• vom 12.08.2017, 14:00 Uhr

Reisen


Reportage

Näher bei den Göttern




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Stunde der Schlangen

Die Sierra Nevada ist seit 1964 kolumbianischer Nationalpark und gilt heute als eines der weltweit wichtigsten Schutzgebiete für bedrohte Tierarten, etwa den Jaguar und den Kondor.

Pünktlich mit dem Sonnenuntergang gelangen wir zum ersten Camp. Das Camp Alfredo besteht aus drei Dutzend robusten Doppelstockbetten sowie Hängematten unter einem Wellblechdach. Die Betten sind mit Gummima-tratzen und Moskitonetzen ausgestattet. In einem Betonbau gibt es ein paar rudimentäre Duschen. Aber wir bevorzugen einen nahe gelegenen Bach fürs Bad. Als wir zurückkommen, ist einer unserer Führer ganz aufgeregt. Nach Einbruch der Dunkelheit solle man im Camp bleiben, es sei die Stunde der Schlangen.

Es kommen dann noch zwei weitere Wandergruppen im Camp an, und wir sitzen mit Holländern, Schweizern, Amerikanern, Franzosen, Italienern, Argentiniern und Kolumbianern an einer langen Holztafel, schaufeln Rindfleisch, Reis und Yucca in uns hinein, der Kogi-Koch hat ganze Arbeit geleistet. Transportiert wird die Verpflegung von Mulis, die mit riesigen Säcken die Pfade entlang getrieben werden.

Um 5 Uhr 30 heißt es: Aufgestanden! Der Wald erwacht mit einem Sinfoniekonzert aus Vogelgesängen. Als Frühstück gibt es Eier, Bananen und dünnen Kaffee. Eine 14 Kilometer lange Etappe liegt vor uns, die eigentliche Herausforderung. Der Pfad ist so verschlammt, dass man sich seitlich an ihm vorbeischlagen muss. Es folgen atemraubende Steigungen; und Abhänge, welche die Knie harten Belastungsproben unterziehen. Es geht barfuß durch Flüsse, an gespannten Seilen entlang. An einer besonders bukolischen Stelle ragt auf einer Lichtung eine Kogi-Siedlung aus dem hohen Gras: Rundhütten aus Holz, deren Dächer spitz zulaufen. Sie symbolisieren die höchsten Berge der Sierra Nevada, die den Kogi heilig sind.

Ein paar Kogi-Frauen sitzen im Freien, erwidern aber unsere Grüße nicht. Die Kogis sind gespalten, was den Umgang mit Touristen angeht. Einige Gruppen lehnen den Kontakt mit der Außenwelt ab und haben sich in die Berge zurückgezogen. Andere haben einen Kompromiss gefunden und kooperieren mit den Tourveranstaltern. Beeindruckend ist, wie sie an ihrer Kosmologie und Spiritualität festhalten. Die Kogi betrachten sich als Hüter von Mutter Erde. Die Sierra Nevada ist ihr Herz, das sie beschützen müssen. Ohne ihr Herz stirbt die Welt, sagen sie.

So richtig das sein mag, so archaisch wirken viele der Kogi-Traditionen. Nur Männern ist es gestattet, Schuhe zu tragen, Frauen und Kinder laufen barfuß. Und während die Frauen Holz sammeln oder auf dem Feld arbeiten, sieht man die Kogi-Männer zumeist an ihren Poporos herumspachteln, deren Handhabung wiederum den Frauen untersagt ist. Auch Kokablätter dürfen nur die Herren der Schöpfung kauen. Mädchen hingegen werden mit der ersten Periode vermählt - und von da an heißt es: Kinder kriegen. Diese warten an einigen Stellen des Weges und betteln um Süßigkeiten. An einer Raststelle sieht man eine Gruppe von Kogis wie hypnotisiert auf einen Fernseher starren, der per Generator betrieben wird. Ein Bild brutaler Widersprüchlichkeit.

1200 Stufen hinauf

Als die Sonne zu Mittag ihren Zenit erreicht, machen wir an einem Fluss halt und baden im kristallklaren Wasser. Kurz darauf beginnt es zu schütten. Völlig durchnässt erreichen wir das nächste Camp, das rappelvoll ist, denn eine Schulklasse aus Bogotá hat es in Beschlag genommen. Einer ihrer Begleiter erzählt, dass die Kids lernen sollen, ohne Internet klarzukommen . . .

Am nächsten Morgen heißt es erneut früh raus. Ciudad Perdida liegt nur noch wenige Kilometer entfernt, und wir wollen als Erste oben sein. Wir waten durch den Rio Buritaca und finden die legendäre Treppe zur Verlorenen Stadt. Sie besteht aus Steinplatten, ist schmal und rutschig. 1200 Stufen geht es nun vorsichtig hinauf. Und dann ist sie da: die Lost City.

Runde und ovale Mauerreste liegen vor uns, die sich in Terrassen den Berg hinaufziehen. Viel ist nicht mehr übrig von der Verlorenen Stadt. Man braucht etwas Fantasie, um sich das Leben der 8000 Menschen vorzustellen, die hier gelebt haben sollen. Es ist die Atmosphäre, das Mysterium, von denen der größte Reiz ausgeht.

Wir fragen uns, warum die Tayrona ihre Hauptstadt an diesem abgelegenen, schwer zugänglichen Ort errichtet haben. Die Antwort ist, dass sie sich auf 1200 Metern näher bei den Göttern wähnten. Die runden Strukturen der Gebäude symbolisierten die Gestirne. Die Steine, aus denen die Tayrona ihre Häuser bauten, sprengten sie von Felsen ab, die sie erhitzten und mit kaltem Wasser übergossen.

Als wir vom höchsten Punkt der Anlage auf die Mauerreste hinunter blicken, nähert sich uns ein alter Kogi. Es ist der Schamane Mamo Romualdo. Er bewacht die heilige Stätte. Romualdo ist zu so etwas wie dem Maskottchen der Verlorenen Stadt geworden. Die Touristengruppen, die bald nach uns eintreffen, fotografieren ihn ausgiebig, stellen ihn hier und dort hin. Eine seiner Frauen (Schamanen sind Polygamisten) verteilt Armbänder, die Glück bringen sollen - auch für sie, in Form von ein paar Pesos. Und dann greift der Schamane in seinen Umhängebeutel und holt einen Poporo heraus. Wir beginnen mit dem Abstieg.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-10 18:06:07
Letzte nderung am 2017-08-11 16:36:08



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