlossener Busbahnhofbar, wo frühmorgens schon Chai und Aloo Paratha gereicht wird, wem danach ist: Milchtee mit Kartoffelfladenbrot, viel mehr ist da nicht zu holen. Heizung gibt es auch keine, man kauert draußen um kleine Feuerchen, wo feuchter Müll und frisch getrocknete Kuhfladen etwas Wärme spenden.

Das Hotel Paradise dahinter ist unmerklich kuscheliger. Hier bleibt keiner länger als nötig, bis auf ein paar dunkle Schemen mit Horn und Huf, die sich am Kotwali Basar Styroporkartons einverleiben, recht zufrieden kauen und wiederkäuen.

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Kein Wunder, dass alle anderen nach oben wollen: Upper Dharamsala, auch als McLeod Ganj (der Name eines früheren britischen Gouverneurs) bekannt, liegt rund 600 Meter höher und ist mit dem unteren Teil längst zusammengewachsen. Der Jeep-Trail braucht für die Strecke bei atemberaubenden Steigungen und einspurigen Serpentinen nicht einmal vier Kilometer, die Umfahrung für Busse ist über zehn Kilometer. Asphaltiert bis oben sind sie beide, denkt man die Schlaglöcher weg.

Monsun & Honeymoon

Ein Mönch zwischen Tibet Café und Computerwelt. . .

Ein Mönch zwischen Tibet Café und Computerwelt. . .© Spreitzhofer Ein Mönch zwischen Tibet Café und Computerwelt. . .© Spreitzhofer

Dahinter, hinauf zu den wolkenverhangenen Gletschern jenseits der Waldkuppen, beginnen ein paar Allradpisten, die irgendwann zu Fußwegen werden: Rechtzeitig vorher wenden kann nicht schaden - was nicht alle indischen Neureichen wahrhaben wollen, die hier Schutz vor dem Dampf der Metropolen suchen. Die Hill Station im Bundesstaat Himachal Pradesh - ein klimatisch begünstigter Ferienort der britischen Verwaltungsbeamtenschaft zu Kolonialzeiten - hat eine Jahresmitteltemperatur von angenehmen 19 Grad.

Die frühere britische Garnisonsstadt wurde 1905 durch ein Erdbeben fast völlig zerstört und dümpelte der Vergessenheit entgegen, bis der blutjunge 14. Dalai Lama 1960 um indisches Asyl ansuchte und sich hier niederließ. Ab da ging’s los: Dharamsala, das oben am Berg, ist zu einem der bedeutendsten Touristenorte Nordindiens geworden, tibetisches Kulturzentrum, Traveller-enklave und Trekking-Hotspot gleichermaßen. Und eines der schicksten Stelldichein für indische Honeymooner, die an lauschigen Plätzchen wie dem verwachsenen alten Friedhof hinter der Kirche "St. John in the Wilderness" nicht nur Affen füttern, sondern ein wenig Zeit zu zweit finden wollen. Und das ist in Indien nicht immer leicht, nicht einmal hoch oben.

Ja, es regnet oft dort, nicht nur in der Monsunzeit: Kein Wunder, dass der Ruhesitz für verheiratete Offiziere "Cloud’s End" heißt. Gewiss, es gibt schönere Orte im Himalaya, mit Blick auf nahe Gipfel und weiße Gletscher. Und, korrekt, es wird zu viel gebaut - ebene Flecken gibt es nur wenige entlang der Jogbara Road und der Temple Road, hinunter zum Allerheiligsten, wo im Tsuglagkhang Complex der Photang zu finden ist, die offizielle Residenz des Dalai Lama, die Namgyal Gompa und das Tibet Museum.

Zwischen den beiden Straßen, die gerade breit genug sind für zwei Kälber und einen Kleinwagen, steht noch eine dritte Häuserzeile, drei Meter breit, aber drei Stockwerke hoch: Durch die Scheiben des Pilgerfrisiersalons taucht schemenhaft die nächste Kuh auf, die gerade eine ältliche Royal Enfield auf einen Bananenkarren stößt, was weder dem chromblitzenden Motorrad, den Bananen, noch dem wackeligen Kalb daneben besonders gut tut.

Vom Dachgarten des tibetischen Restaurants Tsongkha dazwischen, wo die Momos noch fetter sind und die Nudelsuppen in noch tieferen Schüsseln schwimmen als sonstwo, lässt sich eigentlich die ganze Stadt überblicken: zumindest die heroben am Grat, fast bis hinüber zur tibetischen Flüchtlingsschule am Heiligen Dal See, wo die hinduistischen Götterfiguren auf den Tretbooten dringend etwas neue Farbe bräuchten, den Selfies an Bord zuliebe.

Ein Tata Nano hat ein Lenkrad, einen Scheibenwischer, vier Räder, zwei Türen und ein Dach. Das war’s auch schon, doch um rund 1000 Euro bekommt man selbst in Indien nicht mehr als zwei Meter Autolänge. Und das ist gut hier, denn der Hauptplatz am Ortsende des Pilgerstädtchens misst höchstens achtzig Quadratmeter. Wendemanöver enden nicht selten im Pastry Palace an der Ecke, wo ein farbenprächtiges Stück Schwarzwälder Kirschtorte um 60 Cent im Angebot ist, weil die Vitrinenkühlung nicht verlässlich arbeitet. Gelegentlich beschließt die Tante der jungen Kuh von vorhin, davon zu kosten, nachdem sie von einem Pulk Pilger in fabriksneuem Orange verscheucht wurde, weil sie sich an den kübelgroßen Gebetsmühlen reiben wollte: Kuh sein ist hier nirgends leicht! Autofahren auch nicht, selbst für jene, die es gelernt haben.

Es ist fast acht Uhr morgens, und der tibetische Haupttempel in McLeod Ganj bereits bis auf den letzten Platz besetzt. "Platz" bedeutet hier im Norden Indiens, im Exil-Wohnort des Dalai Lama, eine Schneidersitzbreite auf dem mit Matten und Decken ausgelegten Tempelboden.

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Dokument erstellt am 2016-08-18 17:59:22



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