• vom 26.12.2016, 16:53 Uhr

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Von Günter Spreitzhofer

  • Im Mai 2017 jährt sich im portugiesischen Fatima die erste Marien-Erscheinung zum hundertsten Mal. Das Städtchen bereitet sich auf einen gewaltigen Pilgeransturm vor.

Die Basilica Antigua wurde 1933 an jener Stelle in Fatima errichtet, wo 1917 die Mutter Gottes erschienen sein soll. - © Spreitzhofer

Die Basilica Antigua wurde 1933 an jener Stelle in Fatima errichtet, wo 1917 die Mutter Gottes erschienen sein soll. © Spreitzhofer



Fatima wäre bis heute wohl ein unbekanntes Örtchen in den Hügeln hinter Lissabon, hätte hier nicht eines der mysteriösesten Ereignisse der katholischen Kirchengeschichte stattgefunden. Die Geschichte ist rasch erzählt: Lucia dos Santos (10), Jacinta (7) und Francisco Marto (9) soll am 13. Mai 1917 eine rätselhafte Frauengestalt erschienen sein, die heute als Jungfrau von Fatima bekannt ist. Diese habe den Kindern aufgetragen, jeweils zum Monatstag zum Erscheinungsort zurückzukehren, was nicht lange geheim blieb und wie ein Lauffeuer die Runde machte. Monat für Monat kamen mehr Menschen, bis schließlich am 13. Oktober über 70.000 Menschen Zeugen eines Sonnenwunders wurden, wobei sich die Sonne wie ein Feuerrad gedreht haben soll.

Soweit die Legende, die insgesamt sechs Begegnungen der Hirtenkinder auflistet. Im Zuge der dritten Erscheinung im Juli, die noch weitgehend zeugenfrei abgelaufen sein muss, wurden die drei Geheimnisse von Fatima überliefert, die Lucia in den 1940er Jahren nochmals niederschrieb, nachdem sie die ersten Aufzeichnungen auf Anordnung der Kirche hatte vernichten müssen: Die ersten beiden - gemeinhin interpretiert als Andeutungen auf den Zweiten Weltkrieg und den Atheismus in der UdSSR - gab die Kirchenführung zur Veröffentlichung frei. Das dritte Geheimnis wurde jedoch versiegelt und dem Vatikan zugestellt, wo es nicht vor 1960 veröffentlicht hätte werden sollen. Schlussendlich blieb es 83 Jahre unter Verschluss und wurde zum Anlass für viele Spekulationen, da sich Papst Johannes XXIII. gegen dessen Bekanntgabe entschied.

Attentats-Ankündigung

Erst Erzbischof Bertone und Kardinal Ratzinger, der damalige Präfekt der Glaubenskongregation und spätere Papst Benedikt XVI., verkündeten das Geheimnis im Jahr 2000 - fünf Jahre vor dem Tod von Lucia, die bis zu ihrem Tod Ordensschwester der Karmeliterinnen in Coimbra gewesen war. Großer Wert wurde auf die Feststellung gelegt, dass es von Seiten der Kirche keine "offizielle Interpretation" gäbe, wenn auch Papst Wojtyla sich selbst im "weißgekleideten Bischof", der getötet wird, wiedererkannt haben will. Die damals 93-jährige Ordensfrau habe diese Auslegung des Papstes bestätigt: Es sei um Ankündigungen des Attentats auf Papst Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 gegangen, das sich am Jahrestag der ersten Erscheinung ereignet hatte.

Bei einem Gespräch mit dem Papst soll sich Mehmet Ali Agca, der Attentäter, auf die Erscheinungen bezogen haben. Johannes Paul II. war insgesamt dreimal in Fatima und sorgte für die Seligsprechung der Geschwister Jacinta und Francisco im Jahr 2000 - am 13. Mai, wann sonst. Die Kugel, die in das Papamobil eingedrungen war, wurde zur Votivgabe und von Juwelieren in die Krone der Statue "Unserer Lieben Frau von Fatima" eingearbeitet.

Souvenir-Schnickschnack, wie er an sakralen Stätten oft gedeiht. . .

Souvenir-Schnickschnack, wie er an sakralen Stätten oft gedeiht. . .© Spreitzhofer Souvenir-Schnickschnack, wie er an sakralen Stätten oft gedeiht. . .© Spreitzhofer

Zumindest die Vollständigkeit des Dritten Geheimnisses gilt kirchenintern bis heute als umstritten, wurde doch stets über ausführliche apokalyptische Ankündigungen spekuliert. "Die Kirche hat keine Zweifel, dass es sich um ein Originaldokument handelt. Es handelt sich um ein authentisches Dokument, das von Schwester Lucia eigenhändig niedergeschrieben wurde", schreibt Maria José Azevedo Santos von der Philosophischen Fakultät der Universität Coimbra ("Katholisches Magazin für Kirche und Kultur", 7. 1. 2014), die das Dokument im Archiv der Glaubenskongregation untersuchen konnte. "Das Fehlen der Unterschrift von Schwester Lucia nehme dem Dokument nichts von seiner Authentizität. Ein Vergleich des besagten Dokuments mit anderen handgeschriebenen Texten der Seherin und Ordensfrau lasse keinen Zweifel. Die wissenschaftliche Schlussfolgerung könne daher nur sein, dass dieses Dokument tatsächlich von Schwester Lucia verfasst wurde", so die Paläographin, die dessen Vollständigkeit jedoch nicht beurteilen wollte.

Marien-Kultstätte

Fatima, das 10.000 Einwohner-Städtchen 130 km nördlich von Lissabon, verdankt seinen arabischen Namen übrigens ebenfalls einer Legende: Ein maurisches Fräulein dieses Namens verliebte sich in einen christlichen Ritter und konvertierte zum Christentum. Jedenfalls kein schlechtes Omen für eine neue Marien-Kultstätte: 1930 erklärte der Bischof von Leiria die Erscheinungen für glaubwürdig und gestattete die öffentliche Verehrung "Unserer Lieben Frau von Fatima". Seither ist das Städtchen neben Lourdes der bedeutendste katholische Marienwallfahrtsort Europas geworden - jährlich vier Millionen Pilger waren es zuletzt, auf der Suche nach Hilfe, Hoffnung und Heilung, deutlich mehr als etwa der portugiesische Jakobsweg (Caminho Portu-
gués
) je anziehen konnte.

2017 werden es wohl erheblich mehr werden, jährt sich doch die erste Erscheinung zum hundertsten Mal. Man ist jedenfalls vorbereitet. Der Countdown läuft, auf digitalen Anzeigen in der ganzen Stadt und am Platz zwischen den beiden Kirchen - dem größten Kirchenvorplatz der Welt. Gegenüber der alten Kathedrale Basilica Antigua, wo sich auch die Gräber der früh - wahrscheinlich an der Spanischen Grippe - verstorbenen Hirtenkinder Jacinta (+1920) und Francisco (+1919) befinden, wurde 2007 die Igreja da Santissima Trinidade eingeweiht.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-22 17:29:17
Letzte ńnderung am 2016-12-26 16:19:23



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