• vom 22.07.2017, 14:00 Uhr

Reisen

Update: 27.07.2017, 16:46 Uhr

Reisekunst

Reisen mit Geist und Verstand




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Von Daniel Rössler

  • In Zeiten des Massentourismus ist das Bewusstsein dafür geschwunden, dass das Unterwegssein eine Kunst ist. Aber man kann aus der Vergangenheit lernen, wie man sich klug bewegt.



Wie interpretiert man das Gesicht eines indischen Rikschafahrers?

Wie interpretiert man das Gesicht eines indischen Rikschafahrers?© Ullstein Bild/Image Broker/Olaf Krüger Wie interpretiert man das Gesicht eines indischen Rikschafahrers?© Ullstein Bild/Image Broker/Olaf Krüger

Das Tor zur Welt, es öffnete sich mir an einem Schalter der Österreichischen Bundesbahn. In einer grauen Wartehalle schob mir ein grauer Beamter ein graues Billett zu, und als ich es in meinen Händen hielt, war die Erde mit einem Male bunt. Ich roch italienischen Kaffee und niederländisches Gras, hörte spanischen Flamenco und die Glocken des Vatikans, spürte das Salz des Mittelmeers auf meiner Zunge und seine Brise auf meiner Haut. Ich war achtzehn Jahre alt und fühlte zum ersten Mal die Nahbarkeit der Erde.

Vor mir befand sich kein ÖBB-Schalter mehr, sondern der Eingang zur Welt. Das Interrail-Ticket war meine Eintrittskarte. Aber hätte mir nicht irgendjemand auch so etwas wie eine Anleitung in die Hand drücken können?

Ars apodemica

Das Reisen ist eine Kunst. Beherrscht wird sie nur von wenigen, und obwohl wir heute weiter, schneller und öfter reisen als jede Generation vor uns, werden wir nicht in ihr geschult. Das war einmal anders. Es gab eine Zeit, in der das Unterwegssein keinen Vergnügungs-, sondern einen Bildungsauftrag besaß. In der junge Menschen als Teil ihrer Erziehung in die weite Welt geschickt wurden. In der das Reisen eine Wissenschaft war. "Reisen will gelernt sein", hat Francis Bacon gegen Ende des 16. Jahrhunderts gesagt, und damit eine Bedingung formuliert, die sich über Jahrhunderte hinweg und für Generationen von Reisenden als praktischer Anspruch erhalten sollte.

Nicht zum Spaß fuhr man durch die Welt, sondern um diese Welt entdecken, verstehen, beschreiben zu können. Es war die Zeit der Renaissance, des Forschungsdrangs, der geistigen Befreiung aus dem starren, kirchlichen Gedankenkorsett des Mittelalters, und jede Reise versprach neue Erkenntnis. Vorausgesetzt, man unternahm sie richtig. Mit Vorbereitung, System, Methode - und mit einer gewissen Kunstfertigkeit. Das Reisen wurde als Tätigkeit begriffen, die auf Wissen, Übung und Fertigkeiten beruht, und all dies musste erlernt und diszipliniert angewendet werden.

Information

Daniel Rössler, Soziologe und Autor, arbeitet und schreibt derzeit in Papua-Neuguinea. In der Kunst des Reisens übt er sich seit eineinhalb Jahrzehnten, Details unter www.apodemiker.com.

Das Reisen war eine Kunst, und ihre Wissenschaft war die Apodemik. Die Ars apodemica - abgeleitet vom griechischen apo-dhmeo ("auf Reisen sein") - blühte vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, und sie umfasste ein breites Programm: die Wissenschaft, Kunst und Theorie des Reisens zum einen, die praktische Reiseinstruktion und literarische Gattung zum anderen. Das Unterwegssein wurde auf ein akademisches Niveau gehoben, die Bewegung von A nach B methodisiert.

Das eigentliche Ziel war nicht mehr, B zu erreichen, sondern am Weg dorthin zu lernen, Erfahrungen zu machen und Erkenntnisse zu gewinnen. Alles, was dafür zu tun war, wurde den Reisenden in Apodemiken vermittelt. Diese theoretischen Reiseanleitungen wurden ihnen vor Abreise in die Hand gedrückt, und sie erklärten detailliert, wie die Reise zu organisieren, wie sie zu beobachten, wie sie zu beschreiben war. Es waren Instruktionen für das gute Reisen, und sie leuchteten Generationen von Entdeckern den Weg durch die Fremde aus.

Mir hat damals niemand irgendetwas ausgeleuchtet, der ÖBB-Beamte gab mir nicht einmal einen Fahrplan mit. Aber es war mir egal: Ich hatte ein Ticket, zwei Freunde und vier Wochen Zeit.

Bei der Abreise hatte ich außerdem noch vierundzwanzig Dosen Bier, wer brauchte da schon eine Apodemik? Der Zug rollte los, wir stießen an, die Länder Europas warteten auf uns. Nach dem dritten Bier hatten wir die erste Grenze überquert. Nach dem fünften Bier fühlte ich mich wie Leonardo DiCaprio am Bug der Titanic. Statt mit einem Schiff durch den Atlantik fuhr ich mit der Deutschen Bahn durch Niederbayern, aber ich war trotzdem der König der Welt. Nach dem sechsten Bier wurde ich plötzlich sehr müde. Als ich wieder aufwachte, war ich in Holland. Der Erkenntnisgewinn in dieser frühen Phase der Reise hielt sich in engen Grenzen, aber ich nahm mir vor, ab sofort klaren Auges und nüchternen Verstandes durch die Welt zu ziehen.

Grand Tour

Hätte dieser Euro-Trip ein paar Jahrhunderte früher stattgefunden, dann wäre er gesitteter und zielgerichteter verlaufen, und er hätte den klingenden Namen "Grand Tour" getragen. So bezeichnete man ab dem 16. Jahrhundert jene Reise, die junge Männer als Teil ihrer Erziehung und zum Ende ihrer Ausbildung unternehmen mussten, und die ihnen den "letzten Schliff" verleihen sollte. Für Monate, manchmal Jahre, verließen die Teens und Twentiesomethings ihre adeligen und bürgerlichen Elternhäuser, um in der Fremde Reife und Veredelung zu erlangen.

Die große Tour war eine biographische Notwendigkeit, ein Muss im Lebenslauf, eine Voraussetzung, um später leitende Funktionen in Politik und Administration einnehmen zu können. Es waren Studienreisen, die den Horizont erweitern und das Wissen erhöhen sollten, den jungen Flaneuren aber gleichzeitig auch Abenteuer und lange Nächte verhießen. Aus den Reiseberichten jener Zeit ist zu erkennen, dass auf einer Grand Tour nicht nur der Wissenschaft, sondern auch dem Wein, der Musik und dem anderen Geschlecht gefrönt wurde, und dem Veredelungsgrad hat vermutlich nichts davon geschadet.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-20 17:15:06
Letzte ńnderung am 2017-07-27 16:46:55



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