• vom 12.08.2017, 14:00 Uhr

Reisen


Reportage

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Von Philipp Lichterbeck

  • Kolumbien wird bei Touristen immer beliebter: Eine der Hauptattraktionen ist die Verlorene Stadt, die man nach einer dreitägigen Dschungelwanderung erreicht.



Runde und ovale Mauerreste, die sich in Terrassen den Berg hinaufziehen. Viel mehr ist nicht übrig von Ciudad Perdida, der Verlorenen Stadt, im Dschungel der Sierra Nevada.

Runde und ovale Mauerreste, die sich in Terrassen den Berg hinaufziehen. Viel mehr ist nicht übrig von Ciudad Perdida, der Verlorenen Stadt, im Dschungel der Sierra Nevada.© Lichterbeck Runde und ovale Mauerreste, die sich in Terrassen den Berg hinaufziehen. Viel mehr ist nicht übrig von Ciudad Perdida, der Verlorenen Stadt, im Dschungel der Sierra Nevada.© Lichterbeck

Und dann rennt der schon wieder an uns vorbei. In weißer Tunika und weißen Hosen nimmt der Kogi leichtfüßig die Steigung; die Beine stecken in Gummistiefeln, die langen schwarzen Haare wehen im Wind. Auf der Stirn des kleingewachsenen Indios zeigt sich kein Schweißtropfen. Und so, als ob er unsere Wandertruppe verhöhnen wollte, bleibt er oben stehen und holt aus seiner Umhängetasche wieder den Poporo: einen kleinen ausgehöhlten Kürbis mit langem Hals. Das Ding, so viel wissen wir bereits, ist mit Muschelkalk gefüllt. Der Kogi führt einen Stab hinein, leckt daran und reibt die Spucke an der Außenhaut des Kürbisses ab.

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Philipp Lichterbeck, geboren 1972, lebt zur Zeit in Rio de Janeiro und arbeitet als Journalist für verschiedene Printmedien.

Der Effekt ist verblüffend: Mit den Monaten wird der Poporo durch die Kalkablagerungen immer größer - bis er schließlich zu voluminös ist, um im Beutel der Kogis mitgeführt zu werden. Dann wird ein neue Poporo in Angriff genommen.

Dem Kogi-Glauben zufolge stellt eine so gewachsene Kalabasse die Materialisierung der Gedanken ihres Besitzers dar. Je besser die Gedanken, umso schöner der Poporro. Aber der Poporo unseres Begleiters ist noch klein, daher muss sein Wachstum stetig befördert werden. Das heißt: alle fünf Minuten. Die Poporo-Pflege hindert den Kogi aber nicht daran, wie ein Wiesel durch den Dschungel zu flitzen. Der Mann ist der Koch unserer Wandergruppe und will vor uns im Camp sein, um das Abendessen vorzubereiten. Nicht in seiner Funktion als Koch ist er komplett in Weiß gekleidet. Die Kogis tragen immer und überall weiß.

Aufbäumen der Anden

Ein schmaler Pfad windet sich durch den Dschungel der Sierra Nevada de Santa Marta. Das Gebirge am nordöstlichsten Zipfel Kolumbiens ist das letzte Aufbäumen der Anden, bevor der südamerikanische Kontinent in der Karibik abfällt. Ihre beiden höchsten Gipfel sind 5700 Meter hoch und machen die Sierra Nevada zum zweithöchsten Küstengebirge der Welt. Küstengebirge ist hier wörtlich zu verstehen: Nur einige Kilometer weiter unten kann man am Strand liegen, Cocktails trinken und sich vorstellen, wie der Wind über die schroffen Berge pfeift, die schneebedeckt am Horizont aufragen.

Ob dieser Strandperspektive ergibt sich natürlich die Frage, was wir hier machen, durchgeschwitzt, verschlammt, von Moskitos attackiert und von Kogis verhöhnt. Die Antwort lautet: Wir sind auf dem Weg zur Ciudad Perdida - der Verlorenen Stadt, ein von Mythen umrankter Ort tief in der Sierra Nevada, zwei Tagesmärsche von der nächsten Siedlung entfernt. Jahrhundertelang lag Ciudad Perdida vergessen im Urwald, bis Grabräuber 1972 auf eine steinerne Treppe im Dschungel stießen, deren Ende sie nur erahnen konnten, so weit führte sie einen Berg hinauf. Oben fanden die Männer die Mauern Hunderter kreisrunder Gebäude.

Die Anlage, so glaubt man heute zu wissen, war einst das reli-giöse und politische Zentrum der präkolumbischen Tayrona-Kultur. Errichtet um das Jahr 800, wurde sie von ihren Bewohnern im 16. Jahrhundert wieder verlassen und vom Urwald verschluckt. Nur die Nachkommen der Tayronas - die Kogis, Arhuaco und Wiwas - besuchten die Ruinenstätte weiterhin sporadisch, hielten ihre Existenz aber geheim.

Ab 1976 legte die kolumbianische Regierung Ciudad Perdida frei und stellte sie unter Denkmalschutz. Dennoch war der Besuch lange nur unter großen Risiken möglich. Der kolumbianische Bürgerkrieg beherrschte auch die Sierra Nevada: In den Bergen patrouillierte die linke Guerillatruppe ELN, die 2003 acht Ausländer aus Ciudad Perdida entführte. Weiter unten trieben rechte Paramilitärs ihr Unwesen. Dazwischen lebten rund 30.000 Indigene, die Fremden den Zutritt zu großen Teilen der Sierra Nevada verweigerten. Sie tun dies bis heute. Nur eine einzige Route zur Verlorenen Stadt haben sie freigegeben. Dafür erhalten sie einen Teil der umgerechnet 250 Euro, die man für die viertägige Wanderung samt Unterkunft und Verpflegung zahlt.

Für die Sicherheit sorgt jetzt der Staat. Als wir am Vormittag in dem Dorf Machete Pelado die Wanderung begannen, standen dort Soldaten der kolumbianischen Armee. Zwei Tage später werden wir in Ciudad Perdida auf einen Militärposten treffen. Die Botschaft ist klar: Hier wird niemand mehr entführt. Und so hat das Ende des Bürgerkriegs zu einer regelrechten Explosion der Trekkingtouren geführt. Allein ist man bei diesem Abenteuer jedenfalls nicht mehr.

Nach längerem Anstieg kommen wir an einem Holzverschlag vorbei, in dem ein fröhlicher Bauer isotonische Getränke sowie Kokablätter aus eigenem Anbau anpreist. Wir erinnern uns, dass letztere in einem Subprodukt auch als bolivianisches Marschierpulver bezeichnet werden, und sagen: Her damit, guter Mann!

Eine Handvoll Blätter in die Backe geschoben, und schon marschieren wir fidel drauflos und erfreuen uns an der Landschaft. Schluchten tun sich auf, aus denen gewaltiges Flussrauschen aufsteigt, die Berghänge ziehen sich immer steiler in den Himmel, intensiver wird auch das Schreien, Warnen und Singen der Vögel, das Klopfen der Spechte und das Schnarren der Zikaden - und in vielen Momenten: die plötzliche Stille. Hier ist man wirklich mal weg, keine Straßen, kein Strom, kein Internet.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-10 18:06:07
Letzte nderung am 2017-08-11 16:36:08



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