• vom 07.05.2017, 15:00 Uhr

Reisen


Rhodos

Ein italienischer Rittertraum




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Von Robert Schediwy

  • Die Hauptstadt der Insel Rhodos ist eine viel besuchte Sehenswürdigkeit. Ihre historischen Bauten erhielten jedoch erst in den 1930er Jahren die schöne Gestalt, die bis heute zu sehen ist.



Das "Regierungsgebäude" in Rhodos mit spätgotisch verschönter Fassade.

Das "Regierungsgebäude" in Rhodos mit spätgotisch verschönter Fassade.© Schediwy Das "Regierungsgebäude" in Rhodos mit spätgotisch verschönter Fassade.© Schediwy

Die Insel Rhodos ist heute ein gerne besuchtes Ziel des Kreuzfahrt- und Badetourismus, sie hat aber auch auf kulturellem Gebiet einiges zu bieten. Mit der berühmten Ritterstraße und dem Großmeisterpalast präsentiert sie sich - ähnlich dem viel weiter westlich gelegen Malta - als stolzer Vorposten abendländischer Kreuzritterherrlichkeit. In der Kurzbeschreibung der Altstadt als UNESCO Weltkulturerbe steht das so: "Der Johanniter-Ritterorden besetzte Rhodos 1309 bis 1523 und verwandelte die Stadt in eine Festung. Sie geriet in der Folge unter türkische und italienische Herrschaft. Mit dem Großmeisterpalast, dem großen Hospital und der Ritterstraße ist die Oberstadt eines der schönsten städtischen Ensembles der gotischen Epoche. In der Unterstadt steht gotische Architektur neben Moscheen, öffentlichen Bädern und anderen Gebäuden der ottomanischen Periode". (Übersetzung des Autors, der englische Text steht auf der UNESCO- Website)

Zankapfel Ost/West

In Wahrheit ist die Sache freilich komplizierter. Zum einen stellt sich die Frage: Wie "wirklich gotisch" sind die genannten gotischen Gebäude der Oberstadt? Zum anderen erscheint es doch am Platze, sich mit der Bedeutung der hier bloß ganz am Rande genannten italienischen Periode genauer auseinanderzusetzen. Dabei wären heute recht wenig bekannte Namen wie Mario Lago und sein Leibarchitekt und Stadtplaner Florestano di Fausto zu nennen. Sie haben in beachtlichem Maße das aktuelle Bild der schönen Stadt Rhodos geprägt.

Die strategisch günstig gelegene Insel Rhodos und ihre gleichnamige Hauptstadt waren seit der Antike ein Zankapfel zwischen Ost und West, häufig besetzt von fremden Herren, angefangen von den Persern, Phöniziern und Römern bis zum Horror der kurzen deutschen Besatzungszeit gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Inselgriechen, seit der Reichsteilung von 395 dem oströmischen, also Byzantinischen Reich zugehörig, wurden 1309 von aus Jerusalem vertriebenen Johannitern unterworfen. Sehr beliebt waren die katholischen "Franken" bei der einheimischen, griechisch-orthodoxen Bevölkerung nicht. Die meist aus Frankreich kommenden Ritter regierten mit harter Hand und achteten auf Distanz zu den ansässigen Griechen. Ihr Abgang wurde von diesen nicht unbedingt als Verlust empfunden. Fast vier Jahrhunderte lang, von 1523 bis 1912, war Rhodos dann Teil des Osmanischen Reiches und die mittelalterlichen Häuser der Altstadt wurden von den neuen Herren in Besitz genommen.

Information

Robert Schediwy, geboren 1947, lebt als Sozialwissenschafter und Kulturpublizist in Wien. Verfasser zahlreicher Sachbücher. Unlängst erschienen: Menschen Mächte Monumente – Architektur Urbanistik Geschichte. (LIT Verlag, Wien 2017) Der Aufsatz hier ist ein Auszug aus diesem Buch, das sich mit Fragen aus dem Grenzbereich von Architektur, Urbanistik, Politökonomie und Psychologie in internationaler Perspektive beschäftigt.

Italien, wie Deutschland eine "zu spät gekommene" europäische Großmacht, konnte erst knapp vor dem Ersten Weltkrieg nennenswerte Kolonien erwerben. Als Frucht des italienisch-türkischen Krieges von 1911 bis 1912 gelang es aber doch, wenigstens Libyen und die ägäischen Inseln des sogenannten Dodekanes zu ergattern. 1912 bis 1943 stand damit auch Rhodos unter italienischer Besatzung.

Wie bei allen Herrschaftssystemen auf prekärer Grundlage, stellte sich auch bei den neu erworbenen Kolonien Italiens die Frage nach der historischen Rechtfertigung der Landnahme - und hier kommt der katholische Johanniterstaat ins Spiel. Etwa vier Jahrhunderte hatte man seine Baudenkmale zweckentfremdet oder schlicht verkommen lassen - der Großmeisterpalast der Kreuzritter wurde beispielsweise zum Gefängnis und Munitionsdepot.

Nun wurden diese historischen Erbstücke im Sinne der "mare nostrum"-Ideologie neu entdeckt und liebevoll restauriert bzw. im Bedarfsfall sogar "nachgeschaffen". Kurz und klar gesagt: Die Altstadt von Rhodos, wie wir sie heute sehen, ist in großem Ausmaß ein Produkt historisierender Restaurierung durch das faschistische Italien, einer Restaurierung, die ganz bewusst das Erbe der Johanniter hervorhob.

Politik und Baukunst

Wie ging das vor sich? Man muss zugeben: in relativ zivilisierter Art. Erster Zivilgouverneur der Insel war der Karrierediplomat Mario Lago (1878-1850). Nicht zuletzt seinem ausgleichenden Wirken ist es zu verdanken, dass die italienische Periode, gemessen an den sonstigen Schicksalen von Rhodos, heute als relativ glückliche Zeit erinnert wird. Als ersten Akt seiner Regierung bestellte Mario Lago den Hauptarchitekten und Entwerfer des Regulierungsplans der Stadt Rhodos, Florestano di Fausto (1890-1965). Und dieser junge Architekt hatte es in sich. Sein Regulierungsplan ging davon aus, das historische Zentrum von Alt-Rhodos intakt zu bewahren. Der Handelshafen, der Touristenhafen, die Wohnviertel, die archäologischen Stätten sollten sich aber harmonisch und wie bei einem Bühnenbild um diesen Kern gruppieren. Allerdings spielten hier nicht nur ästhetische Gesichtspunkte mit: Um die Beziehungen zur nahen, wieder erstarkten Türkei nicht zu stören, sollte beispielsweise ein Friedhof, der als Begräbnisstätte zahlreicher Belagerer von Rhodos aus 1523 fungierte, vor der Zerstörung bewahrt werden.

Di Fausto wusste offenbar genau über die ihm zugewiesene Aufgabe Bescheid, nämlich einerseits ein schönes "Bühnenbild" zu schaffen und andererseits die von Mario Lago gewählte politische Option einer Versöhnung der hauptsächlichen Volksgruppen im Dodekanes (Griechen, Türken und Juden) unter italienischer Führung zu unterstützen. (Lago, ein kultivierter Gentleman mit guten Verbindungen zur italienischen Königsfamilie, aber auch zu Benito Mussolini, hat übrigens 1941 bei Mondadori einen umfangreichen Roman veröffentlicht, in dem er seine Kultur- und Versöhnungsarbeit im Detail beschreibt.)

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-05 16:27:17
Letzte ─nderung am 2017-05-05 17:09:37



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