• vom 13.08.2017, 12:30 Uhr

Reisen


Plakatkunst

Leitbilder der Sehnsucht




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Anton Reckziegel wurde am 27. Juli 1865 im böhmischen Gablonz als viertes Kind des Glasschneiders und -druckers Eduard Reckziegel geboren. Schon früh durchkreuzte Antons künstlerisches Talent die Berufspläne der Eltern, wonach er Glasbläser werden sollte: Der Sohn ersparte sich das Los des verhinderten Künstlers, erlernte das Handwerk des Lithografen und besuchte die Gablonzer Kunstgewerbeschule. In der Freizeit aquarellierte er das Hügel- und Gebirgsland der Umgebung. Mit 19 zog er zu seinem älteren Bruder Eduard, einem Kunstmaler, nach Graz, und absolvierte an der Technischen Hochschule eine Ausbildung als Landschaftsmaler.

Nach dem Militärdienst in Bosnien wird Anton Reckziegel in die Kartografie des K.k. Militärgeografischen Instituts Wien einberufen. Trotz Lebensstelle kehrt er lieber zurück nach Graz, wo er für die Lithografische Kunstanstalt Matthey arbeitet. 1893 schließlich übersiedelt er, nunmehr verheiratet mit der Wienerin Anna, in die Schweiz. Er tritt eine Stelle in der Kunstanstalt Müller & Co in Aarau an, wo er Plakat- und Broschürenbilder für die Fremdenverkehrswerbung entwirft. Diese steckt noch in den Kinderschuhen: es mangelt dem Land an versierten Grafikern. Die allerersten Reiseplakate wurden in Paris gedruckt! Reckziegel leistet Pionierarbeit.

Bei den frühen Plakaten steht noch die Orientierungsfunktion im Vordergrund: Sie sind ein Puzzle aus Veduten, Panoramen, Vogelschauen, Symbolen, Allegorien - und Fahrplänen. Reckziegel bezeichnet sich damals offiziell noch als Kunstmaler. Seine Kunst in den Dienst der Werbung zu stellen, war für Maler ebenso "unwürdig" wie für Schriftsteller. Das Künstlerplakat wird noch lange nicht als eigene Kunstform anerkannt, sondern als gewerbliches Erzeugnis.

Moderate Modernität

Bald werden die Bilderfluten in Prospekte ausgelagert, die Plakate auf ein einziges Bild reduziert - und auch im Sammler-tauglichen Kleinformat bzw. als Postkarte aufgelegt. Im Jahr 1898 holt ein Kollege aus Aarau Reckziegel als Chefgrafiker nach Bern in seine Kunstanstalt Hubacher & Cie. Der Altösterreicher setzt nun auf eine moderate Modernität, nimmt Elemente des Jugendstils auf, reduziert die topografische Genauigkeit des Landschaftsbildes zugunsten von Atmosphäre. Er erwirbt schweizweit einen hervorragenden Ruf als "Maître d’affiche", wie man Plakatkünstler nannte. Modisch-elegante Reisende (auch beim Sport - eine Motiv-Premiere!), Grandhotels, Dampfschiffe und -eisenbahnen dominieren seine Bilder.

Reckziegel etabliert sich auch als selbstständiger Kunst- und Plakatmaler, arbeitet u.a. für die Norwegischen Staatsbahnen (Wandbild für den Bahnhof Oslo). 1907 sind seine Werke in einer großen Personale in Genf zu sehen. Doch dem Kunst-Plakat erwächst Konkurrenz durch die Fotografie; das lithografische Kunstgewerbe gerät in die Krise. Reckziegel kehrt 1909 nach Wien zurück und entwirft Postkarten für den Deutschen Schulverein. Alsdann übersiedelt er nach Mödling, wo er bis zu seinem Tod am 18. Oktober 1936 als Landschaftsmaler und Illustrator tätig ist. Sein Blick auf die Schweiz hat Leitbilder der Sehnsucht geschaffen, die lange nachwirkten.

Tourismusverband

Ab 1910 prägt eine junge Grafikergeneration die Reisewerbung. Ihr Plakatstil ist von Ferdinand Hodlers ornamental-reduzierter Landschaftsästhetik geprägt. Emil Cardinaux heißt einer der neuen Meister. Auf seine Bildsprache setzt auch die 1917 gegründete Schweizerische Verkehrszentrale (seit 1995 "Schweiz Tourismus"). Zwei Ausstellungen begleiten das heurige 100-Jahr-Jubiläum der Organisation (siehe Information).

Selbst das Sehnsuchtsziel Schweiz unterliegt dem Einfluss der Zeitläufte - und reagiert mit gezielter Zusatz-Werbung. In den 1930ern etwa bot das Land, unter der Image-Last der "Hochpreisinsel", Billigbenzin für Touristen und Reduktionen für Flitterwöchner.

1945-47 lud man GI’s zur Erholung ein, schickte Bilder der Soldaten vor Uhrengeschäften oder auf Tourenskis um die Welt und erzielte damit einen riesigen PR-Erfolg. In den von der Erdölkrise geprägten 1970ern wiederum umwarb man den qualitätsbewussten Individualtouristen. 2015 löste die Aufhebung des Euro-Mindestkurses eine nächste Offensive aus: Schweizer Prominenz erzählte ihre Urlaubserlebnisse unter "#Verliebt in die Schweiz"; dazu gab es attraktive Angebote. Zudem bieten insbesondere die Schweizer Alpen höchst werbewirksame Filmkulissen: mit Bergsteigerdramen, dem Bond-Dreh auf dem Schilthorn, indischen Bollywood-Filmen und chinesischen Seifenopern erreichte man ein Millionen-Publikum.

Der Schweizer Tourismus ist einer der größten Arbeitgeber des Landes, erwirtschaftete 2014 2,6 Prozent des BIP. Sein Gipfel-Marketing treibt übrigens mitunter wundersame Blüten. So wurde auf der Rigi im Jahr 2015 ein Felsblock aus China aufgestellt - als Magnet für Touristen aus dem Reich der Mitte. Neue Zeiten, neue Bilder.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-10 18:03:08
Letzte ─nderung am 2017-08-11 16:38:08



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