• vom 22.07.2017, 14:00 Uhr

Reisen

Update: 27.07.2017, 16:46 Uhr

Reisekunst

Reisen mit Geist und Verstand




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Dass sich die Ausschweifungen zumeist in Grenzen und einem pädagogisch wertvollen Rahmen hielten, hatte nicht zuletzt mit den Apodemiken zu tun. Sie lieferten die Anleitung für das richtige, nutzbringende Reisen, und zugleich einen Leitfaden für das rechte Beobachten und fachgemäße Berichten. Für Bacon war genau das der Hauptzweck einer jeden Tour: "Die sinnvoll Reisenden sind Berichterstattende" notierte er in seinem 1597 erschienenen Essay "Über das Reisen", und verlieh dem Reisebericht dadurch nachhaltige Bedeutung. Also führten die jungen Männer auf ihrer Grand Tour Tagebuch, machten Aufzeichnungen, schrieben Briefe - und schufen, indem sie ihre Beobachtungen in der Fremde schriftlich festhielten, dadurch gleichsam neue Apodemiken.

Es war ein Perpetuum Mobile des kulturellen Lernens, und es hätte sich ewig weitergedreht, wäre ihm nicht mein Zug in die Quere gekommen.

Vier Wochen in belgischen, französischen, spanischen, portugiesischen Zügen haben mich weiter durch Europa geführt, als eine jahrelange Grand Tour dazu in der Lage gewesen wäre. Ich habe morgens Espresso in Rom und abends Wein in Paris getrunken, und ich brauchte nicht einmal eine Kutsche dafür.

Urlaub statt Bildung

Für lange Zeit war das Reisen einer reichen Oberschicht vorbehalten, mit der Erfindung von Eisenbahn, Dampfschiff und Flugzeug aber hat es sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts demokratisiert. Plötzlich tat sich auch für die breite Bevölkerung die Tür zur Fremde auf, und immer größere Massen drängten sich durch sie hindurch. Das Unterwegssein veränderte seinen Charakter, wurde breitentauglich, niederschwelliger, einfacher. Dass das Reisen ursprünglich mit Arbeit verbunden war - das englische Wort "travel" ist dem französischen "travail" verwandt, der Begriff "Tourismus" betont die Tour - wurde nach und nach vergessen.

Plötzlich machte man "Ferien" und "Urlaub", und die Reise wurde damit von jeder Form der Anstrengung und jedem Bezug zur Fortbewegung losgelöst. Der aufstrebende Massentourismus versprach Unterhaltung, Regenera- tion und gebräunte Haut, für körperliche und geistige Mühen war darin kein Platz: Sonnenbrand statt Erkenntnisgewinn, Komfort statt Strapaze, Animation statt Apodemik. Die Wissenschaft des Reisens hatte sich überflüssig gemacht, nach einer Kunst des Reisens stand niemandem mehr der Sinn. Heute ist sowohl der Begriff, als auch die Literaturgattung unbekannt - die Apodemik gibt es nicht mehr. Dabei würde sie dringend benötigt.

Denn wir reisen so viel, wie nie zuvor. Wir fliegen für einen Einkaufsbummel nach London, für eine Alkoholvergiftung nach Mallorca, und zum Abendessen sind wir wieder daheim. Wir legen während eines einzigen Interkontinentalflug-Snacks mehr Kilometer zurück, als frühere Reisende während entbehrungsreicher Wochen auf hoher See, und danach beschweren wir uns noch darüber, dass es im Hühnchen-Sandwich eine Spur zu viel Thymian und im Filmangebot zu wenig deutschsprachige Komödien gab.

Verständnishilfen

Wir sind bequem geworden. Wir wähnen uns in einem globalen Dorf, und wir glauben alle Nachbarn zu kennen. Wir besuchen sie mit einer Selbstverständlichkeit, mit der man schnell einmal Salz holen geht, und niemand hält uns an, niemand hilft uns dabei, uns gewissenhafter vorzubereiten. In der Schule wird uns beigebracht, wie man Regressionen berechnet und Goethe interpretiert, aber wie interpretiert man eigentlich das Nicken eines indischen Rikschafahrers? Die Ratgeberliteratur verhilft uns "In fünf Minuten zu innerem Gleichgewicht" und einem "Darm mit Charme", aber wie findet man in einer brasilianischen Favela den Weg zur Toilette? Im Fernsehen zeigt man uns Survivalshows, aber was ist mit dem Hunger, der Armut, dem echten Überlebenskampf der einen Milliarde von Menschen, die nicht eine freiwillige Nacht, sondern ein ganzes Leben unter widrigen Umständen verbringen muss?

Just in Zeiten größter touristischer Aktivität hat sich deren pädagogische Begleitung auf ein Minimum reduziert. Es gibt kein akademisches Programm mehr dafür, und so bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als selbst zu forschen. Hinauszuziehen in die Ferne, hineinzuspringen in das Fremde, einzutauchen in die Welt und sie mit Interesse und Respekt Stück für Stück verstehen zu lernen.

Das Tor zu dieser Welt, es tat sich mir vor fünfzehn Jahren in der grauen Wartehalle eines Provinzbahnhofs auf. Ich bin hindurchgegangen und nie wieder zurückgekommen. Als Tourist sprang ich in den ersten Zug, als Reisender stieg ich vier Wochen später aus dem letzten wieder aus. Mein Herz war voll von Europa und der Sehnsucht nach der Welt. Ich musste sie sehen, und ich musste lernen, wie das geht. Die Apodemik gibt es nicht mehr. Aber das Reisen ist immer noch eine Wissenschaft für sich.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-20 17:15:06
Letzte ńnderung am 2017-07-27 16:46:55



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