• vom 10.09.2016, 16:00 Uhr

Reisen


Reportage

Zwischen Himmel und Erde




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Von Martin Zinggl (Text und Fotos)

  • Warum tue ich mir das an? - Unterwegs auf dem Annapurna-Circuit in Nepal, der unter Trekkern beliebtesten spirituellen Wanderroute der Welt.





Einer aus unserem Trekking-Team hat die Lust an seinem Job verloren und geht für einen Monat in ein buddhistisches Kloster . . .

Einer aus unserem Trekking-Team hat die Lust an seinem Job verloren und geht für einen Monat in ein buddhistisches Kloster . . . Einer aus unserem Trekking-Team hat die Lust an seinem Job verloren und geht für einen Monat in ein buddhistisches Kloster . . .

Tag 3, Tal (1700 Meter über dem Meeresspiegel)

Alles ist relativ. Vor zwei Tagen glaubte ich an Schmerzen zu leiden. Heute fühle ich mich zum Sterben. Aufgrund der Anstrengung sollte ich eigentlich schlafen wie ein Toter, aber verspannte Muskeln in meinen Schultern und lädierte Bandscheiben in meinem Becken erlauben das nicht. Es ist drei Uhr morgens und draußen prasselt heftiger Regen aufs Wellblechdach. "Das ist der normale Schmerzverlauf eines Treks", sagte Karen, die Yogalehrerin aus Kalifornien, die mit ihrem ultraleichten Equipment lächelnd an mir vorbei lief. "Am fünften Tag ist das vorbei und dir geht es wieder gut."

Information

Martin Zinggl,geb. 1983 in Wien, ist Ethnologe, Reporter und Filmemacher. Soeben ist von ihm der Band "Lesereise Nepal - Im Land der stillen Helden" im Picus Verlag (132 Seiten, 15 Euro) erschienen.


Japanische Trekker schießen Selfies auf dem Thorong-La Pass.

Japanische Trekker schießen Selfies auf dem Thorong-La Pass. Japanische Trekker schießen Selfies auf dem Thorong-La Pass.

Seit drei Tagen marschiere ich nun den Annapurna-Circuit entlang, unter Trekkern die beliebteste Wanderroute der Welt. Rund 20.000 Menschen begeben sich jedes Jahr auf diesen Pfad. Nun bin auch ich einer davon. Erstmals möchte ich einen Trek gehen. Ungeübt, ahnungslos und untrainiert.

Hafen der
verlorenen Seelen

Auf meinem Buckel befindet sich mein gesamter Besitz in Form eines zwanzig Kilogramm schweren Rucksacks: Last im doppelten Sinne. "Den Fehler machst du nie wieder!", sagte Karen. "Glaub’ es mir!" Tu’ ich gerne. "Verdammter Anfänger", denke ich. Vor mir liegen 183 Kilometer Fußmarsch, rund eine Million Schritte, einmal gegen den Uhrzeigersinn um das Annapurna-Gebirge herum. Die eine Hälfte bergauf, die andere bergab.

Trekking ist meditativ: Einfach einen Fuß vor den anderen setzen. . .

Trekking ist meditativ: Einfach einen Fuß vor den anderen setzen. . . Trekking ist meditativ: Einfach einen Fuß vor den anderen setzen. . .

"Warum bin ich hier?", frage ich mich. "Warum ist überhaupt irgendjemand hier? Was haben Menschen nur auf Bergen verloren?" Simon, der britische Önologe, Yves, der französische Triathlonläufer mitsamt Thibault, seinem autistischen, neunjährigen Sohn, Francesco, der italienische Finanzberater, oder Tatjana, die deutsche Yachtlackeverkäuferin, die gerade erst gefeuert wurde?

Ständig laufen wir uns über den Weg, gehen manchmal ein Stück gemeinsam, spätestens am Abend aber sitzen wir zusammen in einem der Gasthäuser, unterhalten uns, spielen Karten, werden Freunde auf Zeit. Sie alle haben unterschiedliche Gründe und Motive, diesen Weg zu gehen - nur eines ist ihnen allen gemeinsam: die spirituelle Reise. Die einen nennen es "Aussteigen" oder "Selbstfindungs-Trek", die anderen "sich Zeit nehmen, um etwas zu verarbeiten oder über etwas nachzudenken".

Der Annapurna als Hafen der verlorenen Seelen? Simon hat die Lust am Weinproduzieren verloren und sucht im Buddhismus nach Antworten auf das "Warum?" Yves will zu sportlichen Höchstleistungen und zu seinem hyperaktiven Sohn finden. Tatjana ist mit ihrem Leben in der westeuropäischen Seifenblase unglücklich und sucht nach einer neuen Lebensaufgabe, und Francesco überlegt, ob er die Stelle als überbezahlter Hedgefonds-Berater in Mailand wirklich annehmen soll oder nicht.

Und ich? Auch ich bin auf der Suche, Antworten auf offene Lebensfragen zu finden, erwarte mir aber nicht, sie auf einem Berg zu finden. Vorerst suche ich einen Weg, das Gewicht meines Rucksacks zu reduzieren. Zum zehnten Mal gehe ich im Geiste durch, welche Gegenstände ich zurücklassen könnte.

Schließlich schlafe ich mit dem Rauschen des Flusses Marsyangdi ein, der uns noch eine Weile begleiten wird, ehe mich ein kitzelndes Krabbeln zwischen meinen Schenkeln wieder aufweckt. Zunächst ignoriere ich es, aber beim zweiten Mal bin ich sicher: Da ist etwas in meinem Schlafsack. Panik. Licht an. Reißverschluss auf. Atemnot. Meine Unterhose ist blutgetränkt und an meinem Bein windet sich ein schwarzes, ekliges Ungeheuer.

Ein Blutegel hat mich angezapft und ausgesaugt, viel zu nah an der empfindlichsten Stelle des Mannes. Die Wunde hört nicht auf zu bluten. Ich verfluche den Blutegel, meinen Rucksack, diesen Trek, die ewige Suche nach Antworten. Am nächsten Tag lasse ich ein Paar stinkende Socken und eine blutgetrocknete Unterhose zurück. Wenn’s gut geht, ein Viertelkilo, immerhin.

Tag 6, Upper Pisang (3300 Meter über dem Meeresspiegel)

Verzweifelte Zeiten schreien nach verzweifelten Taten. Die Erdbeben im Frühjahr 2015 haben die Touristen abgeschreckt, nach Nepal zu reisen, und gleichzeitig deprimierte Nepalesen hinterlassen, die einen saisonalen "Massentourismus" am Annapurna gewöhnt waren. Aussichtslose Gastronomen fälschen Dorfnamen mitten im Nirgendwo, um die wenigen Trekker in ihre Unterkünfte zu locken. Die Enttäuschung, dass das eigentliche Dorf erst eineinhalb Stunden später, drei Ortschaften weiter, erscheint, ist groß - und dieses Verhalten der sonst sehr ehrlichen und großzügigen Nepalesen unwürdig.

Ich habe Mitleid mit den Bewohnern, die unter den Folgen der Beben leiden und mit allen Mitteln versuchen, Tourismus und Wirtschaft wieder anzukurbeln. Ich stelle mir die Frage, ob diese temporären Invasoren, die jährlich den Annapurna stürmen, eine willkommene Einnahmequelle für die Nepalesen oder vielmehr eine üble Erinnerung an jenen Luxus sind, den sich viele Bewohner nicht leisten können. Beinahe jede Herberge bietet für nepalesische Unsummen "Luxusgüter" an: Bier, Schokoriegel, Kartoffelchips, Steaks. Alle diese Produkte werden von den Bewohnern per Rückentransport auf den Circuit gebracht, auf ebenjene Strecke, die seit Jahrhunderten eine Handelsroute zwischen Nepal und Tibet darstellt. Von Greisen, Frauen und Kindern, die nur einen Steinwurf entfernt von der Route hausen und dort versuchen, dem kargen Boden etwas Nahrung abzuringen und mit einer herzlichen Geste zum Tee einladen - und dennoch erfahren meine internationalen Trekkingfreunde und ich kaum etwas über sie während des gesamten Treks. Als ob zwei Parallelwelten nebeneinander existierten.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-09 14:02:14
Letzte ─nderung am 2016-09-09 14:41:04



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