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Update: 14.01.2017, 17:42 Uhr

Ökologie

Delfine oder Wasserkraft




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Von Rudolf Stumberger

  • Der Staat Laos baut mehrere große Staudämme im Mekong. Die Nachbarstaaten sowie engagierte Umweltschützer sind dagegen.



"Viertausend Inseln" nennt sich die Region mit den verzweigten Flussarmen und den ungezählten kleineren und größeren Eilanden, in der ein Staudamm entsteht.

"Viertausend Inseln" nennt sich die Region mit den verzweigten Flussarmen und den ungezählten kleineren und größeren Eilanden, in der ein Staudamm entsteht.© Stumberger "Viertausend Inseln" nennt sich die Region mit den verzweigten Flussarmen und den ungezählten kleineren und größeren Eilanden, in der ein Staudamm entsteht.© Stumberger

Sam, der 35-jährige Touristenführer, weiß Bescheid: "Hier wird der Staudamm entstehen". Und nein, er findet das nicht gut. Der Damm, sagt er, wird den Fluss verändern. Wir stehen am Ufer des Mekong auf laotischer Seite, drüben, am anderen Flussufer ist Kambodscha. Dazwischen liegt ein tiefes Flussbecken und hier leben noch sechs der vom Aussterben bedrohten Irrawaddy-Flussdelfine. Sie wären durch den Staudamm unmittelbar gefährdet, meint die Naturschutzorganisa-
tion WWF und macht gegen den geplanten Don Sahong Staudamm mobil.

Information

Rudolf Stumberger, geboren 1956, arbeitet als Journalist und als freiberuflicher Dozent für Soziologie und Wirtschaft in München.

Si Phan Don - "Viertausend Inseln" - nennt sich hier diese Re-gion mit den verzweigten Flussarmen und den ungezählten kleineren und größeren Eilanden. Es ist noch Trockenzeit und der Wasserstand und die Strömung des Mekong sind niedrig - dieses großen asiatischen Flusses, der im Norden entspringt und nach Tausenden von Kilometern in Vietnam im Meer mündet. Die "Viertausend Inseln" liegen nahe der Grenze zu Kambodscha, die nächste größere Stadt in Laos ist Pakse, 130 Kilometer im Norden liegend und mit einem internationalen Flughafen versehen.

Beschauliche Inselwelt

Eine der viertausend Inseln ist Don Det, ein überschaubares Eiland, rund zwei Kilometer lang. Es ist nur mit dem schwankenden Boot vom Festland aus erreichbar, es gibt einen Fährverkehr. An der Nordspitze der Insel liegt das Örtchen Ban Houa Det: Entlang der Ufer reihen sich Restaurants und es sind kleine einfache Bungalows zu mieten. Die Insel hat sich mittlerweile zu einem Treffpunkt für Backpacker und Reisende entwickelt, die wegen der entspannten Atmosphäre hierher kommen. Das Leben ist beschaulich und die Preise niedrig. Bei der "Happy Pizza" machen ebenso wie beim "Happy Shake" die Zutaten happy.

Mein Weg führt mich zu Lutz. Der 44-jährige Berliner lebt seit 2006 auf Don Det und hat mittlerweile in eine laotische Familie eingeheiratet. Zusammen mit seiner Frau betreibt er das "Mama Leuah"-Guesthouse und seine Speisekarte besticht unter anderem mit "Zürcher Geschnetzeltem".

"Ja", sagt Lutz, als wir auf der Veranda sitzen, "die Landvermesser waren schon da." Vor sechs Monaten kamen die Männer mit den Messinstrumenten und begannen ihre Arbeit. Nein, sagt Lutz, von offizieller Seite erfahre man nichts oder wenig zur Entstehung des Staudamms. Die Familie seiner Frau lebt auf ihrem Grundstück am Ufer des Mekong, neben dem Restaurant haben sie fünf kleine Hütten auf Stelzen gebaut, die an Touristen vermietet werden. Morgens um vier Uhr kräht der Hahn, abends bei Einbruch der Dunkelheit beginnen die Mekong-Frösche zu quaken.

Draußen, auf dem Fluss, schieben sich die langen, motorgetriebenen Boote der Einheimischen durch das Wasser. Die Menschen hier leben vom Reisanbau und vom Fischfang. In den vergangenen Jahren ist der Tourismus hinzugekommen. So kann man inzwischen bei drei Veranstaltern ganztägige Kajaktouren auf dem Mekong buchen. Eines der Hauptziele ist dabei das Wasserbecken mit den Flussdelfinen.

Man kann auf Don Det auch Fahrräder mieten, und mit einem dieser Mietfährräder mache ich mich auf den Weg. Das Ziel: das Örtchen Ban Hang Khon an der Südspitze der Insel Don Khon, eine durch eine Brücke verbundene Nachbarinsel von Don Det. Merkmal des Örtchens ist die alte Verladerampe aus Beton, errichtet von den Franzosen in der Kolonialzeit. Die Rampe war die Endstation einer kleinen Bahn, mit der die Handelsgüter wegen der Wasserfälle über Land umgeleitet wurden.

Der Weg führt durch das trockene Inselinnere entlang der ehemaligen Bahntrasse. Schließlich erreicht man Ban Hang Khon, eine Ansammlung von Holzhütten auf Stelzen. Von der Verladerampe aus öffnet sich der weite Blick auf den vorbeifließenden Mekong und es ragen Dutzende kleiner Felseninseln aus dem Wasser. Das Maschinenhäuschen, in dem früher die Lastenwinde untergebracht war, ist heute Verkaufsraum für die Bootsausflüge zu den Delfinen.

Suche nach Delfinen

Ich löse ein Ticket und mit einem Guide tuckern wir zusammen in seinem Boot hinaus in das Flussbecken vor Ban Hang Khon, es ist die Heimat beziehungsweise der Lebensraum der vom Aussterben bedrohten Irrawaddy-Delfine, lateinisch Orcaella brevirostris. Nur noch 85 dieser Delfine mit stumpfer Schnauze leben im Mekong, in dem Flussbecken hier sollen es gerade noch sechs Exemplare sein. Es sind die letzten in Laos.

Der Mekong fließt langsam und träge, jedenfalls zu dieser Jahreszeit. Der Bootsführer hat den Motor abgestellt, und so treiben wir ein wenig dahin und warten, dass sich irgendwo ein Flussdelfin zeigt. Die Luft flimmert über dem Wasser, es ist Mittagszeit. In der Nähe holt ein Fischer in seinem Boot die Netze ein. Der Mekong ist ein ungemein fischreicher Fluss mit mehr als 100 Fisch-
arten. Wir warten, doch es tut sich nichts. Bis plötzlich in einiger Entfernung eine Finne (Rückenflosse) aus dem Wasser ragt, dann noch eine. Und schon sind sie wieder verschwunden und tauchen auch nicht mehr auf. Es gibt sie also, die Irrawaddy-Delfine in Laos.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-12 16:53:05
Letzte ─nderung am 2017-01-14 17:42:20



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